Jochen Bonz ist Herausgeber der Anthologie zu Poptexten "Sound Signatures", hört den späten Larry Heard und doziert an der Uni Bremen. Thomas Meinecke praktiziert theoretische Musik mit seiner Band FSK und theoretischer Belletristik. Demnächst erscheint sein neuer Roman "Hellblau". Mit Mercedes Bunz und Jan Joswig sangen sie zu viert den Body electric.
Text: mercedes bunz & jan joswig | bug@de-bug.de aus De:Bug 50

Schreiben entlang der Musik
Ein Gespräch mitThomas Meinecke und Jochen Bonz

De:Bug: Fallen wir mit der Tür ins Haus: Wie seht ihr das Verhältnis zwischen elektronischer Musik und dem Schreiben?

Meinecke: Instrumentale Musik verspricht etwas, das ein Nirvana, ein Glücksversprechen für Schreibende, darstellt. Wie toll könnte es sein, wenn man so erzählen könnte, ohne den ganzen Ballast. Mit der Songkrise der mittleren 90er habe ich zu so etwas wie Minimal, Robert Hood oder den Voigt-Brüdern gefunden. Die haben mir etwas versprochen, was mich von dem ganzen Ballast des Songwritertums erlöst hat. So ist das zu einem Ideal herangereift, Lernen von Techno oder House, wie man schreiben könnte.

De:Bug: Bei unserem Gespräch gestern habt ihr bezeichnender Weise über Weirdos wie Monk oder Ra gesprochen. Kommt da eine westeuropäisch bürgerliche Ausrichtung auf das gestörte Genie durch?

Meinecke: Genie ist für mich nicht drin im Wortschatz. Aber dass das Autoren sind, ist schon klar. Solch ein Romantiker bin ich auch nicht, dass ich an Maschinenmusik als solche glauben würde.

Bonz: Der Weg zu elektronisch-instrumentaler Musik funktioniert ja auch meist darüber, dass man etwas wiedererkannte. Den Jazz oder die Sache mit den Zitaten. Das war eine Art Zwischenschritt.

Meinecke: House gab den Leuten, die in den 80ern oder seit Roxy Music sozialisiert sind, die Hand. Samples von der “Dr. Buzzard’s Savannah Band” in einem DJ Sneak Track wieder zu hören, das hat mir die Hand gereicht. Gleichzeitig finde ich Musik interessant, die in der Tiefe herumlotet, ohne mir irgendwelche erkennbaren Sachen mitzugeben – wie etwa bei Terrence Dixon. Ich bin aber nicht so weit zu glauben, dass es referenzfreie Musik geben würde. Früher war mir das sehr wichtig, das erkennbare Sample, die politische Rückbindbarkeit des Samples.

De:Bug: Aber warum dann nicht Hip Hop?

Meinecke: Ich habe prinzipiell nichts gegen Hip Hop, war aber eine Zeit gegen die sozialen Modelle, die da durchdekliniert wurden. Die Bitches und Gangsters und der Glaube an das autonome Subjekt waren für mich uninteressant. Seitdem es aber Produzenten wie Timbaland, die Neptuns oder Sh’kespeare gibt, ist es für mich wieder relevant. Jetzt ist es cyberrefiziert, dadurch wird etwas aufgeschlagen, von dem ich auch noch nicht weiß, wo es hin führen wird.

Bonz: Was mich an Hip Hop stört, ist der performative Aspekt. Dass man so dermaßen angeredet wird. Da geht es weniger darum, ob das sexistisch ist. Man kann sich dem nicht entziehen, das kann enorm bedrängen, die Sprache.

De:Bug: Ihr diskutiert aber beide aus total szeneexmanenter Position. Ihr seid weder Rapper noch Raver…

Meinecke: Gerade so etwas wie Techno ist natürlich nur in einem Transfer, der voller Missverständnisse und Bedeutungshuberei und Projektionen funktioniert, denkbar. Techno hat ja in Detroit nicht diese Szene. Und Dizzy Gillespie und Charlie Parker wurden vornehmlich in Paris rezipiert und nicht von denjenigen, die in den Lebenszusammenhängen standen, in denen diese Musik entstand.

De:Bug: Wie steht ihr zu Schreibern wie dem Tristesse Royale Quartett? Immerhin taucht Moritz von Uslar in dem von Jochen herausgegebenen Buch mit auf.

Bonz: Mich hat dieses ganze Phänomen interessiert. ‘Tristesse Royale’ ist mir als Begriff lieber als ‘Generation Golf’. Ich habe ‘Faserland’ von Christian Kracht gelesen und halte es für einen guten Roman. In ‘Sound Signatures’ ging es mir darum, das auf eine dezente Art und Weise mit einzubinden. Es war ein Versuch, Popkultur zerbrochen zu entwerfen, da musste dieser Aspekt unbedingt dabeisein. Bei Kracht hat es eine tragische Dimension, so eine Leere. Bei den anderen wird das mehr überspielt, da steht das mehr dahinter.

De:Bug: “Bonjour Tristesse” von Francois Sagan hatte doch schon aus Leere Distinktionssurplus herausgeholt. Mehr bedeutet Leere bei denen auch nicht. Und mit dem Namedropping taucht auch nur die 82er “Tempo”-Magazin-Haltung wieder auf.

Bonz: Für mich hat das immer noch seine Relevanz. Positivere Haltungen finde ich angenehmer, aber dieses Zynische gibt es auch noch. Man hat doch nicht nur Erfolg, weil man sich blöd darstellt, sondern weil andere das nachvollziehen können.

De:Bug: Es gibt jede Menge andere Sachen, die sich als Erfolg verkaufen, weil andere sie nachvollziehen können. Die zieht man trotzdem nicht als relevant in Betracht. Erfolg ist kein Kriterium. Der Witz ist ja auch, dass das vor allem Erfolg in den Medien hatte, oder sogar aus ihnen heraus entstanden ist. Die Bewegung ist quasi aus dem Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung heraus entstanden, in Zusammenarbeit mit dem Verlag Kiepenhauer & Witsch. Sie werden als Vertreter von Kultur rezipiert, eingeladen und bekommen Preise dafür, dass sie eine elitäre und überhebliche Kultur der feinsten Unterschiede praktizieren.

Bonz: Auch wenn man das Gefühl hat, dass die Welt leer ist, ist das ein kulturelles Phänomen. Die Sache mit dem Namedroppen, das kommt mir so hilflos vor, ich sehe da so eine Traurigkeit drin.

Meinecke: Natürlich ist Namedroppen ein starkes 80er Phänomen. Aber nur weil das so ist, kann man trotzdem nicht sagen, das gab es schon mal. Es gab schon “Tempo” und “Wiener”, wieso machen die dass immer noch? Man muss ihnen schon das Recht zubilligen. Eine Sache gibt diesen ganzen Leuten recht, das ist die Aufregung, die stattgefunden hat. Wenn du mal erlebt hast, wie sich Leute wie Reinhard Mohr darüber erregt haben, bist du sofort auf der Seite von Tristesse Royale.

De:Bug: Deine Feinde sind auch meine Feinde?

Meinecke: Ich habe mehr damit zu tun, mich von den Feinden dieser Leute abzugrenzen als von den Leuten selber. Ich begegne als Suhrkamp Autor ständig Leuten, die mich gegen die Popliteraten unter ihre Decke ziehen wollen.

De:Bug: Uns stört nicht die Wiederkehr von Namedropping. Man kann über Namedropping gut politische Verlaufslinien thematisieren und problematisieren. Bei den Popliteraten geht es aber nur darum, eine bestimmte Stellung zu zementieren und sich damit selbst zu bestätigen.

Bonz: Ich sehe das etwas anders. Das Namedropping ist einfach eine effektive, verzweifelte Lösung. Die schönere Lösung ist natürlich, an Musik entlang zu schreiben.

Meinecke: Das Namedropping – auch gerade von Musik – dient in diesen Texten, wenn sie schwach sind, nur der Verständigung über gemeinsame Errungenschaften mit der Leserschaft. Das ist immer retro, das ist immer konservativ, heißt, sie spielen unser Lied. Namedropping kann aber auch einen ganz anderen Effekt haben. Nicht den des Vereinfachens, sondern des Verkomplizierens, analog zur Komplexheit der Dinge. Wenn ich die Platten de “World Power Alliance” (Underground Resistance Pojekt) aufzähle, kennen das vielleicht 0,001 % der Leser. Man kann Namedropping progressiv einsetzen, im Sinne eines nie Ankommens des Drops.

De:Bug: Das wird dazu führen, dass du nie unter die Popliteraten subsumiert wirst.

Meinecke: Ich bin aber immer mehr herausgefordert, diese Popliteratur zu verteidigen als sie anzugreifen. Die Allianz im bürgerlichen Feuilleton, denn das bürgerliche Feuilleton liebt sie ja nicht…

De:Bug: Ich kann mir das als berechtigt vorstellen, wenn man auf die konservativen Schnarchnasen diverser Verlage trifft. Aber im allgemeinen kann man sich nicht auf die Position zurückziehen, man müsste die verteidigen, weil sie marginalisiert in einem gewissen feuilletonistischen Rahmen sind. Das ist geschummelt. Niemand schreibt mehr selbst dort, taucht auf, wird rezipiert und hat das Feuilleton mehr im Griff. Andere wie Dietmar Dath dagegen tauchen dort überhaupt nicht auf.

Meinecke: Bei mir setzt das politische Denken eher ein, wenn ich sehe, dass die ganzen guten Leute jetzt im Zuge der Berliner Seiten angefangen haben, für die FAZ zu schreiben. Das geht doch nicht.

De:Bug: Man fragt ja immer, wer ist stärker, das Medium oder der Schreiber, der seinen unredigierten Text unterbringt? Oder nutzt das Medium den widerständigen Text nur, um sich ein halbwegs liberales Image zu geben?

Meinecke: Ich glaube, jede Zeile sind drei neue Flanellhosen für den Herausgeber Herr Schirrmacher.

De:Bug: Eine Frage an Jochen als Kompilierer des Buches: Wie weit siehst du historische Bezugslinien zu anderen literarischen Journalisten aus dem Musikbereich. Gibt es zu Leuten wie Greil Marcus einen starken Bruch, sind die kein tragfähiges Modell mehr? Oder so etwas wie die Acid-Kompilation von Rolf Dieter Brinkmann?

Bonz: Was ich als Modell, als Vorbild sehe? Ich kenne mich da zu wenig aus, um das wirklich beantworten zu können. Brinkmann hat mich nie wirklich interessiert, weil ich “Keiner weiß mehr” gelesen habe, als ich gerade Vater geworden war. Das war unerträglich. Greil Marcus habe ich schon gerne gelesen, da habe ich aber die Frage in bezug auf elektronische Musik nicht verstanden.

De:Bug: Hat der Wechsel des Sujets von Rock zu elektronischer Musik auch zu einem Wechsel des Schreibens über dieses Sujet geführt?

Bonz: Ich sehe das eher als etwas Paralleles. Es gibt ja noch die Welt von Greil Marcus.

De:Bug: “Sound Signatures” ist ja eine halbe Anthologie. Hast du bestimmte Stimmen bewusst ausgeschlossen, weil du meinst, dass sie zu aktuellen “Popsplittern” nicht mehr dazugehören?

Bonz: Das Einzige, was ich nicht wollte, dass es zu sehr nach “Mainstream der Minderheiten” klingt – obwohl ich das für ein super Buch halte. Ich wollte aber keinen klassischen oder modernisierten linken Ansatz für so ein Buch. Das sollte auch seinen Platz darin haben, aber neben Tristesse Royale. Es soll um die Splitter gehen, nicht um eine Haltung.

De:Bug: Um dich nochmal nach den Grenzen zu fragen: Was wäre denn heute das Gegenteil von Pop? Früher war es ganz klar Rock.

Meinecke: Heute ist das Gegenteil von Pop auch Pop, das stimmt schon. Aber deshalb gibt es trotzdem noch Pop.

Bonz: So sehe ich das auch. Gleichzeitig ist das Buch auch gegen den Alleinvertretungsanspruch der Popliteraten für unsere Generation gerichtet. Dieser einen Haltung muss man etwas Vieles entgegensetzen. Die Welt ist ja nicht so leer.

Meinecke: Kulturwissenschaft als Lebensinhalt.

De:Bug: Schließen wir mit dem Spiegel: Wir danken für das Gespräch.

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Elektronische Lebensaspekte.