Mit "Seed to Sun" hatte Boom Bip eines der Alben des Jahres 2003 produziert. "Blue eyed in the red Room" weigert sich ganz und gar, da weiterzumachen. Respekt.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 90

Das pure Ich
Boom Bip

Bryan Hollon, 30, sieht aus wie ein Emo-Kid aus dem Mittleren Westen und ist vor knapp zwei Jahren von eben dort, genauer: aus Cincinnati, nach L.A. gezogen. Auf seinem dritten Album als Boom Bip macht er jetzt psychedelischen Prog-Folk. Komisch für einen Musiker, dessen Name einen dicken Beat aus Bassdrum und Snare emuliert.

DEBUG: Du hast “Blue Eyed in the Red Room” in Los Angeles produziert, also erstmals in einer Stadt. Das ist komisch, weil deine Musik, wie die deiner Freunde von Anticon, immer dieses ländliche Grundgefühl hat.
BOOM BIP: Mh-hm. Das ist natürlich eine sträfliche Generalisierung, aber einige der interessantesten musikalischen Ideen entstehen in den USA ja momentan auf dem Land im Mittleren Westen. Vielleicht, weil die Menschen da mehr Zeit und Ruhe haben. Viele Kids, die in ihren Kellern sitzen und an etwas rumfrickeln.
DEBUG: Aber ausgerechnet in L.A., wo viele Menschen HipHop und alle möglichen anderen urbanen Musikgenres aus Samples zusammenbauen, hast du fast komplett mit dem Samplen aufgehört. Wieso?
BOOM BIP: Zum einen, weil ich jetzt einfach Geld und Platz für Equipment habe. Ich laufe gerne mit meiner Gitarre durchs Haus, plinkere rum und komponiere so neue Stücke. Mit Samples ist Komponieren dagegen viel schwerer. Das, was dabei rauskommt, sind mehr so glückliche Unfälle. Außerdem zollt man mit Samples immer der Musik von anderen Menschen Respekt, es ist also nicht das pure Ich, das daraus spricht.
DEBUG: Und diese Rückkehr zu klassischen Ideen und Idealen von Autorenschaft ist dir wichtig?
BOOM BIP: Absolut. Ich möchte gerne, dass sich die Hörer mehr und tiefgreifender mit mir identifizieren, als das früher bei meiner Musik der Fall sein konnte. Außerdem landet man mit Sampling immer schnell in bestimmten Genres, HipHop oder House oder Jungle oder so. Mir ist es aber wichtig, genuin neue Musik zu schaffen, die nur nach mir klingt. Und das geht nun mal mit Live-Instrumenten viel leichter.
DEBUG: Ist das der Grund, warum sich auf deiner neuen Platte überhaupt keine Spuren von HipHop mehr finden?
BOOM BIP: Der Grund war vor allem, dass ich kaum noch HipHop höre. Ich bin in den vergangenen Jahren eher zurückgegangen und habe viel frühe elektronische Musik, Progrock, Indierock, Folk gehört. Also The Fall, Theoretical Girls, Bowie, Nick Drake, Talking Heads. Ich werde richtig nostalgisch, wenn ich jetzt verzerrte Gitarren und Feedbacks einsetzen kann. Das habe ich mich früher nie getraut, aber jetzt kann ich mir das erlauben.
DEBUG: Wie könnte es denn weitergehen mit deinem neuen Leben in L.A.?
BOOM BIP: Einer der Gründe für meinen Umzug war auch, dass hier das Epizentrum der weltweiten Filmindustrie liegt. Ich könnte mir nämlich gut vorstellen, demnächst Soundtracks für Hollywood-Filme zu produzieren. Ich meine, ich werde diese Art von Musik wie jetzt nicht mehr machen, wenn ich 60 bin. Und da sind Soundtracks eine gute Perspektive, weil sie gut bezahlt werden.

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Das entwachsene Indiekid Boom Bip aus Cincinnati hat für seine erste LP tief in der musikalischen Fundgrube gekramt und den Rap weitgehend wegradiert. Ein gefundes Fressen für das britische Label Lex Records.
Text: Clara Völker aus De:Bug 63

Komplex, nicht fett
Boom Bip

Statt eingängig funklastigem Rhythmus blinzeln einem auf Boom Bips LP “Seed To Sun” fließende Harmonien mit diversen nüchtern klackernden Wiederholungen und skurrilen Sounds entgegen. Amerikanische Indierocksozialisation, HipHop, Klassik, Jazz und Elektronika schimmern durch. Schließlich interessiert nicht das Format, sondern der Sound an sich. Der ist komplex arrangiert und lebt vor allem von Spuren aus der Ferne, die einen wohl von irgendwelchen abstrakten Metaebenen überzeugen wollen. Die Platte erscheint bei Lex Records, einem Unterlabel von Warp, das sich nicht nur durch wohldesignte Qualitätsplattencover auszeichnet.

DEBUG: Woher kommst du und wie ist es da so?
BOOM BIP: Aus Cincinnati. Es ist cool und entspannt. Der Lebensstil ist hier sehr häuslich. Daher entwickeln die Leute eine Menge kreative Energie. Eine Menge Kids sitzen lieber in ihren Schlafzimmern und machen Musik, anstatt in Clubs auszugehen und in soziale Szenen verwickelt zu werden. Das züchtet auch Spinner.

DEBUG: Womit und seit wann produzierst du ?
BOOM BIP: Ich benutze alles, was ich bekommen kann. In meinem Studio habe ich jetzt ein DrumKit, Gitarren, Bass, alte Keyboards, einen Mac, viele Programme, Spielzeuge, Theremins, etc. Als Kind hatte ich Schlagzeugunterricht, was mir wirklich geholfen hat, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Ich habe in der High School und im College in Bands gespielt. Angefangen, samplebasierte Musik zu machen, habe ich 1996.

DEBUG: Es scheint, als wären momentan viele Leute von Mainstream und Underground HipHop gelangweilt. Siehst du einen Bedarf nach einem neuen Ansatz, etwa andere Sounds zu verwenden und die Musikstruktur auszuweiten?
BOOM BIP: Absolut. Es braucht frische Luft. Der beste Weg, damit das passiert, ist es, gar nicht zu beabsichtigen, HipHop zu machen. Einfach Musik machen. Wenn es nach HipHop klingt, dann ist es halt so. Das ist der einzige Weg, es frisch klingen zu lassen.

Frisch heißt hier nicht funky oder fröhlich. Boom Bip hat vor zwei Jahren eine LP namens “Circle” zusammen mit Dose One bei dem amerikanischen Label Mush rausgebracht. Dose One ist MC der sprachlich versierten Art, schließlich hat auch er, wie Boom Bip, ein Collegestudium auf dem Buckel. Man traf sich “in einem Geschichtskurs im College. Er hat es gerockt. Ich habe es aufgegeben. Danach haben wir Musik gemacht.” Die Mehrschichtigkeit ihrer Musik und des schnellen Geredes kann gerade bei Konzerten in nicht englischsprachigen Städten wie Berlin etwas hinderlich sein: “Ich glaube, die Sprachbarriere hat Dose’ Witze etwas schwierig zu verstehen gemacht, was uns dazu veranlasst hat zu glauben, dass die Leute gelangweilt wären.” Was gut sein könnte, schließlich ist Boom Bips Musik keine explizite Tanzmusik und ihr optischer Unterhaltungsfaktor ist auch eher gering. Boom Bip ist auch DJ. “Ich habe 1993 angefangen aufzulegen. Ich habe hauptsächlich alte MoWax- und Ninja Tune-Sachen gespielt, viele Illbient Spacey Beats.” Und plant, mal wieder eine Band zusammenzusetzen, “um Tracks von ‘Seed to Sun’ Und ‘Circle’ live aufzuführen.” Inzwischen ist er aus unbeantworteten Gründen nicht mehr bei Mush Records, dessen erste Veröffentlichung von ihm war.

DEBUG: Mit wem arbeitest du und mit wem würdest du gerne zusammenarbeiten?
BOOM BIP: Nun, Boards Of Canada haben gerade zugestimmt, einen Remix für meine nächste 12″ zu machen. Auf meiner LP habe ich mit Buck65 und Dose One gearbeitet. Ich habe Colin Greenwood von Radiohead wegen eines Remixes angehauen, mal sehen, was passiert. Mein Traum ist es, mit Björk ein Album zu machen. Gerade bin ich mit Mark Bell auf Tour und ich komme nicht darüber hinweg, dass er mit ihr arbeitet. Ich habe meinen Neid ihm gegenüber ausgedrückt.

DEBUG: Irgendwelche anderen Kommentare?
BOOM BIP: Esst gut. Behandelt Tiere mit mehr Respekt als Menschen. Kauft einen Hund.
http://www.lexrecords.com

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