Wer hört denn noch HipHop mit Samples und intellektuellen Verbiegungen? Im Süden der USA läuft die Drumbox, dazu hauen die Rhymes unter der Gürtellinie auf die Party-Tube. Wir graben uns in die wild wuchernde Szene um Crunk und Dirty South ein.
Text: Alexandra Dröhner aus De:Bug 108

HipHop

Crunk’s Not Dead
Party-HipHop aus Strip-Clubs

Der US-amerikanische Zeichner Aye Jaye Morano vertreibt nach dem Indie-Erfolg seines schlauen Gangsta Rap Coloring Books geschäftstüchtig auch eigene T-Shirt-Designs übers Netz und samplet munter, was die Rock’n’Roll-Geschichte an Schlüssel-Icons hergibt. Und so kommt es, dass gestandene Ami-HipHopper 2006 vermeintlich aus Spaß mit dem ekligen Zombiekopf des ’81er Album-Covers der UK-Punkrocker The Exploited auf ihren gewaltigen Bäuchen posieren. Dieses Mal aber wird nicht der Punk lauthals dem Grab entrissen, der Schlachtruf gilt dem Crunk, dem Oberbegriff für den aus den afro-amerikanisch dominierten Städten des Südens der Vereinigten Staaten stammenden Club-Sound – der wichtigsten Entwicklung im US-HipHop der letzten 10 Jahre.
Abgesehen von der phonetischen Entsprechung nicht gerade vergleichbar, ähneln sich die Beweggründe für die trotzigen Statements von Punk und Crunk durchaus. The Exploited kämpften weiland gegen die eingetretene Entpolitisierung und Verweichlichung des Punk an, indiziert durch Sauf- und Drogengelage in den eigenen Reihen und Verwässerung durch Modeindustrie und Mainstreamübergriffe.
Der Crunk seinerseits beschreit so die noch junge und nicht enden sollende, weil Dollar- und Status-schwere Königsposition des Südens gegenüber der Eastcoast and Westcoast, den traditionellen Machtzentren des Biz, und will sich wohl auch einer undifferenzierten Einverleibung in den All-American-Mainstream-HipHop-Pool erwehren, obwohl jeder einzelne Rapper und Indie-Label-Don zwischen Atlanta und Houston nichts dringlicher anstrebt, als eben dort zu landen: Let’s go platinum und zwar schnell. Eine Thematik, die nach einem Jahrzehnt Crunk und Down South nicht auf einen T-Shirt-Aufdruck beschränkt bleibt, sondern hüben wie drüben diskutiert wird: Wo steht US-Club-HipHop heute? Wo geht es hin? Und was macht Crunk, Dirty South, Snap und – obwohl geographisch anderswo verortet – auch Hyphy eigentlich so eigenständig, musikhistorisch wertvoll und gerade für DJs und Produzenten aus ganz anderen, nämlich elektronischen Club-Zusammenhängen so spannend und zugänglich? Dazu gleich klärende Worte vom US-amerikanischen Weltmusiker und Turntable-Artist DJ/Rupture und von Teki Latex, Rapper bei der französischen Elektro-HipHop-Formation TTC – zwei der eloquentesten Vertreter der aktuellen Gilde wild wuchernder Style-Blender aus den Reihen von Radioclit, den Syrup Girls, Sinden oder den Sick Girls und ihrer erklärten Abkehr vom Monopol der Monokultur auf dem Dancefloor.

Down South
Wir befinden uns im tiefen Süden der USA. Abgekapselt und fast unbemerkt von der um sich selbst kreisenden und hilflos im Westcoast-Estcoast-Krieg verstrickten Rap-Industrie entwickelt sich um 1996 in und um Atlanta, Houston, Miami, Memphis und New Orleans eine alsbald florierende Untergrund-Bewegung, die sich HipHop mit der Narrenfreiheit der Außenseiter nähert, genährt von den eigenen Wurzeln im Booty Bass, der sexuell und kriminell aufgeladenen Schwere hitziger Tage und Nächte und einem immensen Hunger nach Dollars, Diamanten und dem eigenen fetten Stück vom Kuchen.
Auch die Bay Area um San Francisco herum beginnt wenig später ihr persönliches Süppchen zu kochen, Turf oder auch Hyphy entsteht, hektische Beats, schnell, flirrig und knüppelhart – passend zum durchgedrehten Stop&Go der Caddyreifen auf den bizarren Autorennen der Hyphy Posse, Sideshows genannt. Gemeinsame Spielstätten und Teststrecken dieser Homemade-Produkte sind örtliche Radiostationen, Autostereoanlagen und immer wieder die scheinbar zügellose und nach ihren eigenen Regeln funktionierende Welt der Strip Clubs. Der lokale Erfolg zieht nationale und internationale Aufmerksamkeit nach sich, wer also sind die Stars der Stunde Null und wieso? Wir fragen nach bei Teki Latex:

Wann und durch welche speziellen Tracks oder Künstler bist du zum ersten Mal mit Club-HipHop wie Crunk, Dirty South oder Hyphy in Berührung gekommen?

Ich war schon in den frühen 90ern ein großer Fan von Outkast und E40, ohne wirklich darauf zu achten, aus welcher Gegend sie kamen, oder sie tatsächlich als Teil eines “Movements” wahrzunehmen. Als der Süden sich als starke Kraft im HipHop formiert hatte, war es vor allem Ludacris mit seinem schnellen Rap-Stil, seinen witzigen Punchlines und den 808 Beats, der meine Aufmerksamkeit hatte, besonders durch seinen Track “What’s your fantasy?”. Auch ein großes Ding für uns waren die epileptischen Beats und der minimalistische Flow der “Cash Money Millionaires And The Hot Boys“. Und dann natürlich Lil’ Jon, Three Six Mafia und so weiter …

Ähnlich DJ/Rupture:
Ich interessiere mich für Dirty South, seit ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Produktionen von Mannie Fresh für Cash Money in New Orleans gehört habe, “Bling Bling” und so weiter. Sie haben dieses unglaublich klare, saubere synthy bounce feel.
Mannie Fresh hat immer damit angegeben, einen Hit in nur einer Stunde produzieren zu können, ohne ein einziges Sample zu benutzen.

Outkast haben bekanntermaßen HipHop-Geschichte geschrieben, E40 kollaborieren von Dj Shadow bis Lil’ Jon medienwirksam durch Raum und Zeit, Three Six Mafia haben einen Oskar bekommen und aus den inzwischen getrennten “Cash Money Millionaires And The Hot Boys“ ist der etwas dümmliche, aber stilistisch einzigartige, derzeitige Anführer des Games und Aushängeschild von Cash Money Records, Lil’ Wayne, hervorgegangen, der sich angenehmerweise mehr für Klamotten, Mädels und Geld interessiert als für Gewalt und reales Gangstertum. Lil’ Jon, selbstentthronter Ex-Chef von Atlanta, arbeitet an “Crunk Rock“, seinem mittlerweile siebten Album, und Ludacris hat sich auf dem Weg zu mehr Annerkennung und mehr Geld von seinen Braids und leider auch von seinem Biss getrennt. Der Süden hat goldenen Boden.
Was aber unterscheidet Crunk von HipHop, wie wir ihn kannten? Woher rührt die Faszination dieses Stils, der gleichsam in fiesen Proll-Sneaker-Läden westdeutscher Fußgängerzonen zum Einkaufen anregt, als auch in angesagten Londoner oder Pariser Szene-Hide-Outs mageren Hintern weißer Großstadtgirls den Salt Shaker lehrt?
Teki Latex weiß es:

Wie und warum benutzen du und TTC Zitate oder Elemente von Crunk etc., um eure eigenen Produktionen oder DJ-Sets anzureichern oder weiterzuentwickeln?

Crunk und der meiste Southern HipHop kommen vom Miami Bass oder Bass Music im Allgemeinen, sie sind die Kinder von Elektro-Funk. Das ist perfekte Party-Musik. Wir sind fasziniert von den “Chants” (fußballchorartige Jungsbrüller als Refrain oder Anheizer eines Crunk Tracks, Anmerkung des Verfassers), den stumpfen, aber doch eigentlich so gar nicht dummen Lyrics, dem Tanzstil, der Attitüde, eben dem ganzen prahlerischen Auftreten der Southern-Rap-Kultur. Es ist bunt, es ist Spaß, es ist Pro-Gangster, gleichzeitig dancefloor-orientiert und positiv, sexy, arrogant und völlig übertrieben – genauso wie Rap im neuen Jahrtausend eben sein sollte.
Außerdem ist Crunk tatsächlich die Form von HipHop, die sich am besten mit elektronischer Tanzmusik wie House und Techno kombinieren lässt. Das Tempo ist im Grunde half-time Ghettotech oder half-time Techno bei den langsameren Tracks.
Die Sounds sind 808-Sounds: Bleeps und Melodien, die an frühe europäische Dance Tracks erinnern, Crunk ist die eigentliche Dance Music von heute! Als DJ Feadz und unser (TTC) DJ Orgasmic damit angefangen haben, Ludacris in Stücke von Dopplereffekt oder Mr. Oizo zu mixen, hat uns das wortwörtlich umgehauen. Dazu kommt auch noch, dass das ganze “Screwed and Chopped”-Movement einen großen Einfluss darauf hatte, wie wir mit Tempo und Pitch im HipHop inzwischen umgehen (ähnlich auch zu DJ Assaults Hochgeschwindigkeits-Funk).Zum ersten Mal war es im HipHop okay, an der Geschwindigkeit der Tracks herumzupfuschen und sie extrem zu verlangsamen. Etwas, das bei jedem elektronischen DJ-Set Gang und Gebe war, im HipHop aber bis dato tabuisiert wurde und als Blasphemie galt.

Für DJ/Rupture liegen Glück und Würze in Produktion und Simplifikation:
Die neue Welle von Crunk und Hyphy hat mich mit ihrem irrsinnigen, synthetischen Sound, den schaurigen Moll-Akkorden und bizarren Produktionsansätzen fasziniert.
Hyphy ist der Killer, weil es außerdem noch schnell ist, wohingegen Crunk einfach nur wirklich langsame, fantastisch abgefuckte psychedelische Gangsta Musik perfekt zum Autofahren ist. Viele Trap- und Crunk-Produktionen sind unglaublich minimal (not minimal in the the techno sense!), benutzen nur repetitive Melodien und fast keine Beats, nur ein paar Hi-Hats und ein bisschen Sine-Wave-Bass. Fast so als würde man Kraftwerk zum ersten Mal hören. Die Produktionen sind sehr fortschrittlich, oftmals wirklich radikal. Seit 1999 kann ich mir keinen Indie-HipHop mehr anhören, viel zu konservativ, die benutzen IMMER NOCH Samples von alten Platten und versuchen DJ Premiere zu sein. Und in der Zwischenzeit machen all diese seltsamen schwarzen Südstaaten-Thugs brillante reduzierte elektronische Musik! Darüber hinaus sind die Crunk-Vocal-Styles oftmals sehr musikalisch und einfach lustig, sing-songy so wie Laffy Taffy (von D4L, Anmerkung des Verfassers). Klassischer NYC Rap zum Beispiel ist viel komplexer, epischer; Down South MCs konzentrieren sich mehr auf den Vibe, die Stimmung, gute Hooklines, nicht gerade literarisch, aber dafür partytauglich.

Ist das also Crunk: eine Revolution im elektronischen Dancefloorsound aus einer ganz anderen Richtung, als wir uns gedacht hätten? Ja und nein – der Kontext macht die Musik.
Sowohl in Europa als auch im Heimatland Amerika existieren unterschiedliche Herangehensweisen an Crunk&Co: die der dem “wahren” HipHop mit all seinen oberflächlichen und zweifelhaften Signalen von Bling Bling über Bitches, Gangstas und schnellen Autos als Lebensinhalt verpflichteten originären und somit auch tatsächlich sinngebenden Anhängerschaft und die des hippen, von seinem eigenen kulturellen Vorsprung überzeugten Avantgarde-Publikums, das sich fast lüstern beim dreckigen Süden bedient, als würde es von einer verbotenen Frucht naschen, und sich die cartoonartigen, schillernden und so sexy gefährlichen Elemente losgelöst von der Realität ihrer Produzenten überstülpt, weil’s eben Spaß macht.
So oder so – die Strukturen von Crunk funktionieren für alle Beteiligten gleich gut, ob transformiert oder nicht.

Zum Schluss ein paar gut gewählte Anspiel-Tipps von Teki Latex und einen Blick in seine persönliche Zauber-Kugel fürs nächste Jahr:

Wer sind deine im Moment bevorzugten US-Club-HipHop-Künstler und was glaubst du wird in 2007 passieren?
Was wird der nächste Trend im HipHop? Wer sind die kommenden Stars?

Lil Yola, Young Dro, Lil Keke, Yung Joc, DJ Unk, Jibbs und Tampa Tony haben gerade alle Knallertracks, die wirklich gut im Club funktionieren. Mein Lieblingsrapper ist aber zurzeit Lil’ Wayne, obwohl ich seine Mixtapes besser finde als seine Alben.
Snap Music wird weiter erfolgreich sein, egal ob es den Hatern passt oder nicht. Es geht aber wahrscheinlich in eine weniger repetitive und mehr poppige Richtung als bisher.
Das neue Album von Clipse wird total abgehen.
Und was die Newcomer betrifft, wird DJ Unk ein großer Name im nächsten Jahr werden, er produziert und rappt und ist wirklich gut in beidem. Nächster Trend sind vielleicht Rap-Songs ohne Drums à la “Mr. Jones”, der neue Banger von Mike Jones.”

Der Versuch einer allgemeinen Bestandsaufnahme in Kürze muss scheitern, die Vielschichtigkeit, Verzweigtheit und soziokulturell fast schon grotesk ambivalente Lebensform Crunk/Dirty South bedarf detaillierter Beleuchtung. Schon die vielfach schnelllebigen und komplizierten Verstrickungen und symbiotischen Geschäftsbeziehungen der solventen unabhängigen HipHop-Label mit den noch viel reicheren großen drei der Major-Industrie füttern die News-Seiten hunderter Online-Mags und Printmedien. Das Gangster-Gepose und der oftmals tatsächlich viel zu kurze Draht der Szene zu Schwerverbrechen und Waffengewalt füllen Gerichtssäle und Krankenakten, von ihren möglichen Auswirkungen auf die jugendliche Hörerschaft ganz zu schweigen. Auch von den vielen positiven Community-Effekten oder der zaghaft wiedererwachten Politisierung vieler Künstler, dem Einfluss europäischer Musiken wie z.B. Grime und vielem mehr konnte hier nicht die Rede sein. Empfohlen sei deshalb die Lektüre des 2005 erschienenen Buches “Adventures In Dirty South Hip Hop: Country Fried Soul” von der Bay-Area-Autorin Tamara Palmer, die mit einem Mix aus Interviews, Anekdoten und Song- und Videoanalysen zumindest einen leichtfüßigen ersten Einblick ermöglicht.

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Elektronische Lebensaspekte.