Text: Gunnar Reski aus De:Bug 18

Black Istanbul – Iskorpit Aktuelle Kunst aus Istanbul – Haus der Kulturen / Berlin Gunnar Reski reski@vossnet.de Die Ausstellungspolitik vom Haus der Kulturen ist ebenso sympathisch wie ehrenrührig. Ehrenrührig in dem Sinn, daß der ganzjährigen Programmreihe “Europa neu denken”, die jetzt mit “Iskorpit” zu zeitgenössisch türkischer Kunst endet, schon etwas von überkommenem (chauvinistischem) Ethnoblick anhaftet, wenn der Ausstellungsanlaß so ein explizit nationalspezifischer ist. Doch weil im selben Institut an anderer Stelle auch intensiv über Postkolonialismus nachgedacht und diskutiert wird, offenbaren sich hier eventuell verschiedene Bewußtseinsstandards innerhalb dieser Institution. Sympathisch und dringend notwendig sind solche Landesschau-Ausstellungen natürlich trotzdem, weil man in jedem Fall hierzulande zuwenig Nicht-West-Kunst zu sehen bekommt, womit sich die Eingangsüberlegung bedingt durch landeseigene Wahrnehmungsdefizite wieder relativiert. Immerhin läßt die überraschende Personalentscheidung, die Konzeption der Documenta 2002 dem hier relativ unbekannten Nigerianer Okwui Enwezor zu übergeben, etwas hoffen. Das Problem, dem man als Zentraleuropäer in solchen Ausstellungen kaum entkommt, ist die eigene lang antrainierte Kulturfalle einer ‘Zivilisiertheit’, die dem eigenen Blick, ohne es zu selbst zu merken, immer wieder ein Höchstmaß an Betrachterkompetenz unterjubelt. So schlendert man dann an türkischer Kunst aus drei Generationen vorbei und denkt sich ekelhaft jovial bis gönnerhaft, ‘ja, schaut doch ganz normal aus. Nach West-Kunst eben’. Supertrottel (ich). Wie kriegt man das weg ? Im Katalog werden ähnlich spendierfreudig dieser Kunst subversive Tendenzen zugeschrieben, indem sie bewußt den Einsatz regionaltypischer Stilcodes vermeidet. Was aber keinesfalls bedeutet, daß viele Arbeiten nicht von staatspolitischen Problemen ausgehen, aber eben ohne diese in vielleicht erwarteten orientalischen Dekors verkleidet, auftreten zu lassen. Dieses deutliche Position-Beziehen ist z.T. mit erheblichen persönlichen Konsequenzen verbunden. Wie man selbst von hier aus mitbekommt, macht der türkische Staat nicht nur in der Kurdenfrage wenig Federnlesen, wenn er sich angegriffen fühlt. So hatte die Künstlerin Gülsüm Karamustafa sechzehn Jahre schlichtweg keinen Paß, was nicht nur Auslandsreisen unmöglich machte. Auch in diesem Zusammenhang zeigt ihre Rauminstallation “Bühne” ein Dia von sich mit ihrem Ehemann vor Gericht (1971), darübergelagert eine schwenkende Lichtkreisprojektion plus Text, die stark an einen Suchscheinwerfer erinnert. Halil Altindere setzt massiv “gefakte” vermeintliche Staatsdokumente ein, wie vergrößerte Personalausweise mit unüblicher Selbst-Bebilderung oder Briefmarkenserien. Auf diesen befinden sich, anstatt der üblichen Nationalhelden, Portraits von Inhaftierten, die in den letzten zwanzig Jahren spurlos aus türkischen Gefängnissen verschwunden sind. Auch wenn einem diese Art Kunstmethode gut bekannt vorkommt, muß man angesichts des ernsten, tragischen Hintergrunds vieler Arbeiten öfters tief schlucken. Daß einem die Tragweite dieser politischen “Kunstarbeit” erst richtig bei der Lektüre des Kataloges aufgeht, ist ein umfangreicheres Thema. Genauso wie die Perspektive des mit Bürgerrechten vergleichsweise verhätschelten Zentraleuropäers, die hier schreibt. In Aydan Murtezaoglu Diaprojektion “Familiensaal oben” wird die rigide Geschlechtertrennung im türkischen öffentlichen Leben deutlich visualisiert. Man sieht wie durch eine gläserene Decke einen schlicht möblierten Aufenthaltsraum. Viele türkische Lokale haben im ersten Stock einen sogenannten Familienraum, der ausschließlich für den Aufenthalt der Frauen und Familien bestimmt ist, während die Männer ein Stock tiefer unter sich sind. “Die zwei Seiten der weiblichen Medaille (Mama und Hure/Verfügbarkeit und Dominanz)” führt Ebru Özsecens Arbeit “Präsentation” vor Augen: Nach vorne hin sieht man in s/w ein glitzerndes Tablett mit Kaffeeservice, wie es allgemeinhin von der Braut bei den Heiratsverhandlungen dargebracht wird, während auf der Rückseite per Spiegel ein Schriftstück entziffert werden kann, mit dem man vom Staat als legale Prostituierte anerkannt wird. Mit den skandalträchtigen Foto-Romanzen der türkischen Zeitungen auf Seite 2 + 3 beschäftigen sich Bülent Sangars selbstinszenierte Fotowelten. Neben tragischen Zügen finden sich bei ihm auch komische, wenn er sich selbst soap-dramatisch als einziger Überlebender inmitten seiner verwüsteten Restfamilie sowie des Wohnzimmers abgelichtet zeigt. Es kommt aber auch für hiesige Breitengrade ziemlich normale Trashkunst vor. Aufblasbare Plastiktütenskulpturen (per Haarföhn) von Iskender Yediler funktionieren nicht schlecht. Die hierzulande bekannteste Teilnehmerin Ayse Erkmen greift mittels eines gemieteten Agenturbildes sinnbildlich die deutsch-türkische Kooperation bei diesem Ausstellungsprojekt auf. Zwei junge Braunbären sitzen Arm in Arm rückwärtsgewandt selig auf einer grünen Wiese. Das liest sich dekonstruiert wie der leidige Berliner Bär, der dem zum Einsatz gekommenen türkischen Tanzbär gütlich auf die Schulter patscht. Ein wenig wundert man sich angesichts des Ausstellungsaufbaus, daß im Haus der Kulturen anscheinend immer ein ähnliches Grundraster, was Ausstellungswände und Kunstmenge betrifft, zum Einsatz kommt. So ˆ la Mixed Pickles mit ordentlich viel weißen Schlagschatten. Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah z.B. die Ausstellung “Der brasilianische Blick” sehr ähnlich aus. Iskorpit Aktuelle Kunst aus Istanbul 15.10 – 15.11.98 Haus der Kulturen / Berlin ZITAT: Wie man selbst von hier aus mitbekommt, macht der türkische Staat nicht nur in der Kurdenfrage wenig Federnlesen, wenn er sich angegriffen fühlt.

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