Die Hip Hop Crew Blaktronics gilt an der Westküste als die Irren ohne Jeep, dafür mit Jazz. Wenn man sie lässt, rappen sie Wahlurnen liebeskrank und zerschlagen die Diktatur der Zahlen. File auch unter: Ist das nicht Deephouse?
Text: oliver koehler aus De:Bug 45

hiphop

Body Movement gegen Politik
Blaktroniks

Kann sich ein weißer Schreiber aus Deutschland überhaupt anmaßen, die Frage der afroamerikanischen Identität in Gedanken, geschweige denn Worte zu fassen? Insofern die Frage selbst den wortgewandtesten Repräsentanten dieser Ethnie Schwierigkeiten bereitet, eigentlich nicht. Dennoch will man, angesichts des Wahlsiegs des Republikaners George Bush und des schleichend vulgären Konservatismus in der Hip Hop Szene, sich doch nicht die Frage verkneifen, welche Rolle Politik im heutigen schwarzen Amerika anhand des Beispiels Blaktroniks wohl spielen mag. Bei jeder anderen Hip Hop Kombo hätte man sich vermutlich zurückgehalten bzw. einen anderen Einstieg gewählt. Zum einen kommen aber Blaktroniks aus dem San Francisco Stadtteil Oakland, einer von Amerikas stilisierten Hochburgen des schwarzen Bohemien. Zum anderen provozieren metaphysische Ausschweifungen wie die des Kernkünstlers edd dee pee zum Thema Mathematik (“Mit Zahlen haben sich Menschen das Universum Herr gemacht!”) ein Nachhaken, inwiefern Wahlstatistik die allgemeine Stimmung beeinflusst. Wie immer kann jedoch selbst das größte Maß an Liberalismus und Weltoffenheit, wie sie die Blaktroniks verkörpern, nicht über eine gewisse Resignation mit dem System verhelfen. Während sich beispielsweise edd dee pee gar nicht erst zum Wahlurnengang motivieren lässt, weil “Demokraten und Republikaner sowieso ein und den gleichen Haufen darstellen”, probierte zumindest Mitstreiter und “Blaktroniks System Administrator” Coppa-Tone sein Glück mit der grünen Ralph Nader Liste. “Es macht aber letztendlich wenig aus, ob Bush oder Gore drankommen. Der politische Adel wird sich in beiden Fällen kaum unterscheiden,” kommentiert er den Machtwechsel. Ob sich allerdings in der kulturellen Landschaft etwas tun wird als Reaktion auf den neokonservativen Wandel, zweifeln beide Künstler an, wohl auch stellvertretend für ihre Sängerin Shelia Monique, und MC Veda36: “Das ist schwer zu sehen, da die Öffentlichkeit sich größtenteils nicht informiert bzw. nicht davon betroffen gibt. Aber hoffentlich liegen wir mit dieser Annahme falsch!”

Wahlmüde und seekrank

Die Hoffnung basiert auf der Aufgabe, die sich die mehr oder minder modular strukturierte Gruppe ausgemalt hat: Die Neukonfiguration ihrer musikalischen und persönlichen Rahmenbedingungen als Inspiration für “den sozialen Wandel in der Gemeinschaft”. Ihre Stimmen, aus denen man niemals das Wort “Nigga” erwarten würde, wirken sanftmütig und weise, während sie den Grundsatz ihrer Musik skizzieren: Die Erkenntnis, dass “man an keinem Tag dieselbe Person ist, die man vorher war”. Diese Einsicht lässt sich natürlich in ihrem Eklektizismus festmachen, das alle möglichen Varianten schwarzer, musikalischer Identität durchspielt: “Man wird so viel Musik ausgesetzt, nur findet man keine einheitliche Form.” Es sind vor allem ihre zwanghaften Live Performances, die, wie Moving Label Manager Magnus Miller unterschreiben würde, in ihrer klaffenden Diskrepanz den Schlüssel zu Blaktroniks liefern. Befreit von dem Druck ihrer Peer Group, Musik, speziell Hip Hop, aufzusuchen, “damit man dem Mädchen von nebenan gefällt”, suchen Blaktroniks Bewegungsansätze einer gänzlich anderen Art auf. Wie sie von sich aus zugeben, stehen sie mit ihrer Umsetzung alleine auf weiter Flur im von Mainstream Hip Hop verseuchten Oakland (ganz früh in ihrer Evolution mieteten sie sich in ein Hip Hop Studio ein und wurden nach wenigen Stunden rausgeschmissen, weil man sie für verrückt hielt). Sicher mag das Gegröle eines ca. 1,90 m großen edd dee pee auf einer Klangkulisse aus von Jazz und Militärperkussion “entwendeten” Drum Patterns, zusammengeflickt mit Samples aus asiatischen Gangsta Filmen, etwas bedrohlich wirken. Zusammen mit der verbalen Brücke des MC Veda 36 mit seinen geistreichen Rhymes und der Sängerin Shelia Monique, die inmitten eines Sets von R&B in eine Ballade umschwingt, stellt sich aber die Formel jenseits von jeglichem kulturspezifischen Politikum als essentiell für Blaktroniks heraus. In dem einmalig improvisierten Moment bildet sich für kurze Zeit eine Identität, die weniger mit Rasse als mehr mit den simplen Sentiments der Beseelung und der Bewegung zu tun hat. Edd dee pee: “Wir arbeiten mit dem Feedback vom Publikum und spielen keine Show zweimal. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich, statt wählen zu gehen, die Wahl auf meine eigene Art und Weise beeinflusse, weil ich mit der Öffentlichkeit in Kontakt trete, dann meine ich, dass ich die Stimmung berühren kann. Wir machen Musik für verschiedene Zustände, egal ob politisch oder sexuell. We can make someone cry. We can make them lovesick, and we can make them seasick. Body movement is what we’re about!”

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Elektronische Lebensaspekte.