Modeselektor sind so etwas wie das andere Ich von Bpitch. Vertrackt und verfrickelt, harsch und laut, dann wieder leise und verspielt. Elektronika mit Hop anstatt IDM. Vielleicht. Obwohl sie erst zwei Maxis auf BPitch veröffentlicht haben, fühlt sich die Zukunft schon jetzt besser an. Zwei Powerbooks sei Dank.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 65

Bei Modeselektor geht dem Journalisten die Luft aus. Und man fragt sich, warum Zeitungen nicht aus Tapes bestehen. Und aus Video. Modeselektor muss man hören und sehen, nicht nur die Musik. Wenn sie erzählen, geht das kreuz und quer. Zeitsprünge, Anekdoten, Softwareprobleme und BPitch-Interna vermischen sich zu einer verwirrenden Selbstdarstellung. So verwirrend, spannend, kickend und gut wie ihre Platten. Mit “In Loving Memory” und “Death Medley” liegen zwei EPs auf dem Tisch, die zwischen brachial übersteuertem HipHop, den Trompeten von Jericho, 8-Bit Rap und dem immer präsenten Mittelfinger BPitch eine völlig neue Soundkomponente hinzufügen. Gerade zurück von einer Schweiz-Tour erzählen die beiden Modelesektors, wie alles begann, warum es so ist, wie es ist, warum Apparat von Shitkatapult eine Softwarefirma ist, von Equipmentschlepperei und warum es manchmal gut ist, erst jahrelang nur live zu spielen und erst dann Platten rauszubringen. O-Ton ab.

DEBUG:
Fangt doch bitte vorne an. Wie hat alles angefangen mit Modeselektor?
GERNOT:
Ich war vierzehn. Damals bin ich am Wochenende immer aus dem Fenster geklettert, hab mich aufs Fahrrad gesetzt und bin nach Rüdersdorf gefahren, ins Zementwerk. 1992 fanden da immer Technoparties statt. Da hat Szary damals aufgelegt. So hab ich Techno kennengelernt. UR und so. Aber auch Sachen wie µ-zig. 1996 habe ich diesen DJ dann wieder gesehen. Da stand so ein Typ auf ’ner Baustelle. Mit Dreadlocks. Szary. Ich hab ihn gefragt, ob wir nicht zusammen mal Musik machen wollen. Und dann gings los.
SZARY:
Und dann haben wir Dub gemacht. Mit Space Echo und Sampler. Ich hatte 1992 angefangen mit der Musik. So ganz klassich mit 808 und 303. Acid. Richie Hawtin fanden damals ja sowieso alle geil. ’94 war dann plötzlich eine Plattenpresse da und ich hab ein paar Whitelabels gepresst. “Seilscheinwerfer 000001”. Liegen alle noch zu Hause. Damals hatte ich noch ein anderes Projekt: Fundametal Nowledge …
GERNOT:
Und nebenher haben wir an HipHop-Tracks gearbeitet. Mit ganz viel Space Echo.
SZARY:
Da kommt ja auch der Name her. An diesem Gerät gibt es so einen Schalter … den Mode Selektor.
GERNOT:
Das zog sich so drei Jahre und 1999 haben wir dann angefangen mit den Grafikern der Pfadfinderei die regelmäßigen Abenden im Berliner Kurvenstar hier um die Ecke zu machen und ganz eng zusammengearbeitet. Labstyle. Wir haben aufgelegt und die Pfadfinder haben die Flyer und Visuals gemacht. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, eng zusammenarbeiten. Das ist genau wie hier im Bpitch-Haus. Das ist ein ganz eigener Kiez. Oben das Büro, dann hier auf dieser Etage unser Studio und Sascha Funkes Studio, im ersten Stock die Pfadfinderei. Wie im Dorf. Naja, also jede Woche Labstyle. Auflegen oder live spielen. Das Auflegen hatten wir dann irgendwann satt und haben nur noch live gespielt.
SZARY:
Was ein unglaublicher Aufwand war. Wir sind immer mit Handwagen losgezogen, wo das ganze Zeug drin war. Wahnsinn. Und das irgendwie ständig, ohne je ein Stück veröffentlicht zu haben. Das kam dann erst später, weil Gernot so einen Schwager hat, der mal bei der RIAS-Bigband Saxophon gespielt hat. Die hatten dann so Projekte wie die “Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot” oder die “Links-sentimentalen Transportarbeiterfreunde”…
GERNOT:
Andere Welt, komplett. Ein Haufen Musiker, die halt so irgendwie, ne? Also so halt. Man weiß es nicht genau. Und für die Kurkapelle durften wir dann einen Remix machen. Für 100 Mark und drei CDs. Dieser Remix war das erste Mode Selektor-Stück. Anfang 1999.
SZARY:
Ich hab zu der Zeit in einem Jugendclub in Köpenick ein Tonstudio geleitet. Da gab es auch mehrere Compilations und logischerweise hab ich da auch immer diverse Mode Selektor-Stücke draufgepackt.
GERNOT:
So frech. Da ackern die Kids in dem Club an Tracks und am Ende sind drei Stücke von uns drauf. Einfach so. Und dann kam Ellen und hat uns gefragt, ob wir hier im Haus nicht einen Raum haben wollten und auch was veröffentlichen wollen. Das war 2000. Damals haben wir auch für Scorn und Anti-Pop Consortium den Support gemacht, alles wurde so ein bisschen konkreter, aber als Ellen nach Stücken für eine konkrete Platte gefragt hat … das war schon komisch. 2000 war so ein Jahr.
SZARY:
Genau. Da war dann auch klar irgendwann: Wir machen das auf Bpitch. Und haben angefangen, wirklich für die erste Maxi Stücke fertig zu machen.
GERNOT:
Und aufzunehmen. Das war auch irgendwie neu. Hatten wir vorher kaum gemacht.
SZARY:
War gut, ein Ziel vor Augen zu haben. Wie macht man aus einer Liveband eine Platte?
GERNOT:
Alle Kabel hier im Studio sind auf Gigs zusammengeklaut. Klare Sache.

Our House in the Middle of the Mitte

DEBUG:
Wie wichtig ist das Haus hier?
GERNOT:
Extrem wichtig. Natürlich kann es auch nerven, wenn man wirklich was arbeiten will und ständig Leute reinplatzen. Aber wir machen das ja nicht anders. Bei den Pfadfindern platzen wir dafür immer in Meetings rein und merken nicht, dass wir gerade eher stören. Aber prinzipiell ist das super. Blöd war nur, als Ellen gerade “Stadtkind” rausgebracht hatte und ständig Interviews geben musste und unser Klo auch noch das Bpitch-Klo war und Szary hier gerade über Wochen eine Postrockband aufgenommen hat. Sah eklig aus hier damals. Rocker rauchen ja und trinken Bier und sind laut. Da waren die Bpitchs sauer. Glaub ich. Auf jeden Fall wollten sie uns den Raum kündigen.

DEBUG:
Und sonst? So eine Situation hat man ja nicht oft, dass Büro und Studios so eng beieinander sind.
GERNOT:
Das ist total angenehm. Wenn wir hier nachts sitzen, kommen oft die Pfadfinder dazu und machen ihren Kram, ertragen die Loops, hören einfach zu und kommentieren sofort. Wann hat man sonst so einen direkten Austausch? Perfekt.
SZARY:
Der Hackesche Markt ist zwar total touristisch, aber wir haben uns hier so einen Kiez im Kiez erhalten. Ein zweites Zuhause. Aber wir haben im Studio noch nie geschlafen.
GERNOT:
Doch, ich hab hier schon geschlafen.
SZARY:
Echt?
GERNOT:
Doch, da bin ich auf der Tastatur eingeschlafen und die Alt-Taste ist an meiner Stirn kleben geblieben. Egal, wenn man mal für ein paar Tage weg ist, dann merkt man erst, wie wichtig das ist, so eine Homebase, wo man jeden Tag hingeht zum arbeiten.
SZARY:
Aber dann gab es wirklich die erste Platte. “In Loving Memory”. Auf schwarzem Vinyl, soll am besten klingen. Hab ich gehört.
GERNOT:
Für die Platten machen wir es immer so, dass wir zwei Stücke zusammen machen und jeder noch eins für sich.
SZARY:
Wir spielen uns ewig Ideen und Skizzen vor. Und wenn der eine dann genug hat, geht er runter in die Pfadfinderei und surft im Netz. Wenn er dann wieder hochkommt, hat der andere die Idee meist wieder verworfen und ist schon ganz woanders. In Gernots Fall meistens, weil der Rechner abgestürzt ist und er nichts abgespeichert hat.
GERNOT:
Arsch. Aber egal. Die Stücke für “In Loving Memory” haben schon so drei Monate gebraucht. Wir werden einfach nie fertig, sitzen noch zwei Stunden vor dem Mastern im Studio und kürzen. Kurz zuvor war ein guter Freund von uns gestorben. Die E.P. ist ihm gewidmet. Deshalb ist die auch viel melancholischer und trauriger als die neue “Death Medley”. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich die Platte höre. Geht einem ja oft so, dass bei bestimmten Platten so der Geruch aus der Zeit plötzlich wieder da ist. Die zweite Platte ist da schon eher verwirrend.
SZARY:
Als wir die aufgenommen haben, hatte ich ganz schlimm die Nase voll von Elektronika …
GERNOT:
Der ist sogar in die Apotheke gegangen und hat gefragt, ob es ein Medikament gegen Elektronika gibt …
SZARY:
Ich war einfach genervt. Man kann das Rad nicht neu erfinden und nur versuchen, so unterschiedliche neue Sachen aufzugreifen. Alles rougher zu machen. So ging das dann auch viel schneller. Wo es auf der nächsten Platte hingeht, wissen wir noch gar nicht.
GERNOT:
Zumal jetzt ja erstmal die “Moderat” erscheint. Das sind wir und Apparat/ Sascha Ring.
SZARY:
Apparat ist eh ganz wichtig. Wir gehen zusammen auf Tour und Sascha ist sowas wie unser technischer Support. Wir benutzen die gleiche Software, so ein Max-Patch. Da gibt es einen 8-Spur-Sequenzer, der mittlwerweile komplett auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist.
GERNOT:
Und immer, wenn wir Ideen für Änderungen haben, sagen wir das Sascha, der daraufhin kurz verschwindet, aus der Ferne hört man dann ein Powerbook angehen und acht Stunden später ruft er an und alles ist fertig. Und jetzt ist dieser Support zum gemeinsamen Projekt mutiert. Wir tauschen Files und machen so Tracks fertig. Vier sind’s mittlerweile, die kommen auf die Platte. Das Live-Spielen zusammen funktioniert wunderbar. Wir haben so einen Ethernet-Hub auf der Bühne, über den unsere Rechner gesynced sind, wer Master ist, wird vorher ausgelost, und dann geht’s los. Wir lernen viel von ihm und umgekehrt. Er kommt aus Sachsen und wir aus Preußen … na ja.

DEBUG:
Und wann kommt das Album?
GERNOT:
Soll die Bpitch 80 werden. Mal gucken, ob das klappt.

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Elektronische Lebensaspekte.