Trotz junger Jahre beängstigend gut informiert: Ben Thomas und sein Debüt "Plastic World"
Text: Michael Döringer aus De:Bug 151

Keine Wunderkinder mehr. Kann nach den Ramadanmans, Floating Points, Joy Orbisons, Kimbies und Blakes noch irgendetwas überraschen, was Anfang 20 ist und von der Insel kommt? Die haben sowieso alle den Zeitgeist elektronischer Tanzmusik mit Schaufeln gefrühstückt seit sie als Babys mit der Hand aufs Klavier patschen konnten. Aber ja! Ben Thomas aus einem kleinen Kaff an der Südküste Englands, wieso feiert dich die Welt nicht schon längst so wie die anderen?

Das hast du davon, dass du nur in deinem Zimmer gesessen und Musik gehört hast, in der Provinz, und nie in eine Szene reingerutscht bist. Auf dieser Abgeschiedenheit und deinem enormen Musikkonsum basiert aber wohl dein unerhörtes Talent. Gut, dass du dich von deinem Vater schon früh mit Radiohead hast anstecken lassen, und so hast du natürlich zunächst viel Zeit mit deiner Gitarre verbracht, bevor du erst mit etwa 18 in Berührung mit elektronischer Musik und vor allem HipHop gekommen bist. Du sagst nämlich, das sei die erste Musik, die du selber produziert hast, nachdem dir ein Kollege aus deiner alten Funkband gezeigt hat, was Cubase so kann.

Eigentlich geht es hier um “Plastic World”, Bens vermeintliches Debütalbum, das so unglaublich ausgefeilt und facettenreich, so gut informiert klingt, über die Anfänge von Techno und den Import von House nach UK. Wie ein alter Hase bändigt er den Rave in smoother Elektronika, glitzernd-angetranceten Bouncern und dampfendem Maschinen-Sound. Diese Platte ist sein Meisterstück!

Anfänge im Glitch-Hop
Er aber sagt: “Das BNJMN-Album habe ich schon vor drei Jahren gemacht, doch es hat mit keinem Label geklappt. Damals habe ich fast nur Theo Parrish, Drexciya und andere frühe Formen von Techno und House gehört, seither aber die unterschiedlichsten Arten von Musik gemacht, sogar mit Gitarren und Gesang.” Tatsächlich, schon 2007 hat er Beats als Jackhigh veröffentlicht, lupenreinen Dilla-reminiszenten Glitch-Hop. Nicht überraschend, dass er sich da mit Teebs von der Brainfeeder-Clique für eine EP zusammengetan hast, in der MySpace-Ära war das nicht mal für diesen ausgesprochenen Stubenhocker ein Problem.

“Ich war nie Teil einer Szene, sondern habe mich immer lieber für eine Weile weggesperrt und abgewartet, was dabei rauskommt. Beeinflusst hat mich dann nur die Musik, die ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt gehört habe.” Ganz wie Drexciya, die mitunter die eigenständigste Musik der letzten 20 Jahre gemacht haben, schwärmt er, vor allem, weil sie sich strikt vor äußeren Einflüssen geschützt haben.

Ambient auf Gitarrenbasis
Ein weiteres seiner Projekte heißt Singing Statues, mit dem er sehr organische Ambient-Songs auf Gitarrenbasis produziert. Es ist beeindruckend, denn Ben könnte, würde er all seine Ansätze bündeln, auf einer Platte den kompletten Soundkosmos eines Labels wie Warp in perfektionierter Form hörbar machen. Er aber geht die Dinge lieber anders an, mit einer schon fast altklugen Attitüde: “Ich muss mich immer von neuen Sounds inspirieren lassen, Sachen ausprobieren, sonst langweile ich mich und die Dinge stagnieren. Die Leute, die ich am meisten bewundere, haben sich immer um einen Schritt nach vorne bewegt, sich selbst erneuert. Es fühlt sich bei mir aber auch wie ein Kreislauf an, durch den ich gehe, hin und her zwischen elektronischen und organischen Sounds.”

Nach gut drei Jahren scheinst du also eine Runde mehr gedreht zu haben, lieber Ben, denn du arbeitest wieder an neuem BNJMN-Material und hoffst, demnächst damit auch live zu spielen. So ernst, wie deine Sätze hier klingen, nimmst du dich aber gar nicht, so sympatisch war mir im Interview selten jemand. Was, es war dein allererstes? Ben Thomas, egal wie du dich nennen wirst, dein Name wird bald so groß sein wie die deiner Kollegen.

Bnjmn, Plastic World, ist auf Rush Hour erschienen.

http://www.rushhour.nl

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