Die mysterösen Superstars der Elektronika haben wieder ein Album gemacht. Drei Jahre haben die beiden Schotten dafür gebraucht. “Zurück zu den Anfängen” war ihre Premisse. Warum alle so aufgeregt sind, verstehen sie am aller wenigsten.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 96

Rückwärts wird’s auch nicht besser

Seit 1990 findet im Norden Schottlands in der Nähe des Boards-of-Canada-Studios einmal jährlich eine Outdoor-Party statt. Vor der imposanten Naturkulisse Schottlands und verstreut brennenden Lagerfeuern lauschen die Besucher rückwärtslaufenden Sprachcollagen, verfremdeter Filmmusik und starren auf flimmernde Leinwände, beschienen von kruden Film-Obskuritäten. Unter dem Namen Hexagon Sun kollaborierten die Zeremonienmeister der Veranstaltung Mike Sandison und Marcus Eoin regelmäßig mit befreundeten Musikern. Wabernder Elektronika-Prog weht über einen Strand irgendwo im nördlichen Schottland. In der Nacht des ersten Festivals leuchtete der Mond blutrot und der Name dieses nebligen Gatherings war geboren: Red moon nights.
Vielleicht waren diese Abende die Geburtsstunde der Boards of Canada, wie wir sie heute kennen. Alles scheint dagewesen zu sein: die Faszination für Natur, dieses düstere, esoterisch angehauchte Neo-Hippietum, die Anspielungen auf bedeutungsschwangere mathematische Konstruktionen. Keine andere Elektronika-Band hat in den letzten Jahren mehr Rätsel aufgegeben. In Internet-Foren werden ihre Platten mit pedantischer Präzision auf versteckte Hinweise untersucht, Samples rückwärts abgespielt, Zahlenfolgen gedeutet. So finden sich auf der EP “A Beautiful Place In The Country” im Artwork der Platte beispielsweise Hinweise auf den Kollektiven Selbstmord der Davidianer-Sekte im texanischen Waco. Und auf ihrem vorletzten Album “Geogaddi” soll man in einem rückwärtslaufenden Sprachsample den Satz “A God with Horns” hören können.
“The Devil Is In The Details” nennt sich ein Track auf “Geogaddi”. Bei den Interpretationen handelt es sich also nicht nur um Phantasmagorien obsessiv veranlagter Fans. Boards of Canada selber sind nicht ganz unschuldig an den Mysterien und Verklärungen, die sich um sie ranken.
Doch die Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Durch “Campfire Headphase”, die neue BOC-Platte, weht im Gegensatz zum düster vernebelten Surrealismus von “Geogaddi” der illuminierende Wind der Aufklärung. Die Tracks sind strukturell glasklar, die Beats rumpeln präzise abgezirkelt vor sich hin. Darüber schweben diese typischen BOC-Flächen, wie pastellige Farben, die langsam ineinander laufen, sich vermischen und vorsichtig gerinnen. Vielleicht ist “Campfire Headphase” die Abendröte der Elektronika. Zeitlos schön und gerade deshalb so zeitgemäß. Fast wie ein klassisches Lehrstück, eine Essenz. Und für BOC die logische Konsequenz ihrer bisherigen Arbeit.
Natürlich ist auch “Campfire Headphase” durchsetzt mit Anspielungen, Konzepten, Rätseln. Das Bild, dass sich aus der Musik herauslesen lässt, rückt eine andere Seite ins Licht: Marcus Eoin und Mike Sanderson ging es niemals allein darum, in opake, mystische Welten herabzuführen, sondern eher darum, das Seltsame, schwer Verstehbare der Welt in Musik umzusetzen. Rätsel aufzugeben, die danach verlangen, enträtselt zu werden. Eine epische Inszenierung fundamentaler Konflikte auszubreiten: Magie vs. Logik, Spiritualität vs. Vernunft.

Wie fühlt sich das für euch an, eine Platte draußen zu haben? Ist das nicht immer hart, so einen Schnitt zu machen, die Musik in der Öffentlichkeit zu exponieren und die Reaktionen abzuwarten?
Wir sind mit der neuen Platte sehr glücklich. Es ist schon manchmal schwer, diesen Punkt abzupassen, an dem man sagt: “OK, das ist jetzt fertig”, und ab und zu müssen wir uns richtig dazu zwingen, einen Track gehen zu lassen. Bei dieser Platte war es aber eigentlich so, dass wir den Sound, den wir erreichen wollten, auch fast genauso hinbekommen haben. Grundsätzlich interessieren uns die Reviews und der ganze Internet-Chat über unsere Musik nicht wirklich. Wir versuchen immer einfach nur unseren Instinkten zu folgen.

“The Campfire Headphase” klingt schnörkelloser als “Geogaddi”. Gab es Unterschiede im Produktionsprozess, in eurem Zugang zur Musik?

Ja. In gewisser Weise wollten wir unsere Musik vereinfachen. Das war aber im Vergleich zu den anderen Platten sehr zeitaufwendig. Klingt komisch: mehr Zeit für einen reduzierten Sound. War aber so. Unser Zugang zur Musik verändert sich eigentlich ständig und von Platte zu Platte. Unsere Ideen und Themen ändern sich, die Musik, die wir hören … Diesmal wollten wir zurückkehren zu einem simplen Sound, zu destillierten Melodien. Die Tracks sind aber gleichzeitig immer noch sehr dicht im Hinblick auf die Arrangements.

Ihr arbeitet jetzt seit fast 20 Jahren zusammen. Gab es bei eurer Kollaboration eine Zeit, in der ihr euch in einer Sackgasse gefühlt habt?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben eher das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben, alles das zu machen, was wir gerne machen würden. Unsere Musik ändert sich von Platte zu Platte, bleibt aber im Kern ganz klar “Boards of Canada”. Wir lassen immer ein anders farbiges Licht durch unsere Musik scheinen.
Außerdem interessieren wir uns beide für ähnliche Dinge, ähnliche Filme, ähnliche Musik, Kunst und Literatur. Uns gehen irgendwie nie die Ideen aus. Wir planen jetzt schon unser nächstes Projekt.

Gab es für euch einen musikalischen Moment, von dem ihr dachtet, das ist jetzt perfekt, das könnte für immer so weitergehen?

Ja, das passiert sogar sehr oft. Speziell bei den extrem minimalen Tracks, bei einer verloren klingenden, isolierten Melodie oder sich wiederholenden Phrasen. Auf diesem Album ist das bei dem letzten Track “Farewell Fire” so. Wir hätten der Musik für immer zuhören können, also haben wir den Track am Ende der Platte ganz langsam ausgefaded, so langsam, dass der Track die letzten zwei Minuten kaum noch zu hören ist, die Musik aber weiter ganz leise vor sich hinkreist.

Spielen die Zuhörer irgendeine Rolle für euch?
Das ist eine schwierige Frage, weil wir uns auf der einen Seite immer vorstellen, dass niemand unsere Musik hört, um die Musik möglichst direkt und unmittelbar aus uns selber heraus zu produzieren. Aber da draußen gibt es natürlich viele Leute, die sich sehr intensiv alles anhören, was wir machen. Also spielen wir ein wenig damit. Eines unserer Hauptziele ist es, ganz tief sitzende Gefühle beim Hörer anzusprechen … persönliche, emotionale Bindungen oder eine verblasste Erinnerung an jemanden oder etwas, das verloren ist.

Woher kommt eure Faszination für “heidnische” Religionen und Natur? Den Track “Atarochronon” könnte man vielleicht in diesem Kontext sehen.

Ataronchronon handelt eher von der Zersplitterung eines vertrieben Indianerstamms, es handelt von geschichtlicher Tragik und Ungerechtigkeit. Wir sind zwar an Religion interessiert, selber aber nicht religiös. Unser Interesse sowohl an der Spiritualität als auch an der Natur, an Geometrie und Mathematik, an der Erhabenheit der Wahrnehmung des Ganzen hängt damit zusammen, dass wir verstehen wollen, welche Werte und Muster unser Gehirn auf die Welt projiziert.
Vielleicht können aber auch das Spirituelle, die Wissenschaft, Logik und Mathematik nebeneinander stehen. Die Dinge scheinen manchmal nicht allein wissenschaftlich erklärt werden zu können. Wenn man eine schöne Melodie hört, sich in jemanden verliebt, was auch immer …

Auf der “A Beautiful Place In The Country”-EP spielt ihr auf das Waco-Massaker an. Dort hat eine Sekte einen kollektiven Selbstmord begangen. Wie fügt sich das ein?

Das Interesse an Religion kommt aus unserem Respekt und der Liebe für die Perfektion, die man überall auf diesem Planeten sieht. Aber in evolutionärer Hinsicht haben Menschen schlicht und einfach nicht den Intellekt, um wirklich zu verstehen, was vor sich geht. Es reduziert sich also auf einen Krieg zwischen Logik und Spiritualität, wie eben in Waco.

Wie steht ihr zu den ganzen Interpretationen, die über eure Platten kursieren?

Das erstaunt uns manchmal schon, dass die Leute ganz kleine Details in unserer Musik wahrnehmen, von denen wir gedacht haben, dass sie die niemals bemerken würden. Auf der anderen Seite werden aber auch einfach Dinge erfunden, die so nicht da sind. Deshalb wird es manchmal tatsächlich einfach nur absurd.

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Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 11

Nette Melodien von netten Menschen Boards Of Canada, das neueste Pferd im Warp-Stall. Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Boards Of Canada Fans hatten es bisher schwer, alle von den Schotten Michael Sandison und Marcus Eoin veröffentlichten Platten zu ergattern. Die erste EP, Twoism, erschien im Eigenverlag in einer Auflage von 100 Stück, ein großer Teil der Auflage einer als Weihnachtssingle gedachten 7″ auf Skam vergammeln derzeit in einem Wohnzimmer in Manchester – Schwierigkeiten mit diversen Vertrieben – und das beste BoC Stück versteckt sich auf MASK 1, einer ebenfalls auf 100 Stück limitierten Compilation 12″. Dabei hat diese Musik mehr Aufmerksamkeit verdient. Denn: Es geht um Melodien zwischen Science Fiction und Kitsch, und weil das oft dasselbe ist, irgendwie um früher. Irre catchy, vereinnehmend und … haunting. Melodien, die ein wohliges Gefühl in der Magengegend machen, in Detroit wohl Memory Chords genannt werden und die einem die wirklich wichtigen Dinge in Erinnerung rufen: Sommerferien, in die Sonne blinzeln. Folgerichtig hat Warp, Heimat der blassen Engländer, Boards Of Canada jetzt eingekauft und mit Music Has The Right To Children eine Mischung aus vergriffenem und neuem Material vorlegt. Michael Sandison meldet sich am Karfreitag per Funktelefon bei mir, irgendwo unterwegs auf einer Autobahn bei Köln. de:bug: Karfreitag auf Promotour? Muß das denn sein? Michael Sandison: Wir waren gestern noch in Paris und haben dort unzählige Interviews gegeben, das war reichlich anstrengend. Heute sind wir nur in der Kölner Gegend rumgefahren und haben uns die Landschaft angesehen, alles sehr entspannt. Gerade haben wir Schloß besichtigt. Ich finde es toll hier! Die Landschaft erinnert mich an Schottland und der Regen im Moment erst recht! de:bug: Ihr werdet ja zur Zeit ganz hübsch rumgereicht. Wie fühlt sich das an? Michael Sandison: Es ist merkwürdig, aber natürlich auch schön, daß sich eine Menge Leute in Europa für unserer Musik interessieren, gerade wenn man wie wir aus einem kleinen schottischen Dorf kommt, wo einfach nichts passiert. Noch fühlen wir uns richtig wohl! de:bug: Music Has The Right To Children…ich habe mich bei einem fragenden Nicken ertappt. Michael Sandison: Der Titel kommt von einem Lehrbuch für den schulischen Musikunterricht aus den 70er Jahren. Es heißt: Children Have The Right To Music. Wenn man die beiden Begriffe Children und Music vertauscht bekommt der Satz eine völlig andere, sehr bedrohliche Konnotation. de:bug: Bedrohlich ist Eure Musik aber nicht! Michael Sandison: Also, die netten Melodien benutzen wir, weil wir nette Leute sind! (lacht) But we like to fuck with people a little bit as well…Natürlich steckt in unserer Musik viel Gefühl, sie wird oft mit Schlafliedern für Kinder verglichen. Wir benutzen die Melodien aber sehr überlegt , so daß längst nicht alles so harmlos ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Auf diese Weise verstecken wir Dinge in unserer Musik, die mehr was für Erwachsene sind. Das merkt man auch dem Material an, an dem wir zur Zeit arbeiten. Warp möchte noch in diesem Jahr ein weiteres Album von uns veröffentlichen. Die Melodiearrangements der neuen Tracks sind noch darker geworden, auf diese Weise entsteht eine herrlich bittersüße Stimmung. Definitiv extremer werden die Rhythmen, schneller und rougher. Aber bevor wir so ein Album veröffentlichen können, wollten wir einer breiteren Hörerschaft mit Music Has The Right to Children klarmachen, worum es bei den Boards Of Canada geht: DIY…Do It Yourself…rougher Sound. Das sind unsere Wurzeln. Jetzt, wo das klar ist, können wir uns an neue Projekte machen. de:bug: Erlaubt euch der Deal mit Warp denn überhaupt noch Material auf anderen Labels zu veröffentlichen? Martin Sandison: Boards Of Canada sind exclusiv bei Warp. Wir haben aber ein Abkommen, daß wir weiterhin Material auf anderen Labels veröffentlichen können, allerdings nicht unter diesem Namen. Es wird also auch wieder eine Platte auf Skam geben. Da ist dann detektivischer Spürsinn gefragt! Music Has The Right To Children (Warp / Rough Trade) ist jetzt erhältlich. ZITAT: Melodien die wirklich wichtige Dinge in Erinnerung rufen: Sommerferien, in die Sonne blinzeln.

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Text: gregor wilderman aus De:Bug 03

Boards of Canada – Hardware Addicts

Gregor Wildermann
gregorw@berlin.snafu.de

“It’s just by default that we do electronic music.Ò Dieser in Ironie getränkte Satz stammt von Mike Sandison, der zusammen mit Marcus Es die achte Platte auf Skam-Records veröffentlichte und damit dieses Label aus Manchester nochmals interessanter machte. Gleich den Mitbetreibern von Autechre, ist das Duo aus Edingburgh eine der Gruppen, die moderne elektronische Musik von der Landkarte Englands nicht verschwinden lassen.
Ihr erster Auslandsbesuch führte sie zum Sunflower-Festival bei Regensburg, wo sie in guten Absichten auf die Folgen von schlechtem Wetter trafen und wie viele andere DJs, Liveacts und Raver mit Schlammfüßen zu kämpfen hatten. Mittendrin auch Michael Fakesch und xxxxx, die Boards of Canada für die MASK 1 gewinnen konnten. Das, der Skampler-Sampler und ihr kommendes Album auf eben diesem Label waren Grund genug, wieder einmal die Fragen nach Wohin und Woher zu stellen…..

Mike Sandison: Angefangen haben wir auf der Schule, eigentlich schon in den frühen 80er Jahren, so etwa 1983/84. Ich bin jetzt 26 Jahre alt, Marcus ist 24. Zu der Zeit haben wir unter diversen Namen und mit verschiedenen Musikern gearbeitet und es gab auch Zeiten, da waren wir eine richtige Band mit 4 Musikern und einem Vocalist. Ich selbst war da der Drummer. We are kind of multi-instrumentalists. Irgendwie fanden wir dann heraus, daß wir zu zweit am besten arbeiten konnten und wurden in dieser Phase auch immer elektronischer. Wir benutzten dabei aber sehr roughes Equipment wie z.B.. Ghettoblaster und älteres HiFi-Gear und wir wollten es so gut wie möglich klingen lassen. Selbst als wir uns immer teureres Equipment kauften, wollten wir auch damit diesen roughen Sound entstehen lassen. Wir benutzen es auf eine Weise, wie es andere nicht tun würden. Viele würden High-Tech-Sampler dazu benutzen, sehr cleane und reine Sounds zu machen; wir spielen absichtlich falsche Tonlagen und zerhacken die normalen Strukturen. We deliberatly fuck it about so that it gets really kind of rough. Es gibt ja mittlerweile auch moderne Verfahren, mit denen man etwas so klingen lassen kann, als ob es in den 60ern aufgenommen worden wäre, was in sich schon ein bißchen ironisch ist.

Woher stammt der Name Boards of Canada ?

MS: Es gibt eine Behörde in Camda, die ” The National Filmboard of CanadaÒ heißt. Sie produzieren Natur- und Tierfilme bzw. politische Dokumentarfilme, die sich hauptsächlich mit Nordamerika und Canada beschäftigen. In den 70ern waren diese Filme sehr beliebt und ihre Soundtracks haben uns sehr beeinflußt. Es waren immer sehr schön gemachte Tunes, die bestimmt von einem Acid-Casualty mit langen Haaren und sehr vielen Synthesisern komponiert worden sind. Es waren brillante Sounds und wir haben versucht, unsere Tracks in dieser Art klingen zu lassen. Da wir uns aus rechtlichen Gründen nicht National Filmboard of Canada nennen konnten, wandelten wir den Namen einfach ein wenig ab und daraus wurde Boards of Canada.

Ist das Bild auf der Skam-Platte auch aus einem dieser Filme?

MS: Dieses Bild stammt von einem Film, den ein Freund von mir gemacht hat. Wir haben ja eine kleine Firma namens Music70 und die produziert auch Super-8 und Videofilme, wovon viele recht experimentell sind. Ich selbst mache auch einige dieser Filmarbeiten und wir werden demnächst unseren ersten Super-8 Film in Spielfilmlänge drehen, bei dem wir auch komplett die Musik machen.

Was ist das Thema dieses Filmes?

MS: Es wird wohl ein Roadmovie sein, aber auch das in einem eher weit gefassten Begriff. Es soll ein Roadmovie in fünf Teilen sein und das ist auch schon alles, was wir im Moment wissen.

Wie kam es zu der Platte auf dem Skam-Label?

MS: Nachdem wir auf unserem eigenen Label Music70 eine erste Platte gemacht hatten, wollten wir mit Rephlex, Warp und Skam in Kontakt treten, da wir irgendwo auch Fans dieser Labels und ihrer Musik waren. Es gab nur 100 Stück dieser Platte und ich selbst habe noch 70 Stück bei mir liegen. Die anderen 30 verschickten wir an Plattenläden und diese drei Labels und nach zwei Tagen rief schon Sean Booth von Autechre an und meinte nur: “Yah, we’ gonna do something together.Ò Das hat uns natürlich gefreut.

Was macht deiner Meinung nach die Qualität von Autechres Musik aus?

MS: They are doing really original rhythm-work, but they don’t do jungle music. Viele machen den Fehler, daß Jungle die einzige Alternative sein soll. Bei jeder neuen Platte merkt man ihnen ihre Versessenheit für technische Details an und sie versuchen als einer der wenigen, wirklich eigenständige Musik zu machen, die man in keinerlei Genre packen kann.

Wird es auf Music70 noch mehr Releases geben und was wird man sonst von Euch in Zukunft hören können?

MS: Auf Music70 werden in Zukunft sicherlich noch Platten erscheinen, aber im Moment haben wir noch zu viele andere Projekte. Auf Skam wird eine CD im Albumformat erscheinen und ich hoffe, daß wir das in den nächsten 6 bis 8 Wochen fertigstellen können. Außerdem werden wir eine Single und dann auch ein Album für Mike Paradinas Label Planet-µ machen. Er hatte eine Copy der Twoism-EP bekommen, die etwa im Januar ’96 herauskam und Material vom Sommer ’95 beinhaltet. Einer der Tracks (“See ya laterÒ) war dann auch auf der B-Seite der Skam-EP. Mike hat diese Platte irgendwie in die Hand bekommen und uns dann ein paar Monate später auch daraufhin angerufen.

Klingt Euer neues Material anders als die Tracks der EP auf Skam?

MS: Wir haben uns schon weiterentwickelt. Vieles klingt wesentlich organischer und die Tracks sind auch viel durchkomponierter. Oft versuchen wir auch, daß sich der Track vom Anfang bis Ende völlig verändert und wir beschreiben das als einen ‘psychadelic approach’, den wir irgendwie gut finden. Wir haben auch viel Folkmusik aus den 70ern gehört wie z.B. Incredible String Band oder Jonie Mitchell, die durch ihre Instrumentenwahl wie z.B. Flöten ebenfalls sehr organisch und natürlich klingen. Diese Soundquellen haben wir verstärkt gesampelt. We processed them, destroyed them and turned them back into something very electronic. Man wird aber trotzdem merken, daß diese Einflüsse bestehen.

Wie groß ist die Gefahr, daß ein Label wie Skam durch eine gewisse Popularität an Qualität einbüßt?

MS: Ich weiß von Andy Maddocks (Labelchef) Bedenken, daß dem Label im Moment zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und das zu viele Interviews und Artikel erscheinen. Er macht sich da schon Sorgen und ich stimme ihm da auch zu. Für Journalisten wie dich oder Musiker wie mich ist so ein Label wie Skam natürlich sehr attraktiv, zumal man sich vorstellen muß, wie wenig finanzielle Mittel dahinter stehen. Am besten ist es, wenn ein Label so Underground ist, daß niemand weiß, woher es kommt und wer es macht. Es liegt ja auch an den Künstlern eines Labels, alles zu versuchen, damit das Label einzigartig bleibt und etwas Besonderes darstellt.

Glaubst du, daß Eure Musik von den verschiedenen eigenen künstlerischen Interessen profitiert?

MS: Bestimmt. Persönlich würde ich mich auch gar nicht nur auf Musik konzentrieren wollen; daß liegt überhaupt nicht in meiner Natur. Viele Musiker sind auch DJs und wiederum viele aus dem Fernseh- und Filmbereich interessieren sich für Musik. Meiner Meinung nach liegt es an der doch recht billigen Hardware, die es vielen Menschen ermöglicht, eigene Platten aufzunehmen und eigene Videos zu drehen. Mit Computern kann man selbst das Artwork machen und über das Internet vertreiben.

Richard James benutzt spezielle Software, um Platten wie die Rubberjohnny zu machen. Experimentiert ihr auch mit solchen Programmen?

MS: Wir benutzen überhaupt keine Computer. Jedesmal, wenn wir versuchen, etwas mit einem PC oder Mac zu machen, haben wir einfach nur Probleme und es nervt. We like Hardware. Viel von unserem Equipment sieht so aus, als könnte es in einer großen Fabrik stehen. We like knobs. Big things with knobs and dials. Wir haben natürlich auch digitales Equipment, aber Computer gehören nicht dazu. Ich mag diese kleinen Displays auch nicht, weil man damit überhaupt nicht instinktiv arbeiten kann. Computer sind einfach dafür nicht ausgelegt, sind zu zerbrechlich und gehen viel zu schnell kaputt. We like to come into the studio and kick it about.

Worin liegen die Vorteile bei der Arbeit als Duo?

MS: Definitiv die Qualitätskontrolle. Manche Künstler, die ich jetzt hier aber nicht nennen werde, veröffentlichen einfach zu viel und oft zu durchschnittliches Material. Wenn sie einen Partner hätten, dann könnte der ihnen sagen: Ich verstehe warum du das gemacht hast, aber es ist einfach shit. So machen wir das. Eigentlich produzieren wir eine Menge Tracks, von denen ich die meisten schreibe und Marcus sagt mir dann, was er davon hält. Bevor Andere unsere Tracks hören, haben wir beide sie für gut genug befunden.

Wie sieht ein Liveset von BOC aus?

MS: Wir ändern unser Live-Setup immer wieder. Bei unseren ersten Gigs haben wir tatsächlich unser ganzes Equipment mitgenommen, was natürlich totaler Schwachsinn war. Danach haben wir dann immer weniger aufgebaut, was auch für unsere Arbeitsweise ein interessanter Aspekt war. Im Moment überlegen wir, alles auf einen einzigen Sequencer aufzubauen und da werden wir uns wohl für einen MPC2000 von Akai entscheiden. Bei einem Live-Gig kann man dann immer noch parallel zu den Drums auf einem Synthi spielen, ohne daß es unharmonisch klingt.

Über Live-Acts wird ja oft gemäkelt, weil es keinen wirklichen Standart dafür gibt. Was ist deiner Meinung nach der häufigste Fehler von Live-Acts?

MS: Oft wird etwas völlig anderes gespielt, als es von den Platten her bekannt ist. Ich war immer sehr enttäuscht, wenn eine Band beim Live-Gig etwas ganz anderes spielte. Manche sagen zwar, daß man auf einer Bühne etwas Einzigartiges schaffen sollte, aber ich persönlich bin da anderer Meinung. Manche versteifen sich auch nur auf Rhythmik und vergessen jede Form von Melodie, was ich dann auch eher schade finde.

Dave Being ist auch aus Edinburgh. Kennt ihr euch eigentlich?

MS: Nein, leider nicht und wir sind das auch schon öfter gefragt worden. Wir müssen ihn wohl anrufen. Wir wohnen auch nicht direkt in Edinburgh, sondern etwas außerhalb auf dem Lande. Ich könnte auch nicht sagen, daß wir zu irgendeiner Szene gehören.

Das fällt den meisten Künstlern aber auch erst dann auf, wenn in der Presse über die Szene einer bestimmten Stadt geschrieben wird und mal wieder versucht wird, einen “Sound of…” zu kreieren.

MS: Da hast du wohl recht. Sicherlich würde es uns eher auffallen, wenn wir eine Zeit lang nicht mehr in Edinburgh wohnen und arbeiten würden. Von Manchester kann man schon behaupten, daß dort viele Musiker gleiche oder sehr ähnliche Elemente in ihrer Musik benutzen. Wir selber sind dennoch eher Einzelgänger.

Wenn eure Musik an einem öffentlichen Platz gespielt werden sollte, welcher wäre das dann?

MS: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, ich würde mir wohl ein offenes Feld aussuchen. Unsere Musik ist eher Daytime-Music im Gegensatz zu Nighttime-Music. Wenn wir uns ausuchen könnten, von wem und wo unsere Musik gehört wird, dann wäre es wohl von gut angetrunkenen Menschen an einem sonnigen Tag irgendwo im Freien. That’s the situation when I’am writing stuff.

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