Shoegazer nannte man diese englischen Schluffis, die immer lieber auf den Boden schauten und zu Bands wie Ride und My Bloddy Valentine tanzten. Bowery Electric aus New York haben diesen verwaberten Sound mit ihrem neuen Album Lushlife auf die digitale ProTools Ebene verfrachtet.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 33

/electronika/downtempo Wärme, teppichdick Bowery Electric Es ist ein paar Jahre her, da tauchte plötzlich ein Album auf dem Chicagoer Indielabel Kranky in den Charts von Detroiter Techno-DJs auf. Bowery Electrics namenloses Erstlingswerk, gepresst auf schwerem blauen Vinyl, vereinigte breite, verwaberte Gitarrenwände, hypnotische Schlagzeug-Eskapaden, eine Gigatonne distortete Traurigkeit und weit nach hinten gemixten Gesang. Und weil viele englische Vorbilder lieber über Vorschüsse verhandelten als neue Platten zu machen, wechselte der Wanderpokal über den grossen Teich. Martha Schwendener und Lawrence Chandler hatten einen Klassiker veröffentlicht, wie aus dem Nichts. “Wir hatten damals eine Doppel-7″ gemacht und die Betreiber von Kranky arbeiteten für unseren Vertrieb. Sie waren also wirklich die ersten, die die Platten zu hören bekamen. So konnten sie uns signen, ohne dass die Platte die Runde gemacht hatte”, erzählt Martha, die in Hamburg am Telefon sitzt und offenbar nicht wirklich JetLag-tauglich ist. Aber sie lacht sehr ansteckend und so ist es mehr als ok, wenn man einige Fragen zweimal stellen muss. Bowery Electric sind wie ein kleiner Heizlüfter, den man sich ans Bett stellen kann, wenn die Heizung mal wieder nicht so will. Warm legen sich die teppichdicken Flächen wie ein Wollschal um den verwirrten Kopf, der sich fragt, wie um alles in der Welt er sowas verdient hat. Egal ob gitarrig auf dem ersten Album oder mehr elektronisch auf dem Folgewerk ‘Beat’ und dem neuen Album ‘Lushlife’. “Als Musiker schaut man immer nach neuen technischen Entwicklungen. Für uns war irgendwann klar, dass wir die Elektronik in unsere Musik einbeziehen wollten. Einerseits hatten wir in unserer Frühphase 12-15 Drummer verschlissen, bis wir merkten, dass wir zu zweit doch am besten arbeiten können. Andererseits eröffnet einem der Sampler einfach ganz neue Möglichkeiten. Und kaufte man früher eben die neuesten Gitarrenpedale, verwendet man Vorschüsse heute eben für ProTools Systeme”, erzählt Martha. “Es macht ja auch Sinn, immerhin sind wir mit Bands wie New Order und Kraftwerk aufgewachsen und haben unser erstes Album im Studio von Philip Glass gemixt.” What HipHop can do for you Bowery Electric ist wahrscheinlich die einzige Band, die ihre Karriere beim Renomier-Indie Kranky begannen, die mit HipHop komplett und total unten sind. Wenn etwas auf ihrem aktuellen Album auffällt, von der grossen Liebe zum Portishead-inspirierten Popsong mal abgesehen, sind es die Beats, die völlig unaufgeregt vor sich hin loopen. Hier wird nichts geschnitten, gefiltert oder wie auch immer bearbeitet. Der Originalloop regiert. “Als wir mit der Produktion der Platte anfingen, war gerade Photek sehr im Gespräch mit seinen kunstvoll geschnittenen Beats. Wir haben auch ein bisschen in diese Richtung experimentiert, weil uns Drum and Bass sowieso interessierte. Wir mussten aber schnell feststellen, dass dieses tagelange Arbeiten an Beats nicht unsere Sache war. Es dauerte uns schlicht und einfach zu lange, es machte keinen Spass. Und letztendlich…beim HipHop gibt es das ja auch nicht…it just goes. Warum also nicht. HipHop war und ist wichtig für uns, nur mit dem Rappen funktioniert es eben nicht, wäre wahrscheinlich auch sehr albern. Also adaptieren wir andere Elemente dieses Genre. Das Repetitive.” Aber woher kommt die Melancholie bei diesen Einflüssen? “Ach, die Sparte ‘Uplifting’ ist zur Zeit in den USA von der christlichen Rockmusik besetzt, die sich irgendwie wie ein Virus ausbreitet. Damit wollen wir natürlich nichts zu tun haben. Aber im Ernst: Wir sind keine Nihilisten und sagen, dass das Leben irgendwie doof wäre. Ich glaube, diese gesetzte Grundstimmung unserer Tracks kommt eher von dieser Sensibilität, die wir beide haben. Wenn man sensibel ist, ist man auch vorsichtig, bricht keine Dinge vorschnell über den Zaun, nähert sich der Materie vielleicht von einer anderen Seite. Vielleicht können solche Songs auch mehr transportieren. Gelacht wird dennoch.” Na dann.

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Elektronische Lebensaspekte.