Text: Sascha Kösch aus De:Bug 01

Boymerang

Bis vore kurzem gab es keine Drum’n’Bass Quereinsteiger. Das Genre Mensch war nicht vorgesehen. Es gab entweder klägliche Versuche von Leftisten ins Business einzusteigen. Radikale Spinner deren Namen Grooverider noch nicht mal kennen würde, so dicht sind die Informationsnetze, es gab Ausländer die es sich erstmal nicht leisten konnten mit den 120 Promos ins Business einzusteigen nach denen der engliche Markt bzw. die Vertriebe so verlangen, es gab ewig zurückgebliebene Amerikaner und diverse andere Splittergruppen, die eigentlich immer nur die PResse, wir schlißen uns da nicht aus, noch in den großen Napf Drum’n’Bass eintüten wollte. Mit Boymerang ändert sich das und vermutlich wird ein Schrei der Hoffnung durch England Ex-Indiejugend gehen. Es wäre fast greifbar. Man könnte hinein. Wie es gehen kann, und warum es meist nicht geht erklärt Boymerang im eingiz beleuchteten Zimmer des Forum Hotels in Berlin sitzend in fast manischen Satzkaskaden. Beweise, Regeln und Wolkenkratzer.

Generation Style Wars

Was dachtest du dir bei der Wahl des Titels für deine LP, “The Balance Of Force”?

Dafür gab es viele teils halb teil mehr ernste Gründe.

Klar ist der musikalische Aspekt, aber es klingt auch mehr an.

Ja, es war etwas das einfach auftauchte. Es schien einfach ganau das zu summieren, was ich zu tun versuche. Die Art wie ich es hasse alles in kleine Fragmente aufzubrechen, oder wie Leute versuchen eine Art von Breakbeat, und genau das wird es für mich immer sein, UK Breakbeat, auf Kosten der anderen zu fokussieren. Es geht nicht um scheiß Darkness, oder Techstep oder Jazzyness. Es ist eine weite Form verschiedener Gefühle die mitschwingen, aber eben auch die Tatsache, daß verschiedene kontrastierende Dinge, harte und leichte Texturen mitschwingen. Daher kommt die Stärke. Wenn jeder einen speziellen Weg wählen würde ginge es nicht. Natürlich gibt es Zirkel, Dinge kommen und gehen, aber die Tatsache, daß soviele Dinge darin passieren ist wichtig. Sitzt man mit einem Garage Fan zusammen, dann weiß man sofort was er meint wenn er sagt daß er Garage liebt, man kennt das Gefühl, und man mag ja selber auch einige der deeperen Tracks, aber sagt dir jemand daß er Drum & Bass mag, dann kann das verdammt noch mal alles heißen. Von Hype über No U Turn bis hin zu Bukem. Was genau der Grund ist warum ich Breakbeat so mag. Es hat eine Tiefe, eine Breite, die es immer weiter laufen läßt.

Balance Of Force scheint auch einen Oldschool Vibe zu beinhalten.

Ich hoffe.

Und eben auch wenn man es politisch versteht.

Ja. Und es ist natürlich auch der perfekte Mix, das was man im Studio versucht. Einen der nicht notwendigerweise clean sein muß. Es hat auch eine Referenz zu den Star Wars. Ich persönlich hasse dieses ganze Gerede von uns als einer Slacker-Generation, Generation X, dieses wir sind hoffnungslose Schlampen die keine zwei Dinge aufeinander setzten können, nichts organisieren und sich um nichts kümmern. Einfach so Wollköpfe, Abfall, richtig nutzlose Existenzen ohne Richtung und Motivation. Vielleicht gibt es solche Leute, aber meine Erfahrung der Szene ist genau andersherum. Alle sind unglaublich involviert und aktiv. Es gibt keine beschissene Generation X, es gibt eine Star Wars Generation.

Bark Psychosis, die Band in der du gespielt hast kenne ich nur vom Hörensagen.

Ja, aber selbst ausgehend von Bark Psychosis, was Stimmungen oder Gefühle betrifft, gibt es eine Konstante, etwas Lineares. Man kommt irgendwann zu dem Punkt, an dem man sich sagt: Warte mal. Musik ist kein zerebraler, analytischer Prozess, auch wenn man durch eine Menge von Analysen geht wenn man einen Track produziert, aber die Frage die bleibt ist: Fühlt sich das gut an, does this fucking run, ist das nun rolling oder was, und diese Art Instinkt hat mich die ganze Zeit über angetrieben, durch jede Art von Musik die ich gemacht habe, Musik für die ich mit 16 die Schule verlassen habe, weil sie das war was ich immer tun wollte. Alles. Acht einhalb Jahre verdammter Armut nur weil man dem folgt, bei seinen eigenen Waffen bleibt, und sich nicht darum kümmert was andere denken. Als die Band sich auflöste, und wir noch die Verpflichtung hatten auf dem Phoenix Festival aufzutreten, da habe ich mich entschlossen das mit einem Mixer, einem Keyboardplayer und einer Trompete zu machen und es waren die ersten Drum & Bass Tracks die so entstanden. Ich kannte die Gründe, die nächsten Schritte die ich gehen würde, und wurde dafür angegriffen, und werde es noch. Allerdings nie, und das gibt einem zu denken, von Leuten aus der Drum & Bass Szene. Von ihnen gab es nichts als Ermunterung und Enthusiasmus. Durch die Bank. Bukem, Groove, er besonders, und Fabio, Goldie, Doc Scott, Ed und Trace, Fierce, Photek, alle waren sehr hilfsbereit. Auch Leute wie Brian G.

Hattest du damit gerechnet?

Nein, und ich rechne damit immer noch nicht. Viele Producer waren von mir erstaunt, und DJ’s auch, aber für mich ist es einfach nur mein kleiner Beitrag für die Szene. Das ist alles. Es ist kein: “Hey, seht mal her, ich bin Mr.Drum’n’Bass Ding”. Nicht die Frage danach wer das Business ruled. Es ist nur mein kleiner Blickwinkel. Und für mich ist es, obwohl natürlich jeder ein Individuum ist in der Szene, was auch gesund ist, und der einzige Weg vorwärts, ein kollektives Ding. Es ist wie einen Wolkenkratzer bauen. Jeder baut seine kleinen Stücke dran, und dann kommt jemand wie Dillinja, und setzt eine ganze neue Etage drauf, mit allem was dazugehört, das Ding ist einfach auf einmal fertig, und jemand anders setzt vielleicht nur eine neue Tür ein, oder was auch immer, aber es ist alles wichtig. Von den großen Dingen bis hin zu den kleinsten, unsichbarsten. Das ist das Kollektive an Drum and Bass. Man macht mit um es am Laufen zu halten, weil man sich wirklich um das Ganze kümmert, man kommt nicht als Fan dazu. Man hat die Tatsache zu beweisen, daß Drum and Bass in vieler Hinsicht aufrecht ist. Bei der LP kann man einige Tracks sehr gut im Club spielen, andere werden wohl weniger gespielt, aber es zeigt den Leuten, daß die Musik verdammt ernst ist, daß es uns ernst ist, und daß sie in 20 Jahren immer noch da sein wird, und man dann auf uns zurückblicken wird, das irgendwie ehren wird, so wie man heute auf 60er/50er Jahre Jazz zurückblickt. Es ist eine Mission. Ich weiß, daß ich etwas beweisen muß. So habe ich mich immer gefühlt. Seitdem ich die Schule verlassen habe. Es war immer im Hintergrund, daß mich die Leute dissen, daß ich härter arbeiten muß als andere, diese Geschichte. Jedenfalls ist nichts fertig, auch wenn ich an der LP so hart gearbeitet habe wie ich konnte, und damit glücklich bin, aber es ist immer noch ein langer Weg. Um so mehr bin ich überrascht über die Ermutigungen. Ich habe mich nie an irgendwelche DJ’s rangewagt. Der einzige auf den ich zugegangen bin war Grooverider. Er und Fabio bekommen alle neuen Tracks von mir.

Grooverider und Fabio sind eben recht wichtig.

Recht wichtig? Sie sind die Dons. Zwischen ihnen steckt die ganze Balance der Dinge. Sie sind eine tödliche Kombination, sie decken das Ganze ab, und das ist genau das worüber ich rede. Was mich vermutlich am meißten beeinflußt hat bei der LP ist, daß ich wollte daß sie so klingt wie sie, das sie sie reflektiert, daß sie die Leute an die verdammten Fabio und Grooverider erinnert. Leute haben mir vorgeworfen in einer Rockband zu sein, daß ich kein Drum’n’Bass machen könnte, aber so ist es nicht. Ich mag verschiedenste Sachen, Nick Drake, Miles Davies, Can, sehr, Kraftwerk, den verdammten Gil Scott Heron, George Clinton, King Tubby und Joy Division. Oder was auch immer. Die Band in der ich war machte ziemlich improvisierte Musik, harte Tracks, softe, es waren keine Songs und Rock war es auch nicht. Ich war eh der Techniker, und so war es eher eine Art logical Progression. (lacht). Es war nicht so daß ich eines morgens aufwachte und mir sagte: scheiße, ok, drum and bass, breakbeat, das muß ich machen. Ich sitze hier nur wegen all dem was ich vorher gemacht habe.

Drum’n’Bass ist aber natürlich grade stark formulierte Musik, etwas das sich eingrenzt grade weil es sich entwickelt.

Das ist eins der Dinge die ich an Drum’n’Bass am meisten mag. Die Einschränkungen. In dem Sinne, daß es dir eine Struktur gibt, einen Rahmen in dem man arbeiten kann. Mit der Band wollte ich viele verschiedene Richtungen ausforschen, hatte aber keine Struktur. Und wenn man die Struktur kennt, und man kann man sofort sagen wer sie kennt, dann kannst du auf sie losgehen, und etwas aus ihr entstehen lassen. Es ist ein Rahmen gegen den man alles werfen kann, und es wird halten. Im Grunde bin ich Minimalist, ich mag es kleine Teile an etwas zu heften, kleine Vorschläge zu entwerfen, wie King Tubby. Aber ich werde mich deshalb nicht hinsetzen und irgendwelchen weichen weißen Reggea spielen. In dem man einen kleinen Anklang von etwas verwendet, werden einige davon gefangengenommen, andere werden es verpassen. Diese Art von Suggestion mag ich. Es ist wie Autos entwerfen. Man versucht sie immer schneller und smoother zu machen, sie irgendwie schnittig aussehen zu lassen und all das. Irgendwer kommt an und sagt: Ok, ich werde “different” sein. Ich mache viereckige Räder dran. Und ja, das ist “different”, niemand hat das bisher gemacht, aber es wird nicht laufen. Deshalb habe ich ein Problem mit solchen Einstellungen, weil solche Leute einfach nicht wissen womit sie dealen.

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Elektronische Lebensaspekte.