Tim Simenon bringt nach 13 Jahren wieder ein Album als Bomb the Bass heraus. Unerwartet anders und dennoch mit wahrhaftiger Größe.
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 126


Beat Dis von Bomb the Bass ist für viele Urknall für alles, was mit Sample-Kultur und elektronischer Musik zu tun hat. Heute erlebt dieser Track mit New Rave und MashUps eine Renaissance und Tim Simenon bleibt nicht darauf sitzen und bringt nach 13 Jahren wieder ein Album als Bomb the Bass heraus. Unerwartet anders und dennoch mit wahrhaftiger Größe.

Tim Simenon aka Bomb the Bass hat sich ein paar Jährchen Zeit gelassen, um ein frisches Tag an die Wand zu bringen. Mit 19 Jahren zum Sample-Don eines fröhlich ravenden Englands der späten 80er ausgerufen, Seite an Seite mit M/A/R/R/S, S‘Express oder Coldcut, brachten es bis ’95 allein zehn seiner Singles nicht nur in die UK Charts. HipHop, Acid House, TripHop, Simenon erhielt das Krönchen des Innovators für fast alles was er anfasste.

Auftragsproduktionen und Studioarbeiten für Neneh Cherry, Seal, Björk erledigte er parallel zu seinen eigenen drei Alben, bis er ganz im Studio verschwand, um Gavin Friday & Bono und natürlich Depeche Mode zu produzieren. Zehn Jahre ist das her und gerade wo New Rave und Blog-House-DJs sich wieder an ”Beat Dis“ und ”Megablast“ versuchen, poppt ein neues Bomb the Bass-Album wie aus dem Nichts herauf.

Future Chaos ist ein radikales Alterswerk und Achtung, Alter meint Erfahrung, Eleganz und Eloquenz, kein Nickerchen am Nachmittag oder zu viele Haare in der Bürste. Ein Album, das dich einatmet, und mal sanft und hell, mal ruppig düster durch seine pluckernden, morphenden Innereien schleust, dich ansingt, zutextet und doch der Maschine immer das letzte Wort überlässt.

Ein Singer/Songwriter-Album, das unter Rock oder Prog Rock einsortiert werden will, glaubte man der kernigen Besetzungsliste zwischen Marc Lanegan (Ex- Screaming Trees & Queens of the Stone Age), Jon Spencer (The Jon Spencer Blues Explosion/Boss Hog) oder Fujiya & Miyagi, um dann, konsolidiert vom Superstar Minimoog, ganz vorn im Elektronik-Fach zu wohnen.

Wo auf anderen Covern der Hinweis ”Laut hören“ poltert, sollte Future Chaos ”im Zug hören“ empfehlen, denn dort erschließt sich das Konzept gleich mit allen Sinnen, bequem zurückgelehnt mit 200 Sachen durch einen idealerweise goldenen Herbst rauschen, die Außenwelt verwischt, lost in velocity und du summst mit. Eine wunderschöne Platte.

Zum Interviewtermin im hochsommerlichen Berlin empfängt Tim Simenon am K7 Wohnzimmertisch, auf Strümpfen, mit Obstsalat und Knabberzeug.

De:Bug: Tim, du bist seit 21 Jahren Musikproduzent, dein letzter Longplayer als Bomb the Bass erschien 1995. Was hat dich dazu bewogen BTB ausgerechnet jetzt zu reaktivieren? Bist du eines morgens aufgewacht und dachtest: Hey, ein guter Tag für ein neues Album?

Tim Simenon: Es war ein Entwicklungsprozess. Ich mache dieses Album seit zehn Jahren (lacht). Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, hätte ich es 1998 fertig gestellt. Um diese Zeit reifte die Idee, ein viertes BTB-Album zu produzieren, Ende ’97 fuhr ich rüber nach San Francisco zu Jack Dangers von Meat Beat Manifesto und blieb fünf oder sechs Wochen bei ihm im Valley. Wir arbeiteten zusammen an BTB-Tracks und nahmen schließlich sieben Stücke auf, mit denen ich einigermaßen zufrieden war. Zurück in London versuchte ich das Projekt zu beenden, aber es klappte irgendwie nicht, keine Ahnung – ich war nicht inspiriert, meine Einstellung dazu, meine Geisteshaltung hat nicht gestimmt. Offensichtlich war ich nicht bereit für ein neues Album, aber das konnte ich noch nicht erkennen und versuchte es weiter, diesmal mit Justin Warfield, mit dem ich schon auf Bug Powder Dust zusammengearbeitet hatte. Auch das führte zu nichts und irgendwann dachte ich mir: Was soll‘s. Hör auf, dich damit herumzuplagen und hatte dann eben einfach ein paar Tracks herumliegen, mit denen nichts anzufangen war.

De:Bug: Was brauchst du, um mit einem Song glücklich zu sein?

Tim Simenon: Er muss sich genau richtig anfühlen. Es geht immer um Inspiration und zu dieser Zeit war ich mental und physisch ausgelaugt. Ich konnte einfach nichts zustandebringen. Zwölf Jahre lang hatte ich konzentriert gearbeitet und bin von einem Studio ins nächste gegangen …

De:Bug: … und dich mit anderer Leute Musik befasst.

Tim Simenon: Genau, ich habe andere Bands produziert. Und als ich dann an meinem eigenen Projekt arbeiten wollte, war die Inspiration futsch, ich war einfach müde.

De:Bug: Hatte dieses Scheitern auch etwas mit dem Druck der Medien und Kritikern zu tun, die dich von Anfang deiner Karriere an mit Superlativen belegt haben, als Begründer von DJ Culture, Erfinder von House, Godfather of TripHop und vielem mehr? Fühltest du dich getrieben, diesem idealisierten Bild entsprechen zu müssen?

Tim Simenon: Dieses Labeling hat eigentlich keinen Druck auf mich ausgeübt, die einzige Person, die das jemals getan hat, war leider ich selbst. Ich bin sehr unnachsichtig mit mir und das hat, glaube ich, immens dazu beigetragen, dass es so lange gedauert hat, dieses Album zu produzieren. Ich habe die ganze Zeit versucht, das Rad neu zu erfinden. Und bin dann vor ein paar Jahren an den Punkt gekommen zu sagen, Fuck this! Hör auf damit. Du wirst nicht mit einem neuen Musikstil herauskommen, darum geht es nicht, it‘s all been done! Und als dieser Groschen bei mir gefallen war, konnte ich mich endlich entspannen. Es war okay. Und ich konnte diese Platte – jede Platte, die ich wollte – machen, gerade weil so viel Zeit vergangen war: für eine neue Generation von Kids, die noch nie etwas von Bomb the Bass gehört haben.

De:Bug: Aber du weisst schon, dass gerade die frühen BTB-Tracks wieder Konjunktur haben und in den Clubs laufen bzw. Horden von Ableton- Produzenten quasi “neue” Tracks mit genau der Sample- und Collagen-Technik herstellen, die du in den 80ern populär gemacht hast, mit digitalen Mitteln versteht sich. Into the Dragon ist superfresh.

Tim Simenon: Wow! Das ist neu für mich. Da kannst du mal sehen (lacht).

De:Bug: Während die Kids sich auf deinen Erfindungsreichtum von vor 20 Jahren beziehen, greifst du auf eine noch viel ältere Innovation zurück, den Minimoog. Mir erscheint es sehr radikal, gleich das ganze Abum damit zu produzieren.

Tim Simenon: Für mich war das auch ganz schön radikal (lacht)! Wir leben heutzutage in einer Welt von Überangeboten. Es gibt so viel von allem – in einer früheren Version des Albums hatte ich aus so vielen PlugIns, so viel Studio-Euipment und so vielen Sound zu wählen, dass ich irgendwann dachte, das ist doch lächerlich! Ich wusste gar nicht: Wo fange ich an? Warum also nicht das ganze limitieren? Ich dachte daran, wie es in den 80ern war, du nahmst eine 303, wenn du einen schmutzigen Bass wolltest oder hattest eine 808, meine liebste Drum Machine. Die Dinge waren einfach, ein Modul, ein Stück Hardware und das war’s. Ich wollte zurück zu dieser Mentalität des Musikmachens, zurück zur Reduktion. Die Wiederentdeckung des Minimoogs war der Schlüssel zu Future Chaos: Ich bleibe bei einer Maschine, ich weiss was sie tut und ich liebe ihren Sound.

De:Bug: War das dein eigener Minimoog?

Tim Simenon: Ich hatte einen, aber den habe ich verkauft, als ich Ende ’99 nach Holland umzog, der Moog auf dem Album ist geliehen, also tatsächlich noch nicht mal meiner (lacht). Wir hatten ihn ein paar Monate lang bis George, der dieses Studio in London macht, fragte, ob er denn bitte seinen Moog zurückhaben könnte. Zum Glück waren die Aufnahmen im Kasten, also war es okay. Das ist die Geschichte der Fertigstellung des Albums. Im Grunde habe ich mich einfach nur selbst begrenzt.

De:Bug: Die totale Abwesenheit von Gitarren auf Future Chaos hat mich fast schockiert, die Gesangsparts und Melodieführungen referieren für mich auf eine amerikanische on-the-road Tradition, ein Wim-Wenders-hafter Blick auf Innerlichkeit, Weite und Verlorenheit, ein latenter Country- oder Blues-Verweis. Was hörst du?

Tim Simenon: Was ich höre? Nichts dergleichen auf jeden Fall (allgemeines Gelächter)! Deshalb bin ich so fasziniert von Musik oder auch bildender Kunst. Die Leute hören oder sehen die Dinge auf so vielfältige Weise. Ich denke, dass Future Chaos nach einem europäischen Album klingt, weil es elektronischer Natur ist, und da hört es aber auch schon auf. Der amerikanische Einfluss ergibt sich offensichtlich aus der Zusammenarbeit mit Marc Lanegan und Jon Spencer. Aber ich finde das, was Paul Conboy beisteuert, macht die Platte sehr englisch, sehr ”northern“ für mich, ”northern sounding“. Die Melodien klingen melancholisch, dennoch ist die grundlegende Stimmung des Albums eine hoffnungsfrohe.“

De:Bug: Das Video zur ersten Single-Auskopplung ”So Special“ ist beeindruckend, wir begleiten einen Unbekannten in einen Strip-Club, nüchtern, grob, einsam, kein Glamour, kein Bling Bling, sex for sale, Intimität als beschädigtes Gut, das es nur noch gegen harte Währung gibt. War das deine Intention?

Tim Simenon: Diesen Song hatten wir schon vor fünf Jahren geschrieben, es war einer der ersten Tracks, an dem ich mit Paul gearbeitet habe, der aber damals nicht veröffentlicht wurde. Wir beschlossen ihn wiederzubeleben, die Lyrics und die Melodie waren einfach zu gut. Ben Van Alboom, ein Video-Regisseur aus Ghent machte den Vorschlag dazu, mit einer Kamera undercover als Freier in den Brüsseler Red Light District zu gehen, und als ich das Footage sah, wusste ich, dass es genau das Richtige für den Song war.

De:Bug: MTV zumindest wird es nicht ausstrahlen …

Tim Simenon: Das war auch niemals der Anspruch. Das Video war auch schon fertig, bevor K7 ins Spiel kam. Das ganze Album war schon fertig, es gab keinen Fremdeinfluss von irgendwoher. Ich wollte so weit gehen wie möglich, ohne äußere Einflüsse.

De:Bug: Weil du die Industrie, ihre Maschinerie, genau kennst und kein Teil mehr davon sein wolltest?

Tim Simenon: Genau. Niemand sollte mir sagen: Tja, das kannst du so nicht machen, weil es dann nicht im Radio gespielt wird oder sonstwas. So wollte ich nicht denken müssen, ich wollte nie wieder in dieser Weise eingeschränkt werden.

De:Bug: Du bist in sehr jungen Jahren, mit 18 oder 19, quasi von heute auf morgen ins Rampenlicht geschubst worden und hast dich wieder davon abgekehrt. Eine Flucht ins ernsthafte Musikerleben?

Tim Simenon: Absolut. Der Erfolg von ”Beat Dis“ war vollkommen ungeplant. Das hat mich wirklich einfach so erwischt und plötzlich war der Track auf der ganzen Welt bekannt und ich wurde auf der Stelle zu einer Person, mit der jeder reden wollte. Und ich hatte nichts zu sagen, weil ich 19 war! Was hätte ich wohl Wichtiges zu sagen gehabt? Da war ich nun, gab all diese Interviews und fühlte mich die ganze Zeit irgendwie oberflächlich und leer. Das änderte sich, als ich anfing, Fremdproduktionen zu machen, die erste Platte, an der ich arbeitete, war Neneh Cherrys Buffalo Stance und ich merkte, wie sehr ich es genoss, im Studio zu sein, wo ich mich auskannte, mit Leuten zu arbeiten, die ich wirklich mochte und wie wundervoll ich es fand, dass am Ende Neneh und nicht ich rausgehen und den Track promoten mussten.

De:Bug: Hatte die Gründung deines eigenen elektronischen Labels Electric Tones Ende 99, Anfang 2000 positiven Einfluss auf die Produktion von Future Chaos? Wie kam das Label zustande?

Tim Simenon: Eigentlich habe ich es aus Frustration über die UK-Plattenindustrie gegründet. Nach ”Clear“ (1995) wurden meine weiteren Produktionen abgelehnt, weil sie nicht kommerziell genug waren, fair enough, aber ich wollte mich nicht mehr einengen lassen und so habe ich Electric Tones für meine eigenen aber auch für fremde Produktionen gegründet, denn ich hörte auch viel andere unkommerzielle Musik, die in meinen Ohren es wert war herausgebracht zu werden. Ich machte also dieses Boutique-Label, presste 200 bis 300 Platten von jedem Release und pushte sie. Ich merkte bald, dass es nicht gerade mein ultimativer Traum war als full time job ein Label zu machen und dass ich zurück zur Musik wollte. Electric Tones erwies sich also als großartiges Sprungbrett, als ein Weg Abstand zu gewinnen, bis ich wieder genug Inspiration gesammelt hatte.“

De:Bug: Du hast mit Lali Puna und Morr Music gearbeitet und veröffentlichst jetzt auf K7. Woher kommt deine Affinität zu Deutschland?

Tim Simenon: Ich habe hier nie gelebt, bin aber zwischen ’88 und ’91 und 1998 dann wieder länger mit Depeche Mode durch Deutschland getourt. Ich habe hier also schon viel Zeit verbracht. Die Zusammenarbeit mit K7 entstand über Michael Fakesch von Funkstörung, den ich nach einem Remix für ”So Special“ fragte und der wissen wollte, wo ich es herausbringen würde.

De:Bug: Ist das auch dein Lieblingstrack?

Tim Simenon: Die ändern sich häufig, jeder war es mal, aber ich komme doch meistens auf ”So Special“ zurück. Diese Art von Track mag ich wirklich. Das ganze Album klingt jetzt so anders, als zu der Zeit, in der ich begonnen habe, die Tracks zu produzieren. ”Smog“, der Opening Track z.B., hat eine komplett andere Instrumentierung und ein ganz anderes Tempo.

De:Bug: Wie war es vorher?

Tim Simenon: (seufzt) Jazzy! Eine Menge Brush Drums und irgendwie, wie sagt man, sehr traditionell. Bläser und ein wirklich warmer Bass, wie ein Jazz Bass, ein toller Song, aber die Instrumentierung war einfach nicht Bomb the Bass. Im Moment arbeite ich an einem Sampler mit Tracks, die es nicht auf das Album geschafft haben, aber wichtig für seine Entwicklung waren, er wird ”Road to Chaos“ heißen (lacht).

De:Bug: Gibt es aktuelle Dance Acts, die du dir anhörst?

Tim Simenon: Clubby clubby stuff? Ja, natürlich, ich kann dir aber wahrscheinlich keine Namen sagen. Aber Flying Lotus begeistert mich zum Beispiel oder dieser Junge, Hudson Mohawke, sehr interessantes Zeug, sehr inspirierend, was diese Leute heutzutage mit Beats machen. Großartig, wie kreativ sie Samples benutzen.

De:Bug: Genau diese Künstler würden wahrscheinlich sagen, dass du sie dazu inspiriert hast, auf diese Art Musik zu machen. Der Kreis schließt sich also?

Tim Simenon: Ja, (lacht) ich mag das wenn der Kreis sich schliesst.
http://www.bombthebass.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response