Seit längerem schon verstecken sich im Compost-Katalog roughe Knarzdisco-Nummern im Now-Sound. Um ihnen die verdiente Aufmerksamkeit zu geben, hat Michael Reinboth das Unterlabel "Compost Black Label" ausgerufen.
Text: Felix Denk aus De:Bug 95

Mehr Kante rein
Compost Black Label

Michael Reinboth ist hauptberuflich Michael Reinboth und das macht viel Arbeit. Sein Schreibtisch quillt über mit CDs, der Büroboden ist vollgestellt mit Aktenordnern und auf dem Plattenteller kreist schon seit einer halben Stunde ein Weißmuster in der Auslaufrille. Kein Wunder: Michael Reinboth betreibt das Label Compost, legt auf und schreibt als Journalist; außerdem hatte er mal eine Radioshow, eine Party-Reihe und einen Club, betrieb das Magazin Elaste, steuerte einige Kapitel zu einem Buch über Black Music bei, war Teil von Beanfield, organisierte eine Plattencover-Ausstellung und und und. Kurz: Er machte also so ziemlich alles, was in eine 25-jährige Karriere im Musikgeschäft passt.

Jetzt startet Michael Reinboth noch mal eine Attacke auf den Dancefloor. Und was für eine! Mit der 12″-Serie Compost Black Label pustet er all jene aus dem Sessel, die mit Compost nur zurückgelehnt-distinguiertes Zuhören verbinden. “Wir hatten immer so fucked up Electro-Stücke im Programm: Funkstörung, Procreation oder Beanfield”, sagt Michael Reinboth, “oder Remixe von Carl Craig und Tiefschwarz.” Mit einer eigenen Plattform sollen die jetzt besser zur Geltung kommen und die Breite des Spektrums von Compost abseits von Trüby Trio, Fauna Flash, NuJazz und Broken Beat demonstrieren.

Intensitätsmaximierung
Die besorgen Produzenten aus dem eigenen Umfeld wie Julius Kammerl, Trickski oder Martin Peter, die auf dem Black Label dunkel-hypnotische Club-Exkursionen Richtung Schall und Wahn unternehmen. Aber auch Leute, von denen Reinboth immer gerne etwas veröffentlicht hätte, für die er jedoch keine adäquate Plattform hatte, kommen ins Black-Label-Programm. Lopazz beispielsweise. Das Heidelberger Mehrzweck-Genie steuert die Katalognummer 4 bei, eine Eigenbau-Disko mit viel Wave-Appeal, wie immer jenseits klarer Klassifizierbarkeit. “Es kommt auch noch ein Lopazz-Album”, kündigt Michael Reinboth feierlich an.

Bereits vier Maxis erschienen auf dem Black Label in kurzer Folge, die nächsten vier Veröffentlichungen sind bald in die Läden. Cover-Artwork haben die Platten keins, dafür kommen sie gerne als Split-Maxis mit einem Stück pro Künstler und Seite. Es soll schließlich schnell gehen – der Zeitgeist wartet nicht.

Trotzdem ist das Black Label nicht so ganz losgekoppelt von Compost-Qualitäten. “Die meisten Nummern haben Zwittercharakter”, erklärt Michael Reinboth. “Sie sind schon härter und rougher, haben aber Anknüpfungspunkte zu Sachen, die typisch für Compost sind. Je mehr man mit einem musikalischen Aspekt rangeht, umso mehr hat man eine Grundbereinigung an Knarz- und Knacks-Tönen. Ich mag es eigentlich gerne, wenn es ein bisschen schmutziger ist. Aber die Leute, die beides können – musikalisch den Dancefloor rocken -, die kann man an einer Hand abzählen. Und die möchten wir haben.”

Nach Feingeistern mit dreckigen Fingernägeln muss man natürlich etwas tiefer graben. Fündig werden kann man trotzdem. Michael Reinboth hat schon eine lange Wunschliste für kommende Black-Label-Veröffentlichungen: Lindström, Maurice Fulton, Dabrye, Lawrence, Metaboman, Todd Terje, Mathew Johnson, Pete Herbert, Prins Thomas, Solid Groove, Unabombers, Idjut Boys, Patrick Pulsinger, Charles Webster, Marco Passerani, Kerri Chandler und und und. Wird wohl noch viel voller werden, der Schreibtisch.

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Elektronische Lebensaspekte.