Von Pelzperücken bis Anziehsachen für Möbel: Zwischen Berlin und Paris operierend zieht Bless die Augen des Fasion-Establishments auf sich. Was sie in den Auslagen saisonal vorzuweisen haben, ist jedoch keine Kollektion. Es sind wohlkonzeptionierte Produkte mit numerischem Aufstieg. Und Martin Margiela borgt sich schon mal eines aus.
Text: anne pascual | miu@schoenerwissen.com aus De:Bug 48

Wear – don’t care!
Mode querdrehen: Bless

Die Pelzperücke & Martin Margiela
“BLESS can be contacted personnally by phone. Everything except sex is available by request.” Was mit einer nächtlichen Plakataktion in Wien geheimnisvoll begann, ist der erfolgreiche Versuch zweier Mode–Designerinnen, den eigenen Interessen und Arbeitsweisen nachzugehen, fast ohne Kompromisse zu schließen. Dieses Versprechen der ersten Anzeigenserie ist eigentlich bis heute das Programm von BLESS geblieben. Statt das Fashion System einfach nur zu verweigern und sich beleidigt auszuruhen, haben sich Desirée Heiss und Ines Kaag zusammengetan, um innerhalb des Systems ihr Spiel mit seinen Regeln zu treiben. Seit 1997 entwickeln sie jede Saison ein Produkt. Keine Kollektion, sondern meist ein Accessoire im aller weitesten Sinne, das dann in limitierter Auflage in Fashion Stores und per Mailorder erhältlich ist. Erstes Produkt mit N°00 war eine Pelzperücke, die mit dem Slogan: “Fits every style! Cut & try” in namhaften Magazinen angepriesen wurde. Der Designer Martin Margiela verguckte sich kurzerhand in das Produkt. Vielleicht auch in die visionäre Art der beiden, Marketing für sich zu verwenden, das zur Verschiebung von Botschaften führt, und zeigt die Pelzperücken bei der Präsentation seiner Winterkollektion 97/98. Seitdem ist das Experiment BLESS eine Firma. Allerdings entschließen sich Ines und Desirée von verschiedenen Orten aus zu operieren, Ines ist Berlin, Desirée bleibt in Paris.

Irritation mit Charme
Die folgenden Projekte, BLESS N°01 Bootstocks, ein Accessoire für Schuhe, N° 02 Wegwerf T-Shirts im Dreier-Pack, N°03 Set, ein bewusst unkommerzielles Kleidungsstück, das an allen Stellen des Körpers irgendwie getragen werden kann, geraten sehr unterschiedlich, wollen aber alle den ausgetretenen Weg etablierter Strukturen durchbrechen. Und das nicht nur mittels eigener ästhetischer Vorstellungen. Es ist das Moment der Irritation, auf das sich BLESS bei der Entwicklung eines Produkts konzentriert. Die beginnt bei ihrer Entscheidung, die Kollektion durch ein Produkt zu ersetzen. Denn um eine Marke nach außen hin zu kommunizieren, müssen junge Designer sich einem Wiederholungszwang unterwerfen. Wenn es der Name einmal geschafft hat, muss er sich alle sechs Monate reproduzieren, um wiedererkennbar zu bleiben. Das macht Fashion im Establishment so langweilig. Trotzdem geht es BLESS nicht um ein Anti-Bild zur herkömmlichen Fashionshow. Bewusst integriert das Design Funktion: Die Serie BLESS N°04 ist eine multifunktionale Kombination aus Tasche/Kleidungsstück. N°07 Living–Room Conquerors sind die ersten Anziehsachen für Möbel. Dann folgen Beauty Products und Found Objects. Es ist aber primär nicht der Nutzen, der dich ein BLESS Produkt kaufen lässt, sondern gerade sein begehrenswerter Charme, wie ihn Konsumobjekte nun mal verbreiten. Mit diesem ständigen Hin- und her Wechseln zwischen den Bereichen Mode, Interieur, Beauty, Styling wird BLESS ungreifbar, sie kreieren einen Total-Look, der nichts auslassen will und in jedem Teil der Lebenskultur etwas zu entdecken sucht. Eine Haltung, die nicht nur eine flächendeckende Vermarktung schwer macht.

Wer trägt BLESS?
Zunächst der, der es sich leisten kann. Das erklärt sich in diesem Fall hauptsächlich durch hohe Produktionskosten, die durch die geringe Stückzahl bestimmt werden. Obwohl BLESS auf “die Absurdität des Wachkitzelns eines konsumorientierten Sammlerinstinkts” setzt, scheint es aber tatsächlich nur wenige Menschen auf der Welt zu geben, die sich Saison für Saison auf diesen Style einlassen wollen. Das liegt daran, dass BLESS eben keine Marke ist, mit der man sich identifizieren kann. BLESS ist wie ein Chamäleon, und das kann manchmal ganz schön anstrengend sein.
Das Schönste an BLESS sind aber nicht die Produkte, sondern das, womit einen die anderen letztlich auch kriegen wollen, aber nicht viel dafür hergeben. Es ist ihre Sprache, die inmitten der vielen Bilder Style als etwas beschreibt, was manche als Anti–Design bezeichnen mögen, andere als Ästhetik des Neutralen oder Normalen, und damit jedem egal wie ermöglichen soll, Mode auch mal als Leerstelle zu denken. Kauf nicht eine Marke, sondern viele Bilder des Selbst. “Corrupts every style! Relax.”

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Elektronische Lebensaspekte.