Nachdem die 7"-Single scheinbar Mitte der 90er ausgestorben war, bekennt sich das Berlin-Kölner Label Bomb-Mitte ganz zu diesem Format. Auf den 45er treffen sich Artists wie Dälek, Faust und Supersoul, aus den unterschiedlichsten Enden der Welt, zum universellen Soundclash.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 85

7 is the magic number

Fällt eine Bombe, entsteht zunächst einmal ein Loch. Doch wie groß muss dieses Loch denn eigentlich sein, damit das gesamte Unterfangen auch perfekt klingt? Anscheinend reichen 1,5 Zoll völlig aus. Nachdem Thomas ”Glühbirne” Edison im Jahr 1877 endlich den Phonographen erfunden hatte und der mit viel zu wenig Props bedachte Exil-Hannoveraner Emil Berliner schon bald darauf die geniale Idee hatte, aus Walzen Scheiben zu machen, war zunächst unklar, wie groß diese sein bzw. wie schnell sie sich eigentlich drehen sollten. Während die inzwischen obsolet gewordene Geschwindigkeit 78 rpm (und auch die vorherrschenden 33 1/3 rpm) mehr oder weniger zufällig ausgewählt wurden, zog man für die erst kurz nach dem zweiten Weltkrieg gefällte Entscheidung, kleinere 7“-Platten mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen, einiges an mathematischem Know-how hinzu. So soll angeblich nur bei 7“s das gleichmäßige Verhältnis zwischen innerem Radius und bespieltem Teil perfekt sein, so dass insgesamt eine Bombensoundqualität entstehen kann.
Nach einer solchen oder ähnlichen Devise wurde im Jahr 2002 das in Köln und Berlin ansässige 7“-Leckerli-HipHop-Label Bomb Mitte gegründet. Von Markus Hablizel (a.k.a. The Hellblizel) und Christoph Linder (a.k.a. Captain Lindo a.k.a. The 7” Smasher), die bis zur Jahrtausendwende zusammen in Konstanz studiert hatten, ins Leben gerufen, hat sich das Label zur Aufgabe gemacht, sowohl ”subversiv und sexy” zu sein als auch das eigentlich seit Anfang der Neunziger als ausgestorben geglaubte Vinylformat wieder zu beleben, um insgesamt ”sweet tones and rough beats in handy formats” zu vertreiben. Nach einer ersten Hand voll Platten, die innerhalb der letzten beiden Jahre erschienen ist, kann man inzwischen erahnen, woraus sich der eklektische Bomb-Mitte-Sound denn nun zusammensetzt: Mit ”Sweet Tones” hat er relativ wenig gemein. Stattdessen versuchen die beiden 45-Kings, Künstler aus verschiedenen Bereichen auf eine (dementsprechend kleine) Platte zu bannen, wollen in jeweils knappen zehn Minuten die Grenzen des HipHop ausloten (lassen). Es bleibt also wenig Zeit für Umschweife: Nach einer ersten (und inzwischen ausverkauften) Solo-Exkursion von Däleks DJ Still wurden wahlweise der deutsche Rhymeflow von Textor mit Sir Positive, die versammelte Bande von New Jerseys Noisehoppern Dälek mit den Krautchaoten von Faust oder auch Einzelgänger wie der in Jamaika geborene Supersoul, der sonst an seinem eigenen Metatronix-Label schraubt, in den Ring gebeten.
Die aufeinander klatschenden Bombensounds tragen dabei stets die Aufschrift ”Avant” und können am besten unter dem Titel von Supersouls Single zusammengefasst werden: ”Soundclash”. Immer tief und triefend, dubby und dope, offen und abstrakt, bohrend und brutal, eben frisch aus der Presse von ”lucifer’s own label”. Und irgendwie viel zu schnell vorbei. Aber so ist sie wohl, die 7”. Eigentlich müsste man dankbar sein, dass das Loch in der Mitte nicht noch größer ausgefallen ist.

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Elektronische Lebensaspekte.