Mit vertrackter Elektronik und frischer Instrumentierung lassen Bloc Party auf ihrem dritten Album "Intimacy" die Indiedisco endgültig hinter sich.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 127


Eine Schaltjahrperiode muss es her sein, als Indie-Rock endgültig seine Dübel im Mainstream-Zement mit der Hilti einfräste, als eine Armada von jungen Bands mit dünnen Jungs, hoch hängenden Gitarren und teils vermeintlich neuer Frische gerne das wiederholen wollte, was die Beatles, Marianne Faithful oder The Who in den Jahrzehnten zuvor geschaffen haben. England, Mutterland des Pop, hatte einige Frischlinge, auf die man stolz sein konnte.

In dieser Phase wurde der rückblickend messianisch anmutende Pete Doherty zur ewigen Hackfleischfabrik der hungrigen Paparazzibulldoggen, Hollywoodstars schmückten sich mit Affären oder Beziehungen zu mehr oder weniger bekannten Musikern von Bands wie The Strokes, White Stripes oder Coldplay. Nach dem Sell Out kommt der Burn Out, aber es gibt auch immer ein dazwischen. Bloc Party gehörten zu dieser Liga der großen Hoffnungsträger der neuen Welle aus dem Königreich.

Ihr Debüt schlug nicht nur in die Top 3 der britischen Charts ein, auch wurde mit “Silent Alarm” deutlich, dass fernab von Retroismen, medial inszenierten Drogendelirien und Überstyling durch gelangweilte Kunststudenten auch Musik und die Fortführung dieser Idee wieder zum Ausgangspunkt werden konnte. Der Sound war der einer gewachsenen Band. Intelligent arrangiert, mit einer Rhythmussektion, so schneidend tight und rumpelig-charmant, wie sie selten zuvor gehört worden war. Die klagenden Stimmen, die sägenden Pickings, Bloc Party war damals schon mehr als nur ein Hype. Heute ist man sich dessen gewiss.

Nach dem fast versöhnlichen Zweitalbum “A Weekend in the city” ist das dritte Album “Intimacy” nicht nur in sehr kurzer Zeit entstanden, sondern hebt sich mit sehr vertrackten elektronischen Arrangements noch mehr vom Pulk der Standard-Indies ab. Es ist härter, kühler, weniger schmeichelnd, fordernder und referentieller geworden. Bereits der Opener “Ares” klingt wie eine Neuinterpretation des Chemical-Brothers-Hit “Setting Sun”. Da werden Whammy-Pedale bis an den Anschlag gerissen und die Drums klingen wie aus Zeiten, wo Big Beat noch spröde Rockkids für elektronische Musik ansatzweise begeistern konnte. “Listening, to dead singers, in your room – in 98”, heißt es hier.

Wer braucht schon Tradition!?
Dieser Sprung weg vom klassischen Gitarrenduktus war hierbei wohl auch der veränderten musikalischen Herangehensweise geschuldet. Die Produktion von “Intimacy” war vom Prozess her grundlegend anders als noch bei den Vorgängern: “Im Vergleich zu unseren ersten Alben haben wir nicht vier Monate vorher Demos gemacht, bevor man ins Studio gegangen ist. Das war vom Songwriting her schon was gänzlich anderes. Das war wohl der Schlüssel dazu, dass Intimacy so schnell entstanden ist.

Auch weil wir mit zwei Produzenten gearbeitet haben, hatten wir es mit sehr unterschiedlichen Arten von Sessions zu tun”, meint Gordon Moakes, Bassist und mit 32 Jahren der Älteste der Band. Zusammen mit Schlagzeuger Matt Tong räkelt er sich auf einem Bett in einem kleinen Berliner Schlafzimmer. Es handelt sich bei den beiden wohl um die beste englische Rhythmussektion seit Stewart Copeland und Sting von The Police. Dabei ist der neue elektronische Fokus der Band nicht auf verstärkte Clubaktivitäten zurückzuführen. Auch ist überhöhtes Trendbewusstsein eher ein Fremdwort für die Band:

“Wir sind gerade dabei, den Gothic Rave zu entdecken, der irgendwo in der Nähe von Birmingham abgeht”, wird der ganze Rummel um das Londoner Hipstertum ironisch kommentiert. “Für uns waren Cindy Lauper, Seventies, Math Rock und Steely Dan in der letzten Zeit genauso wichtig. Aber es ist viel, was von außen reinkommt, und der nächste Trend, den wir überhaupt gut finden würden, wäre Steely Dan im Ravemix …”

Mit Jacknife Lee (U2, Snow Patrol, Editors) und Paul Epworth (Sons and Daughters, The Rakes, Maximo Park) hat die Band also beide Produzenten der vorigen Alben verpflichtet. Dabei war die Rollenverteilung sehr genau festgelegt: “Es gibt auf der Platte zwei Sektionen. Die eine, die mehr oder weniger mit der Software Logic entstanden ist. Das war das Zeug von Jacknife Lee und wiederum die Songs, die eher traditionell geschrieben wurden und bei denen wir eine Art besten Livetake haben wollten. Die hat dann Paul Epworth aufgenommen.

Auch wenn Jacknife eher aus der Rock-Producer-Ecke kommt, hat er dennoch ein sehr gutes Gespür fürs Programmieren und für Beats. Wohingegen Paul schon ein Vertreter der alten Schule ist.” Songs wie “Signs” entfernen sich genauso vom klassischen Indiesound wie die verschrobenen Bläsersettings bei “Mercury”: “Es gibt schon drastische Sounds, die wir mit Jacknife gemacht haben, und klar, wir hatten das Bedürfnis nach einer subtilen Veränderung der Band, so haben wir beschlossen, keine Songs während der Tour im Bus zu schreiben, sondern auf das Studio zu warten. Auch wenn man keine konkrete Vorahnung hat, wie die Songs zu klingen haben.

Da geht es darum, sich nicht zu verkünsteln, verschiedene Optionen offen zu lassen, zu sehen, wie sich im Studio ein Song entwickeln kann”, sagt Matt, der seit anderthalb Jahren zugezogener Berliner ist und in der von ihm selbst so bezeichneten Grauzone zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain lebt.

Meilenstein oder Stolperstein?
Die alt eingesessene Fanschar wird auf Intimacy die konventionellen Hits vermissen, dennoch handelt es sich um einen großen Entwurf, der resolut und nachdrücklich beweist, wieso Bloc Party noch immer eine der populärsten Livebands im Sektor sind und wieso all die anderen Bands der vergangenen Jahre maximal nur noch als NME-Humus für den nächsten Hype der Insel existieren: “Ich denke, dass der Unterschied ist, dass wir nie wirklich eine Gruppe waren. Kele und Russell kennen sich zwar sehr lange, aber Gordon lebt nicht mal in London.

Als ich Kele kennen gelernt habe, war ich gerade mal ein Jahr in London, deshalb kann man auch sagen, dass wir aus keiner konkreten Szene kommen. Unsere Peer Groups waren schon immer sehr unterschiedlich”, meint Matt. “Wir haben ja nie in einer Kommune oder WG gelebt oder irgendwelche schrägen Beziehungsdreiecke gehabt. Bei uns war es schon immer mehr aufs Arbeiten und Reisen beschränkt”, wird von Gordon ergänzt. Aber wie war es dann überhaupt mit dem eigenen Verständnis, Teil einer Bewegung zu sein?

Gordon: Ich erinnere mich an einen Gig, wo Pete Doherty da war. Wir hatten eine Art Garagen-Gig und auf einmal stand er auf der Bühne.

Matt: Nicht ganz. Er hat zuerst mit mir geredet …

Gordon: Er kam dann auf die Bühne und wollte so was wie einen Jam. Das war wohl der einzige Moment, wo wir Teil der Londoner Musikszene waren. Ich stelle mir grade vor, was du gespielt hättest, wenn ihr wirklich auf der Bühne gejammt hättet. Irgendeinen Fünf-Achtel-Takt oder so, um zu sehen, ob er das packt.

Matt: Ich hätte wohl einfach ein bisschen rumgespielt, während er sich einen Schuss auf der Bühne gesetzt hätte oder so ähnlich.

Gordon: Wahrscheinlich hätte es wie bei der Szene von Some Kind of Monster geendet, wo Lars, Kirk und James dasitzen und per se alles scheiße finden, was die anderen spielen. “Hey! Dazu kann ich nicht spielen!” “Ach, halt’s Maul. Nimm einfach mehr Crack!” Gut, dass daraus nichts geworden ist. (lacht)

Das Konzept Band wird von den Mitgliedern reflektiert verstanden. Man weiß, was man sich im Laufe der Jahre aufgebaut hat, und weiß auch, dass die Musik der Band vor persönlichen Befindlichkeiten zu stehen hat, vor allem wenn man weiß, was andere Bands durchmachen mussten bzw. müssen:

“Unser Manager wollte mal, dass wir uns wie Metallica einen Therapeuten zulegen. Aber jeder Bandalltag ist ein dysfunktionaler Ansatz zu leben. Man hört ja Geschichten wie: Wenn dein Drummer psychisch krank ist und nackt durch irgendwelche Straßen rennt, zwei weitere ein Verhältnis zu der gleichen Frau haben, die auch noch die Tourmanagerin ist, und der Sänger in den Songtexten andere Bandmitglieder beleidigt und beschimpft, dann steig aus der Band aus. Wir hatten auch unsere Phasen, aber zum Glück noch nicht so schlimm. Auch die Geschichten, die man von Razorlight hört, die klingen nach einem gelebten Albtraum. Jeder, der mit denen zu tun hat, beschreibt die absolute Vollkatastrophe innerhalb der Band. Man muss doch jedem auch die persönlichen Eigenheiten erlauben können, wie bei jeder anderen Beziehungen auch. Jeder braucht seinen Raum und man braucht immer so was wie kollektive Blaupausen. Das war auch die Lektion, die wir bei diesem Album gelernt haben, dass man viel besser zusammenarbeitet, wenn man das andere der jeweiligen Personen akzeptiert und respektiert.”

Auch der akademische Background von Matt und Gordon (Matts Stiefvater ist Philosophieprofessor und Gordons Großvater Mathematikprofessor) wird nicht zum verpflichtenden Künstlerethos ernannt: “Wir sind nicht Künstler im klassischen Sinne. Wir sind zwar schon eine Akademiker-Band, aber keine Kunsthochschuldeppen, die sich aus Langeweile Gitarren umhängen oder artsy die Welt ästhetisch revolutionieren.” Es werden auch keine verklärenden Rock- und Künstlermythen geschnürt und verpackt:

“Bei mir kommt die musikalische Bildung über Videospiele. Ich habe versucht Songs aus Videogames nachzuspielen, mein erster persönlicher Erfolg war, als ich den Soundtrack zu Sonic the Hedgehog nachspielen konnte, da habe ich gelernt mit Arrangements umzugehen. Das war ganz ehrlich mein persönlicher Zugang zum Musikmachen”, erklärt Matt Tong. Und was passiert in 15 Jahren? Wenn es mit der Musik doch nicht mehr klappen sollte? “Ich wäre gerne Formel1-Fotograf, dann ist man immer unterwegs und kann tagsüber mit den Boxenmädchen abhängen, und Gordon wird Gärtner, so wird das dann mit unseren Naughty Forties.” Dies sind alles Facetten, die, genauso wie die Musik von Bloc Party nicht so einfach zu klassifizieren sind.

Die zwischen juvenil und abgeklärt pendeln und einem sagen wollen, dass noch einiges kommen wird, was nicht erwartbar ist, was überraschen kann und wie in diesem Falle mit guter Musik zu überzeugen weiß. Daher wird rückblickend auch nicht viel bereut: “Außer, dass wir alle mehr hätten trinken sollen, dann hätten wir uns zur Anfangszeit nicht so ernst genommen.” Welch Selbstironie des Rock’n’Roll-Business’. Die einen saufen und fixen sich aufgrund des Erfolgs zu Tode und die anderen bereuen, im Rausch des Erfolgs, zu wenig getrunken zu haben. Ein kleiner Unterschied, aber vielleicht auch einer, der die Band Bloc Party beschreibt wie kein anderer.
http://www.blocparty.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.