Was um alles in der Welt ist ein Moblog? Die exponentiale Urban-Variante von Blogs? Mo' Blog? Die Westentaschenrevolution oder das nächste Arbeitsfeld der zu zwanghaften Newsprovidern gewordenen Klasse der Multifunktions-Handy-Benutzer. Fragen gibts. Antworten glücklicherweise auch von unserem Chef-Hosentaschen Ethnologen Mario Sixtus.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 87

Moblogging
Sooooo 2004: Vom Telefon ins Blogg

Der Begriff Weblog, kombiniert aus Web und Logbuch, ist ja noch einigermaßen einleuchtend. Da zwei Silben aber offenbar zuviel kostbare Zeit verbrauchen, schrumpfte dieser Neologismus schnell zu einem knappen “Blog” zusammen. Blogs wiederum, die über die Realitätsschnittstelle Mobiltelefon zum Mitnehmen verfügen, schimpft man im 21. Jahrhundert “Moblogs”. “Mo” für mobil oder vielleicht auch für modern oder für Wirklichkeits”mo”saik oder für was auch immer. Das dazugehörige Verb hört auf den hübschen Namen “moblogging”. Dass in diesem Vokabelungetüm ebenfalls das Wörtchen “Mob” versteckt ist, hat nicht nur Smart-Mob-Buchautor Howard Rheingold bemerkt. Doch zu dem komme ich später.

Knipsen mit dem Handy
Solange es Strategie-Spezialisten in Mobilfunkkonzernen gibt, so lange braucht die Zunft der Toupet-Hersteller keine Existenzängste zu bekommen. Denn die, die sich die Haare raufen, sorgen mit jedem Innovationsschub für Überstunden bei den Kunsthaarflechtern. Es ist aber auch zum Locken lupfen: Die Kunden machen einfach nicht, was sie sollen. Zum Telefonieren hatte man die Quatschkisten dereinst unters Volk geworfen. Was macht der Mob? Schickt sich Textmitteilungen. Na gut, dachten sich die Strategen, wenn asynchrone Kommunikation so hip ist, dann aber wenigstens in Farbe. Und mit Bildchen. Und was zum Spielen. MMS nannten die Herren ihre neue Schöpfung. Auf das Teens und Twens sich massig farbige Fotos von Telefon zu Telefon schicken sollten. Allein: die Kids wollten nicht. Schon wieder nicht. Knipsen mit dem Handy? Klar. Ohne Ende. Aber die Bildchen dann durch die teure Datenluft auf andere Quasselboxen schicken? Pffft! Macht’s euch doch selbst. Lieber abends zu Hause gemütlich per Email versenden. Kost nix.

Bloggen mit dem Handy
Wer im Jahre 2003 kein eigenes Weblog hatte, war einfach sooo Neunziger. Wer 2004 sein Blog immer noch vom heimischen Rechner aus füttert, ist einfach sooo 2003. Dienstleister wie Blogg.de erlauben längst, Bilder und Texte aus dem Mobiltelefon direkt ins eigene Blog zu beamen. SixApart, Hersteller der Weblog-Software Movable Type und Betreiber des Blog-Dienstes Typepad, schloss letztens eine Allianz mit Nokia. Mit dem Nokia 7610 wird man ab Herbst Texte, Fotos und kurze Videos direkt bloggen können. Auf Knopfdruck. Nix mit Handy zu Handy, Haarloser. Von Handy zu Welt. Kapische? Das öffentliche Reisetagebuch in der Hosentasche. Selbst wenn die Reise nur zum nächsten Supermarkt führt, kann Dokumentierenswertes passieren. Der verblödeste Werbeslogan seit es Schokolade gibt? Knips und raus damit. Ein Publikationszyklus nahe null. Trotzdem: Alles noch Jahre später zu ergoogeln. Jeder Moment ist mit ein paar Tastenklicks dokumentier- und archivierbar. Platz ist im Web schließlich genug. Erstaunlich: Das beliebteste Moblog-Motiv scheint der Essensteller zu sein. Unzählige Bilder von bei Restaurantbesuchen erstandenen Nahrungskombinationen landen täglich in den Blogs. Vielleicht ein neuer Trend: FoodMoBlogging?

Unterwegs, allgemein und im besonderen
Neben den Knips-Bloggern sollte man jedoch auch all die würdigen, die ihr Unterwegssein nutzen, um die daheim, vor den Schirmen verbliebenen mit ein paar Zeilen Prosa zu erfreuen. Gero von Randow, ZEIT-Redakteur und in der Blogger-Szene eher unter seinem Kampfnamen “Megawatt” bekannt, gelang es neulich mit drei kleinen Sätzen aus einem Bundesbahn-Abteil, meinen gesamten Tag zu retten: “Gleich sechs Uhr. Der ICE fuellt sich, aber doch nicht allzusehr. Nicht, dass ich etwas gegen die Leute haette (meine besten Freunde sind Leute), aber sie sind immer so plural.”
Zurück zu den Moblogs: Während des Parteitags der Republikanischen Partei in New York schafften die Demonstranten mit ihren kleinen Knips-Quatschen tatsächlich ein Stück Gegenöffentlichkeit. Sie schickten ihre Bilder an flugs eingerichtete kollektive Moblogs, die sich rasend schnell mit Augenzeugendokumenten füllten [1]. In Japan fand sogar bereits die erste Moblogging-Konferenz statt. Howard Rheingold sinnierte dort lautstark: “Da die Gewinner und Verlierer des Zeitalters der mobilen Medien noch nicht feststehen, bietet die Ungewissheit in dieser Situation auch eine Chance. Von sachkundigem Handeln wird es in naher Zukunft abhängen, wie diese im Entstehen begriffene Medienkultur sich in den nächsten Jahrzehnten entwickelt – oder wie sie scheitern wird.”
So wie das Bloggen gerade dabei ist, die Medien zu demokratisieren, so delokalisiert Mobloggen das Bloggen und steckt es in die (Hosen)Tasche. Und jetzt mach ich mal ‘nen Punkt.

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Elektronische Lebensaspekte.