Wenn Hamburger auf HipHop machen, kriegen sie das visuelle Gewand von vier Grafikboys verpasst, den Typeholics.
Text: Michael Thomas aus De:Bug 93

Boyband des Grafikdesigns
Typeholics

Seit mehr als zehn Jahren bilden die Typeholics aus Hamburg als Grafiker und Illustratoren die visuelle Verlängerung von Musikern wie Beginner, Samy Deluxe, Das Bo oder International Pony. Neben einer Flut von Plakaten und Flyern für lokale Veranstaltungen haben sie von großzügigen Coverartworks über Merchandise-Artikel bis hin zu Videos oder auch mal aufpumpbaren Bühnenbuchstaben im Grunde genommen schon fast alles gestaltet. Hinzu kommen eigene Skateboarddesigns, Anzeigen für Klamottenlabels wie Chef Styles, Label-Websites oder auch mal ein eigens publiziertes Buch über die lokale Graffiti-Szene, in der die vier Hamburger noch immer verwurzelt sind.
Posierten sie noch bis vor kurzem lediglich mit spitzen Schnauzern als Dalton Lookalikes auf ihrer Website, steht nun endlich ihr umfangreiches Portfolio im Netz. “Nicht weil wir die ganze Zeit im Sessel sitzen und Karten spielen“, erzählt Felix Schlüter, der Typeholics 1997 gegründet hat, “sondern weil wir einfach die ganze Zeit für andere Leute gearbeitet haben.“ In ihren eigenen Absoluten-Beginner-Tagen waren das zunächst handgezeichnete Partyflyer oder selbst zusammengefaltete Cover für Mixtapes. Aus den Kellern Eimsbüttels ging es dann eine gute Zeit lang zunächst gemeinsam mit Henning Weskamp als Grafikteam zu Eimsbush Entertainment. Als dann noch Sebastian Rohde und Benjamin Kakrow dazustießen, bezog man schließlich eigene Räumlichkeiten in einer alten Werkstatt auf St. Pauli, die gelegentlich auch mal als Boxhalle, EM-Studio oder als Proberaum für eigene Bandprojekte herhalten kann.

Nach wie vor steht das Entwickeln von schriftbasierten Logos im Mittelpunkt der liebevollen Typeholisierung, wie Sebastian verdeutlicht: “Graffiti im Sinne von Zeichnen einer Schrift ist ohne Frage der gestalterische gemeinsame Nenner von uns allen. Unsere Logos, in der Regel zunächst auf Papier mit Bleistift oder Kuli vorgescribbelt, bilden dabei das Grundelement, das sich dann von dem Plattencover über Videos bis hin zur Bühnengestaltung durch ein ganzes Projekt ziehen kann.“

“Das Logo“, meint Felix, “ist unser Beitrag zur Definition der Band – und zwar der optische. Wir können nur die Optik machen, wir sind ja stumm sozusagen. Aber wo die Band für ihre Musik verantwortlich ist, versuchen wir das Ganze dann auf eine visuelle Ebene zu übertragen. Musik und wie sich die Künstler geben ist dabei der zentrale Ausgangspunkt. Dann versuchen wir daraus die Essenz zu ziehen und ein Logo zu entwickeln, das das Ganze zusammenfasst.“

Da werden die Insignien von D-Flame dann einfach flambiert. Ein Jan Delay windet sich verspielt zum Mikrokabel. Und während Rocko Schamonis Little Machine fröhlich vor sich hinpufft, protzt schon wieder Samy Deluxe wie ein verchromter Kühlergrill nach vorne.

Logo, Image, dick
“Fett sollen sie kommen“, erklärt Felix, “um ausnahmsweise mal im HipHop-Jargon zu bleiben: Jeder von uns hat alle Buchstaben, die das Alphabet zu bieten hat, schon in zigfacher Form geschrieben oder gezeichnet, gebaut, koloriert oder wieder wegradiert, an die Wand gemalt oder früher auch an die U-Bahn gesprüht.
Buchstaben, die Form und der Charakter, die man ihnen gibt, faszinieren uns nach wie vor. Daher rührt ja auch der Name Typeholics. Schrift ist einfach das dominierende Moment unserer gesamten Gestaltungsarbeit. Vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne klassischer Grafikschulen und deren Ansichten von Typografie. Aber für uns ist Schrift und ihre Umsetzung die Basis, auf der wir arbeiten.“

Das Logo als eine Art Grundbeat, ein visueller Reim, der sich im Coverartwork dann zu einem Track oder einem ganzen Album verdichtet. Felix: “Vom gestalterischen Prozess her betrachtet ähneln sich Musikproduktion und visuelle Gestaltung ja in gewisser Weise: Da ist am Anfang eine Idee, dann wird ein passendes Rohgerüst drumrumgebaut und man sucht nach Momenten, die die Komposition ausgewogener machen. Am Schluss schmeißt man dann entweder alles weg oder macht es eben in der Reinzeichnung oder dem Mastering sauber. Dann wird’s veröffentlicht. Und wir sind genauso gespannt wie die Musiker, ob alles so geworden ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Unser Teil ist visuell, der andere akustisch.“
“Ich sehe uns auch sowieso eher als Band denn als Grafiker“, wirft Sebastian ein. “Und am Frauen-Kiosk um die Ecke, wo wir im Sommer unsere Brause kaufen, wurden wir auch schon gefragt, ob wir eine Boyband wären.“
Felix: “Ja, natürlich sind wir ‘ne Boyband! Naja, wir sind halt alle Jungs, aber vielleicht hat das auch was mit der Geschichte zu tun, woher wir kommen, nämlich vom Graffiti. Und das sah früher für uns so aus, dass man sich nachts rumgetrieben hat, zusammen malte, Sprühdosen geklaut hat oder in irgendwelchen Ärger mit anderen Sprühern oder der Polizei geraten ist. Das ist alles eine Weile her. Und ich glaube, dass Frauen schon damals zu clever dafür waren, als dass sie sich solche Schwierigkeiten hätten einschenken müssen.“
Mit Musik und Graffitikunst sind nicht nur die Jungs, sondern auch die Projektvorgaben größer geworden. Felix: “Für das Import Festival im letzten Jahr haben wir Banner gedruckt, ich bin fast ohnmächtig geworden. Sechs Meter hoch und vier Meter breit eine Grafik, die wir sonst nur auf einem A6 Flyer sehen.“ Zukünftig wollen sie aber auf zu neuen Ufern – am liebsten ihre Grafik selbst zum Leben erwecken, animiert in Videos oder Titelsequenzen, wie derzeit in einem geplanten Filmprojekt. Am besten das Ganze aber auch noch live: “3D-Modelling in der Luft! Laserprojektionen wie bei den Klitschko-Brüdern über Las Vegas. Das fänden wir total cool.“

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Elektronische Lebensaspekte.