Die Stuttgarter Partylichtgestalten Daniel Varga und Frank Wössner ziehen als Borneo & Sporenburg elegant an allen 80er Plakativitäten vorbei und vertonen den zeitlosen Glanz von stahlweißen Villeroy & Boch-Amaturen.
Text: oke göttlich aus De:Bug 56

Bauhaus zum Kuscheln

Amsterdam ist immer eine Reise wert. Besonders der Hafen ist ein beliebtes Sightseeingziel – gerade für Architekturtouristen. Also Kamera raus, Bleistift und Papier gezückt und ran ans Dokumentieren, Illustrieren und Illusionieren. Borneo und Sporenburg, zwei Inseln am östlichen Hafenrand Amsterdams, sind die Rolemodels aktueller ArchitektInnenträume zwischen Funktionalität und Individualität. Einhundert Appartements pro Hektar türmen sich nur drei Etagen hoch am Wasserrand empor und lassen sich von der Sonne, dem Meer und dem reflexiven Spiel beider Elemente verwöhnen. Sozialhilfeempfänger wie Werber. Alles Leben auf engstem Raum. Zwischen schick und schäbig. Zwischen Südsee (Borneo) und Eisenbahn (niederländisch: Sporen) liegt das Leben und die Sozialisation. Streng nach den Regeln einer ästhetischen und zeitgemäßen Reduktion der Elemente.

Reale Utopien, die auch den Stuttgarter Produzenten Frank Wössner und Daniel Varga die Inspirationen für ihre musikalischen Werke liefern und im architektonischen Studentenstreben des einen (Herr Borneo oder Herr Sporenburg war nicht herauszufinden!) wurzeln. „Eigentlich funktioniert der Name eher wie Villeroy & Boch, ohne die einzelne Person anzusprechen”, erklärt Architekturstudent Frank Wössner, der mit seinen verschiedenen Aufenthaltsorten (Stuttgart, Basel, Zürich und zurück) die Schnittmenge zwischen sonnigem Süden und industrieller Produktion verkörpert.

Zustände und Stimmungen, die auch die Stücke des nun veröffentlichten Albums “Remember Today” streifen. Die vollzogenen Wechsel musikalisch bereits manifestierter Modelle zwischen Song und Track, vollgesogenem Hedonismus (“What’s going on tonight”), Reduktion (“This is music added to my day”) und atmosphärischem Treiben (“Remember Today”) werden formuliert. Zu keinem visionärem, aber einem kompakten Bauwerk, in dem sich gut kuscheln lässt. Denn auch in der Stadt ließe es sich in einem Einfamilienhaus plus Garten sehr gut aushalten, selbst wenn Frank Wössner glaubt, “dass dies im städtischen Kontext keinen Sinn machen würde”. Schade eigentlich. Aber wahrscheinlich auch der Grund, warum guter Techno in dörflichen Gebieten zu Partyflucht führt, da in der örtlichen Disco ja die bekannten Smasher laufen.

Smasher, denen Borneo & Sporenburgs “Somewhere in Metropolis”, einer Kombination aus Grace Jones und Human League, am nächsten kommt. Einem Stück, das Vergangenes einkreist, mit eigenständigen Liebeleien verziert wurde und in etwa dem Motto der beiden Stuttgarter entspricht, nach dem es “blöd ist, sich nur auf die Achtziger zu beschränken.” Der Versuch zwischen zeitgemäßem und zeitlosem Arbeiten stellt demnach auch die tägliche Herausforderung der beiden dar. “Bauhaus, als architektonischer Stil, gehört einer bestimmten Zeit an und ist trotzdem zeitlos”, beschreibt Frank Wössner seine Vorstellung von einer ebensolchen musikalischen Version. So wird auf “Remember Today” mit dem Griff in die Plattenkiste vergangener Tage posiert, um es aus der Geschichte heraus weiterzuführen. “Nur so lebt es weiter, weil es Neues enthält”; oder der einfachen Regel entspricht, dass man anhand eines Entwurfs niemals das Endprodukt erkennen kann, sondern bis zur Fertigstellung viele Wege zum Ziel führen. Die irrsinnige Idee, trotzdem mehr Einfamilienhäuser mit Garten in die Innenstädte zu verlagern, vorausgesetzt.

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Elektronische Lebensaspekte.