Mittels direkter Herangehensweise versucht Bob Brown mit seinem Label Framework, Techno mehr Komplexität und Überraschung zu verpassen. Experimente und Grooves gegen drögen Looptechno und für enorme Tanzbarkeit.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 55

Alte Bretter, neue Hobel
Bob Brown / Framework

Bob Brown und sein Label Framework kommen aus einer Szene von Produzenten, für die Techno alles ist. Heißt vereinfacht: kein Pop im Hintergrund, also auch kein Retro, keine Kunst- oder Musikschule, also auch keine klassischen Experimente, keine Indievergangenheit, also kein IDM, nur die reine Lehre, und die begann nach Experimenten, mit Taperecordern Tracks zusammenzubasteln, wie bei so vielen vor allem mit dem Verständnis von Techno, das Jeff Mills losgetreten hat. Bob Brown kommt aus Philadelphia, er weiß also, was HipHop ist, weiß, dass man ihn schon daran erkennen kann, dass er ein typischer Ami ist (“lass uns auf der Strasse treffen, du weißt doch, wie wir Ami DJs aussehen”) und weiß vor allem, dass die Entwicklung von Techno aus dieser Sichtweise ungebrochen ist.

Im Allgemeinen besteht der Glaube, dass harte Technotracks eben harte Technotracks sind, dass die Leute auf den Partys soviel Drogen wie möglich schmeißen, die Welt ein ewiger Loop ist und die Menschen schreien, wenn oben was kommt (Hihats) oder unten was kommt (Bassdrum). Unter anderem haben wir auch das Jeff Mills zu verdanken. Der weiß davon glücklicherweise nichts und es kümmert ihn kaum, dass Generationen von Kids seine Tracks kopiert und gesamplet haben, durch die Basisanwendungen ihrer Software laufen ließen, und ab gings. Man glaubt, dass Looptechno daraus irgendwo zwischen Surgeon, Regis usw. erfunden wurde, die Schweden das Ganze weit und breit in einer Allianz mit den Engländern popularisierten, und aus dem Gemisch von harten Technotracks Anfang bis Mitte der 90er eigentlich nur noch dieser Mainstream aus Looptechno übrig blieb. Amerika versank weitestgehend von dieser Technolandkarte mitsamt einem ganzen Universum von Labeln, die sich fast nur noch als Dependancen in Europa beim Vertrieb Intregrale halten konnten.

Ausgeblendet wurde dort oft genug das Wissen um Detroit in seiner ganzen Vielschichtigkeit von Yolanda bis Hardwax, seiner Elektro und Hiphop Referenzen, aber auch die Disco und Houseevolutionen bis hin zu den merkwürdigsten Chicagotracks. Dass Basic Channel Platten stellenweise nichts mit dem, was man heute Dubtechno nennen würde, zu tun hatten, sondern harte kompromisslose Schärfe hatten, dass Vogel auf Magnetic North hämmerte wie ein Elektronik-Schmied, dass Rush eigentlich ganz schön merkwürdige Beats machte all die Zeit, all das blieb irgendwo im Mainstream-Loop von Nordseetechno hängen. Der schaffte es entweder, sich (wie bei z.B. Oliver Ho) in Richtung tribaler Poly-Rhythmik zu entwickeln oder eine Parallelwelt von sequentiell detroitiger Musik zu erlauben, aber bis auf wenige große Ausnahmen bewegen sich mittlerweile selbst Aushängeschilder der Szene immer mehr davon weg. Mal Richtung Detroit, mal Richtung Powerbook, mal Richtung Soundscape oder sogar House, aber ihren Hintergrund vergessen sie deshalb dennoch nicht.

Diese “andere” Powerbook Posse allerdings hat mitnichten vor, sich in den Welten von postautechre-aphex Broken Beats mit Melodie zu verknuffeln, auch wenn sich erste Überschneidungen andeuten, und nimmt sich auch kein Beispiel an dem sogenannten Minimalismus deutscher “Prägung”, sondern sucht wie bei Ibrahim Alfa, Tobias Schmidt, Steve Glencross, Feis, Berkovi, Vogel, Tarrida, Czubala usw. nach einer orginär technoiden Verwandlung von Techno hin zu mehr Komplexität und Überraschung. Für eben diese Art von Musik entwickeln sich seit langer Zeit schon Epizentren: Brighton davon das bekannteste, Scandinavia, Sativae, Mosquito, Automatic, mit einer Resonanz auch auf deutschen Labeln wie Hörspiel, Mutter, Feis, Neue Heimat, zuweilen Tresor, und – auch in Berlin – hat sich seit einiger Zeit unter der Regie von Cora Schneider und Mental Industries sowie dem Possible Music Vertrieb ein neues Zentrum dieser Art von Musik entwickelt, zu dem zu gehören Bob Brown (neben Titonton, Bill Youngman, Ibrahim, Lusine Ici, Michael Forshaw, Eva Cazal, Aeox und vielen, vielen noch Kommenden) mehr als glücklich ist. Vor allem weil in diesem Rahmen vom brachialen Experiment bis hin zu groovig detroitigen Tracks auf einmal wieder alles möglich geworden ist und alles wieder tanzbar ist.

Wie alle anderen kommt auch er immer häufiger nach Europa, weil sich in Amerika nur schwer für diese Art von Musik eine Szene entwickeln lässt, damit hat er es in Philadelphia nicht leichter als die andere wichtige Powerbook Posse von Sutekh, Jasper, Kit Clayton, Twerk bis hin zu Plug Research und Schematic.
Um seinen Sound hinzubekommen, hat Brown vor noch gar nicht so langer Zeit (und seine neuste EP auf seinem Label Framework ist eine der ersten von ihm, die nur auf Powerbook enstand), sein Studio und die Vorliebe für Drummachines, die immer die Basis seiner Tracks waren, gegen ein Powerbook eingetauscht und arbeitet, anders als die oft mit generativen Effekten werkelnde Westküsten-Szene, mit einer “Off”-Software Namens “Mboom” die jetzt “Muzys” heißt und lustigerweise Abletons „Live” in der Direktheit des Approaches nicht ganz unähnlich ist. Diese Direktheit ist ihm, der wie viele andere von einer Hardwaresequencer-Patternprogrammierung her kommt, nicht von Cubase oder ähnlichem, wichtig, weil sie unter anderem dafür sorgt, dass man trotz immer wichtiger werdender Sound-Experimenten und bis hin zu kryptisch gehenden Grooves den Dancefloor niemals aus den Augen verliert.

Grade weil sich Bob Brown irgendwie auch als Computer Information Systems College Absolvent und selbsternannter Part-Time Nerd versteht, ist die Direktheit auch eine Anerkennung und ein Dank an den Kontext, aus dem heraus seine Musik egal ob beim Produzieren oder als DJ entsteht. Den Kontext Dancefloor genau so wie den der Geschichte von Techno mit allen Implikationen, weshalb er, mit einem Lineup, das so ungefähr jeden, der einen Namen in dieser Szene hat, kürzlich eine Doppel CD Namens „Africa Aware” zur Hebung des Bewusstseins der Afrika ruinierenden Verbreitung von Aids koordinierte.

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Elektronische Lebensaspekte.