Neues Album, schwelgend, Berlin Blues
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 110


Zwei Jahre hat es gedauert, nun ist es Zeit, an dieser Stelle wieder über die Kölnerin M.I.A. zu sprechen. Der Anlass ist diesmal nicht mehr minimal Schwarzweiß, sondern schwelgend Bittersüß. Das neue Album.

Komposita entsprechen offensichtlich M.I.A.s Gemüt, einem so gar nicht binären Gewirr von Gegensätzen, die sich einschließen. Was als kleidungslose Pose auf dem Coverartwork beginnt, setzt sich in den einzelnen Tracks fort. Hier ist fast alles “stripped down”, aber eben auch nicht. M.I.A.s Platte erzählt atmosphärische Geschichten, lädt zum Nachempfinden ein, kommentiert wie eine lethargische Anne Clarke, die keinen Sinn mehr darin sieht laut zu werden, leise lächelnd ihre Zeit. Und Tanzen kann man dazu immer noch. So verwandeln sich die großen eröffnenden Popgesten in minimale Handbewegungen, die in einem ausufernden “Hands up“ ihren Höhepunkt finden, um genauso euphorisch wie introvertiert im Nichts zu verlaufen. Ein post-postmodernes Phänomen und zugleich ein traditionelles Album.

De:Bug: Immer wieder überrascht die Produzentin, ohne zu verstören, jede Voraussagbarkeit scheitert am übernächsten Takt. “Bittersüß” positioniert sie sich im zerbrechlichen Pophimmel genauso sicher wie auf dem Plattenteller der sonntäglichen Afterhour.

M.I.A: Die letzten zwei Jahre konnte ich nicht wirklich Musik machen, das war mir einfach zu viel, ich habe mich in einer Art Leerlauf befunden, aus dem ich nicht heraus konnte. Ich bin nach Berlin gezogen und musste hier erst mal ankommen, wir hatten lange kein Studio und ich habe wohl zu viel Gefallen am Feiern gefunden.

De:Bug: Die Berlin-Falle hat zugeschlagen?

M.I.A: Ja, ich hab mich so lange auf irgendwelchen Afterhours rumgedrückt, bis ich gemerkt habe, wenn ich das noch drei Jahre so weitermache, kann ich mir den Sarg dazu bestellen. Aber ich habe das gebraucht, um meine eigenen Extreme herauszufinden. Und dieses Album ist einfach sehr persönlich. “Under the Bridge“ z.B. habe ich geschrieben, um einen Tag zu verarbeiten, an dem ich mich nach einem Streit mit meinem Freund so abgeschossen habe, dass ich wirklich unter einer Berliner Brücke saß und nicht mehr wusste, wie ich nach Hause komme, wo ich bin und wo ich hin muss. In Köln ging das nicht. Jetzt im Nachhinein habe ich das Gefühl, ich bin damals durch das Raven zur Musik gekommen, durch das Arbeiten an Musik wieder davon weggekommen und habe jetzt noch mal Feldforschung betrieben: Ich musste für das neue Album erst mal wieder Tänzerin sein, um wieder Produzentin sein zu können.

Ein biografisches Album

De:Bug: Mit der musikalischen Weiterentwicklung hat sich auch persönlich vieles verändert und M.I.A. hat endgültig zu ihrer Stimme gefunden. Fast kein Track vergeht, ohne dass wir einen Hauch davon verspüren.

M.I.A: Die Texte sind bewusst zum Teil unverständlich, damit jeder etwas anderes hören kann. Ich werde noch viel mehr Stimme einsetzen, auf dem nächsten Album vielleicht mehr Richtung Jazz gehen. Ich komme halt vom Singen, und nach meiner Reise durch die elektronische Musik bin ich jetzt wieder dort angekommen. Irgendwann will ich vielleicht mal ganz von diesen elektronischen Sachen weg, aber jetzt entspricht mir gerade genau das. Techno habe ich jetzt auch so weit ausprobiert, wie es mir möglich ist. Ich wollte keinen Standard-Minimal machen, damit ich vielleicht irgendwie gefalle, obwohl viele der Tracks eben auch als Minimal funktionieren. Meine erste Platte vor fünfeinhalb Jahren entspricht genau dem Sound, der heute ganze Abende füllt, wo wäre für mich die Entwicklung, wenn ich immer noch das Gleiche machen würde? Ich mag halt einfach keine Dogmen.

De:Bug: Analog zu ihrem Umzug hat sich M.I.A.s Musik von Köln nach Berlin, der “Cold City”, verschoben. Hinzu kam ein Studio-Umbau und neue digitale Instrumente. Widersprüchlicherweise, also ganz M.I.A.s Motto entsprechend, beginnen mit dem digitalen Produzieren analoge Sounds, Gitarrenklänge und Rock- Snares ihren Siegeszug und eröffnen neue Sparten.

M.I.A: Natürlich(klingend)e Instrumente in dem ganzen elektronischen Dogma zu erzeugen, da wollte ich hin. Es ist auch viel zu einfach Computersounds zu verwenden. Und ich habe versucht, durch die Arrangements neue Strukturen zu schaffen.

De:Bug: Das finde ich aber sehr M.I.A.-typisch, deine Arrangements waren schon immer anders komplex und überraschend.

M.I.A: Mir wird halt selber langweilig, wenn ich ein Loop zu lange laufen lasse, ich will experimentieren, ich liebe Melodien, ich muss Sachen richtig ausfeilen, habe diesmal auch viel mehr Zeit mit dem Sound verbracht. Es klingt alles viel besser, viel filigraner, viel räumlicher als auf dem letzten Album, dieses Dumpfe ist weg. Das ist auch der Unterschied zwischenen analogem und digitalem Produzieren, man kann in die Klänge viel mehr eingreifen, die Instrumente haben keine Eigengeräusche, sondern sind endlos manipulierbar. Es ist eigentlich so, dass der Computer diese Platte produziert hat und ich habe sie ausgeführt.
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Elektronische Lebensaspekte.