Freistil mit Gesang, bzw. R&B mit Zähnen
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 111


Musiker mit Vergangenheit stürzen sich auf Freistil mit Gesang. Spätere Generationen werden es für R&B mit Zähnen halten.

Wenn es hoch kommt, stehen in der Gegend gerade mal zwanzig Häuser, in der sich Alex Amoon und Fabian Fenk damals verschanzten. Nah der Ostsee, in einem von diesen wenigen und spitz überdachten Wohnzimmern bauten sie ihre musikalischen Barrikaden auf – und ab. Allein die Geschichte des Duos verspricht in seiner Vermischung eine schwer zu fassende Sitzplatzwahl. Amoon, der bis dato als DJ, Nonostar und mit der EP “I Am The Virus” auf BPitch Control im elektronischen Bereich hantierte, trifft auf den Grafikdesigner und Pantasz-Noiser Fenk. Dieser ist erst zur Jahrtausendwende mit elektronischer Musik in verbindlichen Kontakt gekommen und eher ein Kind, das in der Feedbackschule von Sonic Youth musikalisch sozialisiert wurde. Diese viel versprechende Zusammenkunft hat in aller Abgeschiedenheit Abseitiges entstehen lassen.

“No More Wars“ ist ein musikalisch eleganter Elektroklumpen aus mal folkigem, mal tanzbarem und dann wieder minimal elektronischem Postpop. Ein derartiges Konglomerat fasziniert (neben der bildhaft eigenwilligen Ästhetik) in seiner Grenzenlosigkeit und Rastlosigkeit. Man fragt sich, woher Bodi Bill ihre Inspirationen ziehen und wohin sie denn überhaupt wollen, bei all dieser Offenheit. Aber den Bezug zu ihren kreativen Impulsen legen sie nicht frei, sondern folgen ihnen gezielt ungefragt. Tief verwurzelte Einflüsse sind es, die bewusst unbewusst veräußert werden sollen: “Wenn ich an eigener Musik arbeite“, betont Fenk, “habe ich kein Ohr für andere Bands oder Künstler. Ich stecke dafür dann immer viel zu tief in der eigenen Suche drin, auch wenn natürlicherweise ganz viel von dem herauskommt, was ich irgendwann mal aufgesogen habe.“ Auch im Hinblick auf ein Label steckten Bodi Bill vor der Veröffentlichung ihres Debüts zunächst zwischen den Stühlen: BPitch Control lag nah, Sinnbus Records aber letztlich näher.

Nun sitzen Amoon und Fenk erneut unterm Spitzdach von damals. Wieder bauen sie dort ihre Barrikaden auf und ab, um die Liveumsetzung ihres Debüts zu proben – und natürlich um im Off zu tanzen und keinerlei Positionen zu beziehen. Irgendwo zwischen Rave und Singer/Songwriter beziehen sie ihren Platz im Abseits, wo sie schrauben, abfahren und quertanzen können. Mit verqueren Beats, schlauer Elektronik und einem ästhetischen Programm, das so eigenwillig wie vorausblickend ist, dass es sich eigenmächtig aus dem Off herauskatapultiert. Progressiv zu musizieren, bedeutet Standards zu bedienen, sie hinter sich zu lassen, wieder aufzunehmen, neu umzukrempeln und im Off bloßzustellen, nachdem man sich tanzend davongemacht hat. Bodi Bill sind schon längst wieder weitergezogen – ganz so, wie es sich für vorausblickende, rastlose Kunstformen gehört.
http://www.bodibill.de

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Elektronische Lebensaspekte.