Die Seele bleibt
Text: Benedikt Bentler aus De:Bug 171

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Simon Green bringt sein fünftes Album heraus und geht dabei in Sachen Sound völlig neue Wege. Aber keine Panik: Es bleibt Bonobo-typisch leichtfüssig. Wir haben mit ihm nicht nur über sein Album, sondern auch über seinen Weg zur Musik und Golden Era HipHop gesprochen.

Text: Benedikt Bentler

Was machst du gerade in New York? Urlaub und Grey Reverend besuchen?

Im Urlaub war ich letzte Woche auf Hawaii. Sonne tanken, um durch den Winter zu kommen. Ich lebe seit 2010 in Brooklyn, Grey Reverend wohnt übrigens bei mir um die Ecke. Wir kennen uns ganz gut.

Aus einer Bar.

(Lacht) Genau. Einer kleinen Kellerbar hier um die Ecke. Wir haben beide zu viel Zeit dort verbracht.

Du hast auf “The North Borders” nicht nur mit Grey, sondern auch mit Eryka Baduh zusammengearbeitet.

Wir sind uns auf einem Festival zufällig begegnet und haben gemerkt, dass wir musikalisch viel gemeinsam haben. Ich habe sie dann später nach einem Feature für das Album gefragt, und ihre Antwort war: “Die Musik ist die Hauptsache. Zeig mir den Track und wenn ich ihn gut finde, dann singe ich.” Das war keine sofortige Zusage, das mochte ich sehr. Ich habe den Track dann geschrieben, sie fand ihn gut, und hat es gemacht.

In einem Interview zu deinem letzten Album “Black Sands” hast du gesagt: “Ich versuche ungewöhnliche Wege zu gehen, um ungewöhnliche Sounds zu finden.” Was war denn der ungewöhnliche Weg zu dieser LP?

Das habe ich niemals gesagt! Das haben die sich ausgedacht. Stand das da wirklich?

Es war die Überschrift.

Keine Ahnung, was die meinen. Ich kann auch nicht gescheit darauf antworten. Natürlich versuche ich immer, etwas Neues zu machen. Das Wichtigste ist für mich, einen Sound zu schaffen, den es so vorher von mir noch nicht gab, und dabei trotzdem wie Bonobo zu klingen. Das wird mit jeder Platte schwerer, das ist jetzt immerhin schon mein fünftes Album. Je mehr du für dich entdeckt hast, desto weniger bleibt für das nächste Mal. Aber ich glaube, das beste kommt immer dabei heraus, wenn du als Künstler Dinge ausprobierst, mit denen du noch nicht so vertraut bist. Wenn man die alten Sachen hört, dominiert so ein jazziger, akustischer Vibe. Das habe ich genug gemacht und das spiegelt auch nicht mehr die Musik wider, die ich jetzt höre, die mich jetzt beeinflusst. Ich wollte daher mehr in diese elektronisch-experimentelle Richtung, den Fokus der Arbeit eher auf das Sound-Design selbst legen, als auf das Aufnehmen von Jazzern. Beats sind mehr in den Mittelpunkt gerückt. Dafür habe ich zum Beispiel den Sound von zerbrechendem Glas und ins Wasser fallenden Münzen aufgenommen.

Für mich geht das Album in die Post-Dubstep-Richtung.

Ich hasse das Wort Dubstep in Verbindung mit meiner Musik. Aber ja, vielleicht geht es mehr in diese experimentelle, Beat-lastigere … whatever. Ich bin zwar auf dem Laufenden, was aktuelle Musik angeht und natürlich beeinflusst mich das auch, aber ich möchte nicht so klingen wie alle anderen. Die Seele des Bonobo-Sounds bleibt.

Mach doch mal deine Plattenkiste auf. Wir wollen Namen!

Zunächst viel Deephouse. Aber auch Holy Other, Lapalux oder Mount Kimbie.

Mit Mount Kimbie oder Burial hatte ich fest gerechnet – also doch Post-Dubstep.

Dieses Burial-Ding ist einfach zu groß, um es ignorieren zu können. Er hat diesen Sound entscheidend geprägt und irgendwie klingen doch alle so. Dieses Kratzige, Knisternde, gepaart mit dem Reverb. Er ist eben der Meister.

Dein Album passt sehr gut in diesen Kontext. Aktueller, britischer Sound und dann gibt es ja auch zum ersten Mal ein Video. Du hast doch was vor!

Darüber hab ich noch nie nachgedacht. Wenn man den kommerziellen Erfolg plant, würde man das dann doch anders machen, glaube ich. Natürlich will ich kein Album für 500 Leute machen. Man hofft immer, dass eine LP vielen Leuten gefällt. Und ich will auch, dass sie Erfolg hat. Aber das leitet mich nicht während der Produktion.

Bist du schon reich? Ein Kollege von mir meinte, deine Musik klinge, als sei sie für reiche Leute gemacht, die in Bars sitzen und teure Cocktails trinken. Daher hat er sich gefragt, ob du wohl auch reich bist.

Das ist nicht nett. Er scheint das Album nicht zu mögen.

Er meinte das nicht sonderlich negativ. Ich wollte das nur herausfinden, weil es ihn interessiert hatte.

Nein, nicht wirklich.

Wie bist du eigentlich Bonobo geworden?

Ganz klassisch: Ich hab als Teenager Gitarre gelernt, in einer Band gespielt, und mit einem 4-Track-Recorder herumgespielt. In Bands zu spielen finde ich nicht sonderlich attraktiv. Allein hat man mehr Kontrolle. Ich hatte da mal ein Schlüsselerlebnis: Ich habe einen Freund gesehen, der mit einem Sampler Loops abgespielt hat und allein dazu spielte. Das will ich auch, dachte ich, und hab mir einen beschissenen Sampler gekauft und losgelegt.

Jetzt geht es auf Tour und dann ein neues Album?

Vielleicht sogar ein Live-Album. Konzerte spielen liegt mir sehr am Herzen. Ich mache aktuell auch noch ein paar Remixe und produziere für andere Musiker, auch HipHop.

Auf welchen HipHop stehst du denn?

Die frühen 90er waren die goldenen Jahre für mich.

Cypress Hill?

(Lacht) Nein, A Tribe Called Quest und die ganze Native- Tongues-Bewegung zum Beispiel. Es hat sich viel verändert seitdem.

Lil Wayne und Kayne West sind nicht dein Ding?

Nein absolut nicht. Das ist Musik für “reiche Leute”. Früher ging es um andere Inhalte: Ungleichheit, Sozialkritik. Jetzt dreht sich alles um Reichtum, Schmuck und Autos. Das ist das Gegenteil von Public Enemy, falls du weißt, was ich meine.

Aber es gibt ja auch wieder andere Entwicklungen. Mykki Blanco bricht mit den Klischees. Da wird noch viel passieren in den nächsten Jahren.

Ja, das stimmt. Ich mag auch die Platte von Kendrick Lamar. Die Odd-Future-Sachen, Earl Sweatshirt, Tyler, The Creator. Kennst du?

Klar, Tylers “Goblin” war das beste HipHop-Album 2011. Schön düster.

Ja, ganz genau. Das mag ich auch. Und intelligente Lyrics, das gefällt mir.

Und jetzt? Geht es nach den Produktionen wieder nach Hawaii?

(Lacht) Mal sehen. Ich weiß noch nicht genau, wo ich dann sein werde.

Bonobo, The North Borders, ist auf Ninja Tune/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.