Statt auf dem Motorrad ist der Kölner Drum'n'Bass-Produzent Bob Humid auf den Pfaden der 16 Takte unterwegs - stilsicher und jenseits von möglichen Verirrungen.
Text: pauli feigenfeld aus De:Bug 47

Science Fiction auf dem Sofa

Bob Humid

In Zeiten, in denen Musiksender Großraumdisco-kompatible Drum’n’Bass-Tracks auf Heavy Rotation laufen lassen, die in jedem, der diese Musik irgendwann mal gut gefunden hat, Gedanken an Verstümmelung und Untergang wachrufen, in Zeiten wie diesen ist Hoffnung das Brot der Geknechteten. Es gibt doch noch Ritter, die dahergeritten kommen, um uns unbefleckte Prinzessinnen vor diesen Mainstreamdrachen zu retten. Einer dieser Ritter ist Robert Feuchtl aka Bob Humid. In jeder Hand trägt er eine schimmernde Scheibe, die er wagemutig in des Monsters Rachen schleudert. Diese Scheiben sind seine zwei Album-Debüts “Twisted Repairs” und “Twisted Despairs”.
“Zuerst wollten meine Eltern mir ein Motorrad kaufen,” antwortet Bob auf die Frage, wann er denn mit der Musik begonnen hat, “aber ich habe mir dann einen Korg DS 8 gekauft.” Seit 1989 programmiert er sich einen grauen Star in die Netzhaut, immer auf der Suche nach neuen Spektren und neuen Mutationen der elektronischen Musik. “Man sollte den Leuten in den Arsch treten, die sich nichts Neues einfallen lassen. Der ganze Minimal TechStep hat einfach keine sexy Dramatik.”, sagt Humid, “Nicht alles, was Rhythmus hat, ist funky. Wenn ein Track zu monoton wird, verliert er automatisch an Speed, egal, wie viele bpm er auch haben mag. Das war es eigentlich, was Drum’n’Bass für mich immer so attraktiv gemacht hat: Es gibt viel Information, viele sinnvolle Events pro Sekunde. Ich denke, Drum’n’Bass wird erst ab 16 Takten relevant. Loopreiterei verliert sehr schnell an Reiz, weswegen man versuchen muss, diese zusätzliche Magie zu finden, die kaum noch begreifbare Körperlichkeit eines Rhythmus.”
Während des Telefoninterviews fliege ich dreimal aus der Leitung, das leidige ISDN-Problem, meint Bob. Es ist Sonntag, wir sind beide gerade erst aufgestanden und ich bin in meiner Welt noch ungefähr so desorientiert wie der Protagonist des Videos zu “We Care Cause They Won´t”. Das Video entstand in einem Hirn, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man sehen will, was darin vor sich geht. Bernhard Deissler, ein Kopf der Kölner Video-Hydra “Leuchtmittel”, hat ein Cut-Inferno inszeniert, das – soviel muss man zugeben – an Arbeiten von Chris Cunningham erinnert.

Let the music play

Während “Twisted Repairs” (content: reparations on electronic breakbeats&drum´n´bass/file under: berzerk precision funk/tight shit/this is sand 004) eine Scheibe ist, die, wie im Subtitel angeführt, wahrscheinlich am trefflichsten als “Berzerk Precision Funk” definiert werden kann und trotz 16-taktigen Swings, die von DJs und Produzenten ob ihrer mutagenen Komplexität gerne gemieden werden wie amorphe Endzeit-Suburbs von Amish-People, trotzdem immer verdammt funky bleibt, hat Humid auf “Twisted Despairs” (content: variations and de-mixes of “twisted repairs”/imported from a subconsciuos source/understanding a probable future/file under: alghorithmical music/totally warped/this is sand 005) versucht, sich eine mögliche Zukunft zusammen zu halluzinieren.
“Irgendwann bin ich wohl mal falsch abgebogen und hab mich verfahren, aber es ist lustig hier.”, lächelt Bob, “Es ist weniger, dass ich irgend etwas mit der Musik gemacht hätte, als vielmehr, dass sie etwas mit mir gemacht hat. Ich habe versucht, aus allen Schubladen rauszuspringen und mir vorzustellen, wie sich ‘Twisted Repairs’ in dreißig Jahren anhören würde.” OK. Alles klar. Ich schiebe die CD in den Player. Mal hören, was passiert. Irgendwann öffne ich die Augen, blinzle und frage mich, wo zur Hölle ich gerade war. “Twisted Despairs” erinnert mich an ein nachmittäglich somnambules Nickerchen auf der Couch, bei dem man über einem Science-Fiction-Buch eingeschlafen ist. Man erwacht und hat keine Ahnung, wo man ist, wie spät es sein könnte, geschweige denn, was in den letzten zwei Stunden real oder surreal war. Welches Jahr haben wir denn? “Twisted Repairs” ist der Tag, hat Struktur, ist in all seiner Komplexität nachvollziehbar – “Twisted Despairs” ist der Traum dazu; die Dinge, die man von eines langen Tages Reise in die Nacht und in das Sublevel Schlaf mitnimmt, die das Unterbewusstsein verfremdet und in einer stundenlangen Mutation mit allem kompatibel macht, was sonst noch so in jenen Teilen unserer Psyche umherirrt, die man allerhöchsten einem teuren Analytiker preisgibt. Bob Humid hat versucht und er hat seine Sache gut gemacht. Ich lege mich wieder auf die Couch und warte, wohin es diesmal geht.

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Elektronische Lebensaspekte.