Bohren und der Club of Gore sind die Band, die David Lynch vor Rammstein gerettet hätte. Slomo-Instrumental-Mosh aus dem Geiste von Death Metal und Sade, bei dem dogmatische Jazzer weich werden. Horror-Jazz aus Mühlheim/ Ruhr.
Text: sven von thülen [sven.vt@debugOS.de] aus De:Bug 34

Gotham City Jazz/ Die Fürsten der Finsternis Bohren und der Club of Gore Es ist immer wieder schön, wenn alte musikalische Bekannte, die man aus den Augen verloren hatte, wieder auftauchen. Anfang der Neunziger hiessen Bohren und der Club of Gore noch 7″ Boots und tummelten sich mit recht grossem Erfolg in der hiesigen Hardcore-Szene. Aber irgendwann wurde es ihnen zu langweilig, jedes Wochenende für Spritgeld und lecker Essen durch die Gegend zu fahren und mit einer Handvoll anderer, identisch klingender Bands Verstärker zum Bersten zu bringen, ihre Moshwalze auszurollen und sich von schnöseligen Hardcore Kids wegen ihrer Metal T-Shirts anpöbeln zu lassen. Den wegweisenden Platten der grossen Vorbilder wie Nasty Savage, Slayer oder Morbid Angel (ja, vereehrte Debug LeserInnen, wir reden hier von (Death) Metal) war irgendwie auch nichts mehr hinzuzufügen, was die Frage nach einer neuen musikalischen Ausrichtung aufwarf. Ihre Vorliebe für Sade, Chris Isaac und düstere Soundtracks, die in voller CD Länge nie so klangen, wie es die vier gerne gehabt hätten, brachte dann den entscheidenden Einfall: Barmusik. So abgründig und düster wie es nur geht. Also hiess es umbenennen und einen adäquaten Namen finden. Was liegt da näher, als bei seinen musikalischen Wurzeln zu gucken. Und da Gore ein so schönes Wort ist, die erste Death LP “Scream Bloody Gore” hiess und es inhaltlich immer um Massenmörder und andere Sickos ging, hiess man also von nun an Bohren und der Club of Gore. Legendenbildung Vor fünf Jahren erschien nach ein paar 7″ s mit “Gore Motel” ihr erstes Album und packte den ahnungslosen Hörer bei seinen abseitigsten Phantasien. Dunkel, bedrohlich, voller Hallräume und mit so grandios trashigen Songtiteln wie “Dangerflirt mit der Gangsterbitch” oder “Die Nahtanznummer”, war Gore Motel ein genauso schwer verdauliches wie grandioses Stück Musik. David Lynch hätte seine wahre Freude an Gore Motel gehabt und Rammstein sofort wieder nach Brandenburg gejagt, hätte ihm ein Mensch mit Weitblick diese CD zu Weihnachten geschenkt. Die Qualitäten dieses Erstlings blieben auch der Spex und dem Prinz nicht verborgen und Gore Motel wurde über den grünen Klee gelobt. Interviewanfragen folgten, denen von Seiten der Band nicht so entsprochen wurde, wie es zum Beispiel der Prinz gerne gehabt hätte. Eine Verweigerungshaltung, die vor allem in Hardcore Kreisen (mit denen Bohren immer noch verbandelt waren), zu einiger Legendenbildung beitrug. So einfach kann das sein. Die zweite LP “Midnight Radio” schaffte den Spagat zwischen Unzugänglichkeit und Faszination nicht mehr so recht. Zwei Stunden schleppende Soundtrack-Gänsehaut, bei der man auf Tracktitel gleich komplett verzichtete, war einfach zu viel. Etwas Neues musste her. Musikalische Verfeinerung Über Jörg Follert aka Wunder von Karaoke Kalk, der für Bohren schon das ein oder andere Coverlayout entworfen hatte, entstand ein Kontakt zu dem Saxophonisten Christoph. Man hielt telefonisch Kontakt und bekundete gegenseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit. Einige Monate vergingen so. Nun ja, das kann passieren. Irgendwann schaffte man es dann doch, sich zu treffen und gemeinsam eine neue Platte einzuspielen. Sunset Mission, die jetzt auf Wonder erscheint. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass Sunset Mission ein Jazz Album ist, womit man vielleicht nicht ganz falsch liegt, aber über die Bezeichnung Horror Jazz würden sich die vier wohl eher freuen, denn mit Jazz hat eigentlich keiner von ihnen etwas am Hut. Aber was soll’s. Das Hinzufügen des Saxophons in Bohrens Instrumentenpark, der, das nur nebenbei, nicht sonderlich gross ist (Piano, Schlagzeug, Bass und eben Saxophon), hat den musikalischen Rohdiamanten zwar ein paar Kanten abgeschliffen, aber dadurch eine beängstigende Tiefe und melancholische Wärme hinzugefügt. Langsam wühlen sich die tropfenden Pianomelodien, die schleppenden Bassläufe und das manchmal stillzustehen scheinende Geräusch der Besen, die über die Snare schleichen, in den Schauderbereich vor, bis das Saxophon einen für einen Moment erlöst und die Zeit kurz stehen bleibt. “Sunset Mission” ist ein schaurig schöner Soundtrack voller dunkler Skizzen von seltsamen Gestalten, schicksalhaften Begegnungen und absonderlichen Momenten, in denen, egal wie absurd die Umstände auch sein mögen, alles seinen Sinn zu haben scheint. Es herrscht Nacht in der Welt von Bohren und der Club of Gore, möge sie noch eine Weile anhalten.

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Elektronische Lebensaspekte.