Der englische Künstler Michael Leigh wühlt für sein Audio-Blog Boot Sale Sounds vergessene Perlen aus den Tiefen von Flohmarktkisten und Kofferräumen. Und will damit vor allem amüsieren, wie er im Folgenden selbst erklärt.
Text: Michael Leigh aus De:Bug 98

Der Sound des Kofferraums

Boot Sale Sounds erblickte das Licht der Welt als eine Yahoo Group, die ich Anfang letzten Jahres begonnen habe. Eigentlich wollte ich es als Ort benutzen, um Musikdateien zu speichern, die ich gelegentlich in einem meiner anderen Blogs erwähnt hatte (www.flobberlob.blogspot.com). Die Yahoo Group bestand aus 30 Mitgliedern, die zwar alle gerne im Hintergrund herumlungerten, um die Files runterzuladen, aber nie Feedback gaben. Also entschied ich, dass das nichts für mich sei, und dachte mir: Warum mache ich nicht einfach ein Audio-Blog daraus, in dem ich die ganze Musik featuren kann, die ich auf Flohmärkten und Boot Sales finde. Man sollte vielleicht erwähnen, dass Boot Sales in England verdammt populär sind, vor allem im Sommer. Die Leute treffen sich dann auf Parkplätzen und verkaufen ihren Kram vom Kofferraum aus.

Vor Boot Sale Sounds hatte ich schon ein paar andere Blogs und so war ein Audio-Blog im Grunde eine natürliche Entwicklung für mich. Seit ich in den 60ern auf der Art School war, habe ich Schallplatten gesammelt. Schon damals war ich vor allem an der obskuren Seite und den Novelties des Musikbusiness interessiert. Deshalb sind die Platten auf meinem Blog normalerweise auch Songs von Künstlern, über die man heutzutage eigentlich nichts hört.

Neulich zum Beispiel fand ich eine Schallplatte von Charlie Drake, der in England ein paar Hits während der späten 50er und frühen 60er hatte und ein beliebter Comedystar im Fernsehen war, dessen Shows sehr lange liefen. Er wurde mal beschrieben als: “quaint, troubled, sympathetic little man who is strangely reminiscent of a Botticelli cherub”. Und er hatte eine Stimme dazu, die Lack abblättern lassen konnte. Auf der Platte waren ein paar seiner Hits und einige völlig unbekannte Stücke wie “I Lost The End Of My Yodel”, “Starkle Starkle Little Twink” oder “Don’t Trim My Wick”, alle voller Begeisterung für englischen Humor, Wortspiele und Nonsense-Verse, wie sie Lewis Carrol, Edward Lear und Spike Milligan so kaum hätten übertreffen können. Ein anderes Juwel war der Percussionist und Jazzmusiker Rupert Clemendore auf der LP “Le Jazz” auf dem 60er Jahre Cook Laboratories Label. Eins der exotischsten Jazz-Alben aus den West Indies (Trinidad, um genau zu sein). Das Cover gibt schon einen richtigen Eindruck. Normalerweise sind auf solchen Schallplatten ja halbseidene Schönheiten mit einem Arrangement aus Palmen, aber hier sollte es subtiler zugehen. Und allein die Worte “Patois Jazz” ließen mich daran glauben, dass hier mehr zu finden sei. Es sind fast immer zuerst die Cover, die mich dazu bringen, meine Pennies rauszurücken. Manchmal ist man dann von der Platte auch begeistert, aber meist hat die Platte, die sich hinter einem großartigen Cover versteckt, gar nichts damit zu tun. Rupert und seine Band aber spielen so eine Art von unaufdringlichem, aber angenehmem Cocktail Jazz, bei dem vor allem die beiden Vocal-Tracks herausstechen, und die schaffen es dann auch auf das Blog. Die Slevenotes erklären das treffend: “Was Rupert mit seiner Stimme auf ‘Chop Suey Mambo’ macht, muss völlig unklassifizierbar bleiben.” Und in einem anderen Song rappt er dann noch von dem Harem, der ihn verfolgt, wenn er in Trinidad die Park Street runterläuft.

Mitten in der Mittelmäßigkeit sprang mich – auch wieder zuerst aufgrund des Covers – das “Mish Mosh”-Album von Mickey Katz an. Ein wundervolles Photo von Mr. Katz, verkleidet als Schlächter, der mit seinem Saxophon auf dem Hackblock sitzt, und hinter ihm hängen die anderen Instrumente friedlich aufgereiht mit Würsten und Bagles. Die Songtitel klangen auch alle wie Winner: “How Much Is That Pickle In The Window” oder “I’m A Schlemiel Of Fortune”, wie kann man da widerstehen? Es kam dann raus, dass Mickey ein Top-Dialektkenner in Spike Jones’ Band war und später eigene Wege ging. Er war so überzeugt davon, dass seine Musik nicht nur lustig, sondern auch musikalisch solide war, dass er die besten Session-Musiker Hollywoods dafür angestellt hat. Und wieder ein Zitat von den grandiosen Sleeve-Notes: “Mickey’s approach to a song is simple. He grabs the nation’s favourites and gives them the stamp of his unique and abundant wit. The poor unsuspecting tune suddenly finds itself with more twists than a barrel of pretzels and more spice than a plate of pastrami.”

Wie man sieht, sind die Dinge, die ich finde, sehr unterschiedlich. Und ich versuche, auf dem Blog auch durch die scheinbar wahllose Zusammenstellung zu zeigen, wie unterschiedlich verschiedene Äras nicht nur in ihrem Style, sondern auch in ihrem Humor sind. Ich wähle für das Blog immer Musik aus, die mich zumindest amüsiert, öfter aber überrascht und mich manchmal auch schlichtweg zum Lachen bringt. Und ich hoffe, dass sie das auch bei den Leuten erreicht, die das Blog besuchen. Ich bin froh, einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack zu haben, und hoffe, Boot Sale Sounds reflektiert das auch, obwohl der Antrieb Glück und Zufall sind.

Mittlerweile bekomme ich auch das Feedback, das ich mir damals schon erhofft hatte, und durch Rapid Share können meine Audiodateien theoretisch ewig erreichbar sein (Ich habe vorher You Send It benutzt, bis ich feststellen musste, dass da nach einer Woche alles verschwindet). Natürlich bin ich mit anderen Audio-Blogs verlinkt und muss sagen, dass es unter uns sehr viel gegenseitige Ermunterung und Unterstützung gibt. Das ist fast schon herzerwärmend.

ÜBER MICHAEL LEIGH
Ich bin ein 58 Jahre alter Künstler und lebe mit meiner Familie in Cheshire. Ich habe Malerei studiert, arbeite aber zurzeit vor allem mit Collagen und Mailart. Ansonsten mache ich Kunst-Bücher, Radiergummistempel, Postkarten und diverse Audio-Arbeiten. Mail-Art ist aufgrund meiner sonstigen Online-Beschäftigungen zugegeben etwas in den Hintergrund getreten, aber Collagen via Mail zu verschicken, macht mir immer noch Spaß.

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Elektronische Lebensaspekte.