Nicht Schreien. Reden und die Beats sprechen lassen. So die politische und nicht unpatriotische Devise des Oaklander Duos Blaktronics, die auch auf ihrer vierten LP allen musikalischen Regeln Riegel vorschieben und so hybrid wie gelassen zu verführen versuchen.
Text: Oliver Köhler aus De:Bug 61

Achtung! Nicht ertrinken
Blaktroniks

Hände hoch, wer die Antwort weiß: Was haben George Bush, Destiny’s Child, Tiger Woods und Blaktroniks gemeinsam? Hautfarbe? Nein, US-Präsident Bush ist, trotz seiner hochrangigen afroamerikanischen Berater Rice und Powell, immer noch weiß geblieben. Herkunftsland: USA? Kommt der Sache vielleicht näher, ist aber nicht ausschlaggebend. Ihr amerikanischer Globalisierungsglauben? Nicht schlecht, aber zu unterschiedlich ausgerichtet. Schließlich verkörpern der Golfer Woods mit seinem Hauptsponsor Nike den globalen Hyperkapitalismus, Präsident Bush mit seinem Anti-Terror-Kreuzzug den globalen Hyperpatriotismus, Destiny’s Child mit ihrer Mischung aus Keuschheit, Sex, Disney und Christentum den globalen Hypereskapismus und Blaktroniks mit ihrer Pop-Standortpolitik die besten Seiten des hyperglobalen Oaklandismus (für diese Wortschöpfung gibt’s bestimmt Ärger!). Dann ist es ihre Verbindung zu Deutschland am Ende, gar? Die Antwort kommt am nächsten dran: Waren doch alle vier Parteien gegen Ende Mai (und im Falle Blaktroniks bis Anfang Juni) in ihren verschiedenen Funktionen zu Gast in Deutschland unterwegs. Und mit im Gepäck eine ganze Handvoll Vorstellungen, wie die Kultur, Wirtschaft, und Politik der Weltmacht USA aussehen kann und soll.

Wohnen in den USA

Dabei dürfte in diesem Gespann Blaktroniks mit ihren auf die beiden Köpfe Edd Dee Pee und X-Ray reduzierten Live Shows für die gemäßigste Weltanschauung stehen. Gemessen beispielweise an den allzu klischeehaften christlichen Huldigungen der R&B All-Girl-Band Destiny’s Child spricht der Blaktroniks-Jargon – ein Gemisch aus Retro-Acid Schleifen, salsaesquem Drum’n’Bass-Trommelfieber und Edd Dee Pees frenetischer, aber nicht unkontrollierter Sprechgesang – eine heidnische Sprache. Verglichen auch mit den rhetorischen Ausschweifungen ihres Präsidenten und einigen ihrer zu jeder Gelegenheit “U.S.A.” brüllenden Landsleute äußert sich ihre auffallend sanfte Aufheizung zur Revolution in einer Zurückhaltung, die vieles für die transatlantischen Beziehungen bewirken könnte. Aber als unpatriotisch zu gelten: Davor hüten sie sich. Und als Protagonisten einer Counterculture Bewegung à la Sechziger Jahre, was ja mit ihrer starken Verbindung zu San Francisco nahe liegen dürfte, sehen sie sich erst recht nicht. Noch ist die Luft nicht ganz rein für den Dissens in den USA. X-Ray: “Bei all der Propaganda auf dem Niveau des Ersten Weltkriegs kann es etwas gefährlich werden. Verglichen mit Mos Def sind wir auch recht leicht im Nehmen. Dennoch bin ich mir bewusst, in welche korrupten Kanäle meine Steuergelder gelenkt werden und akzeptiere die Konsequenzen. Schließlich mag ich und stehe dazu, wo ich wohne. Nur wirst du mich nicht bei einem Baseball Spiel lauthals ‘U.S.A.’ rufen hören.”

Angeln in Oakland

Dass nicht gebrüllt wird, passt momentan zum Gesamtkonzept der Band. Der Titel ihrer aktuellen LP auf Moving Records, “Seduction at 33 1/3”, lässt ihr Programm erahnen: Es geht um die Verführung. Und ob diese politisch, sinnlich oder auch rein musikalisch bewertet wird, das überlassen Blaktroniks ganz bewusst dem Zuhörer. “Wir kreieren einen Fluss aus Schallwellen, und wie jeder Fluss befinden sich darin Spurenelemente. Wenn du also zu tief angelst, kann es durchaus passieren, dass du etwas Politisches aufgabelst. Unsere Verantwortung sehen wir auch darin, gewisse Themen anzusprechen, wie auf dem Stück ”Emaciated Shadow’. Unsere Methode ist halt nur anders. Sanfter. Gelassener. Wenn du jemanden anbrüllst, wirst du oft selber angebrüllt. Mit unserer Methode könnten wir sogar eine völlig instrumentale, politische Platte machen.” Schaut man auch auf die Vergleiche, die die Band in ihrer Laufbahn von insgesamt vier LP’s geerntet hat, so nimmt man ihnen das gerne ab: am einleuchtendsten kann man die Analogien mit den außerirdisch angehauchten, afroamerikanischen Schallexperimenten von Jeff Mills, Sun-Ra, Parliament und Funkadelic nachvollziehen oder explizite Anlehnungen an die Achtziger Jahre Diva Sade im Hit “fais moi fremir” erkennen. Dass ihnen aber Barry White, oder gar Bruce Springsteen als Inspirationsquellen auf der anderen Seite des Atlantik nachgesagt werden, mag im ersten Moment Unverständnis – auch bei den beteiligten Blaktronikern – hinterlassen. Beim zweiten Hingucken aber dürfen sie sich nicht wundern. Gerade, wenn X-Ray den Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens, ihre Live-Shows, für sich als passende Ergänzung zu seiner sonstigen Arbeit als System-Administrator wegen des “rohen Erlebnisses” verteidigt. Und im Falle von Edd Dee Pee muss man nicht weiter schauen als seine Live Performances (markant dadurch gekennzeichnet, dass er wie an einer Nabelschnur an seinen Gerätschaften hängt), um zu merken, dass sein persönliches Verständnis von Politik auf zwei Faktoren fußt: Edd Dee Pee als verführerischer “Broadcaster” seines musikalischen Hybrids. Und die Tatsache, dass es für ihn nur eine Regel zu beachten gilt: “Dass es keine Regeln gibt. Einfach überleben!”

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Elektronische Lebensaspekte.