BPitch Control ist längst nicht mehr das Label von Ellen Allien, sondern das Label um Ellen Allien. Wie Techno im Kollektiv viel gewinnender aus allen kreativen Rohren sprudeln kann, führt im Moment niemand so beispielhaft vor wie der "Ameisenhaufen", dessen aktuelle Compilation so programmatisch und berechtigt wie selten "Gemeinsam" heißt.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 65

Zusammen und gemeinsam haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Zusammen ist man, oder irgendwie, vor allem aber bleibt man irgendwo stehen. Gemeinsam macht man etwas. Im Fall unserer kleinen Homestory über Wesen und Kollektiv von BPitch Control, dem Berliner Label und mehr rings um Ellen Allien und all denen, die mit BPitch etwas gemeinsam machen, macht man eben z.B. eine Compilation, die ”Gemeinsam” heißt. Und besser könnte das nicht passen.

Gegenüber vom BPitch-Office liegt eins der letzten Häuser mit Einschusslöchern in ganz Berlin. Begänne es irgendwann nachts einem im Vorbeilaufen zu erzählen, dass früher alles besser war, man würde es ihm zwischen Sisley, Starbucks und Hackeschen Höfen, zwischen Touribussen und generell (trotz Wirtschaftskrise der Stadt) immer ohnmächtigerem Mittegefasel trotzdem glauben. Was um alles in der Welt hat BPitch eigentlich dahin verschlagen, wo wir einen der Hauptschauplätze der Gegenidentifikation vermuten, den Punkt, woran man in Berlin sofort erkennt, wer auf der richtigen Seite steht und wer in Mitte macht?

Nachdem Ellen das Büro sinnvoller Weise aus ihrem Zuhause ausgelagert hatte, zog BPitch unters Dach in ein Gebäude, in dem damals das Casino war, Technoclub par excellence für ein neues Berlin-Brandenburg, Cookies war auch eine Weile da, Style also. Und BPitch hatte viel Platz für wenig Geld. Berlin halt, wie es war. Klar dass sie mit TokTok als Artists und sich selbst als einer der langjährigen Lieblings-DJs der Ravekids dort nicht nur BPitch-Abende rockte, sondern ringsum in den als Studios vermieteten Räumen neben Sascha Funke, Codec von den Pfadfindern und Nomad ein Umfeld fand, in dem man anfing, sich ständig über den Weg zu laufen und eine Art richtiger Crew zu werden. Der ehemals quirlige Komplex mit Halfpipe ist jetzt eine Investitionsruine mit Bocciabahn und Feinkostrestauration, Quadratkilometern leerer Bürofläche und drittklassigen Kunstbetrieben, sieht aus wie aus Nürnberg hergebeamt und nennt sich Multimediahölle Milchfabrik irgendwas.

Techno unter Denkmalschutz

Die Pfadfinder, die zunächst mal scheinbar nur die Cover für BPitch Control machten, hatten sich derweil, clever, in ein dezent schrottreifes Haus unter Denkmalschutz in Mitte eingemietet, schließlich verdienen sie ihre Brötchen ja auch mit Graphikaufträgen, sammelten mit Christopher einen unglaublichen Live-Video-Vektorenthusiasten ein und begannen nebenher auch noch mit eigenen Veranstaltungen, Labland, die Welt der strangeren Geräusche und Beats zu rocken. Da Honza, der für die Cover zuständig war, zuweilen mit scharf konzentriertem Blick an den Buchstaben vorbei hinter die Deadline, wie Graphiker eben so sind, Ellen obendrein nun fast schon so lange kannte wie Critzla, Ellen aus der todzusanierenden Mitte raus musste mit einem mittlerweile schon richtig groß gewordenen Pool von Artists, bot sich das Haus und die Nähe zur bereitgestellten Vision an.

Nach und nach schob man sich unter Freunden die leeren Räume zu. Nun stecken unter einem Dach: Pfadfinder, Sascha Funke, Modeselektor und Kiki mit ihren Studios und das Office von BPitch. Weitere Ausdehnung ist immer geplant. Das BPitchoffice, die BPitch-Gemeinschaft, ist eigentlich gar kein Plattenlabel. Auch wenn es das sehr professionell tut. Sondern eine Ansammlung von Office, Studio und Agentursituationen, die grade deshalb keine festen typischen Strukturen hat, sondern eine feste Offenheit, in der jeder trotzdem einen Platz hat und mit den Sachen, die er darüber hinaus für sich noch tut, eine weitere Öffnung schafft. Sascha Funke sagt dazu Ameisenhaufen. Ellen und Honza sagen, dass sie im letzten Jahr eher nach ”innen” gearbeitet haben, sich strukturiert haben, dichter geworden und grade damit die Individualität und Vielseitigkeit der einzelnen Projekte gesteigert haben. Was nicht zuletzt auf Grund der festen Label-Crew mit Benita und Hanna endlich so funktioniert, wie es für ein Label notwendig ist, das so wächst wie BPitch. Und vielleicht steigt grade deshalb nicht nur in Deutschland die Popularität des Labels, sondern, auch auf Grund der immer internationaleren Vernetzung mit Leuten wie Feadz aus Paris oder Kero aus Detroit, aber auch wegen dieser ineinander übergreifenden Komplexe von DJ-Auftritten von Ellen, zu denen sie gerne andere der Crew mitnimmt oder gleich allein hinschickt, oder von Apparat, der gerne mit Modeselektor tourt und zusammenspielt als Moderat, die Pfadfinder, die man als Livevideo einfach mitnehmen muss (weil sie nebenher einer der besten Videoacts des Landes sind), wenn es die in dieser Hinsicht immer zuerst sparende, etwas marode Clubsituation erlaubt usw …

Kaffee ja, Starbucks nein

Kaum ein Label hat, grade auch wegen seiner musikalischen Bandbreite, die Stadt so im Griff, ohne dass sie darunter leiden könnte, wie BPitch: Clubabende im Tresor, WMF, früher im Casino, feste Abende von Sascha Funke und Kiki im Sternradio oder in der Panoramabar, Live-Auftritte der breakigeren Posse in sämtlichen kleineren Clubs der Stadt, vom Bastard bis ich weiß nicht wo. Und natürlich die fast ubiquitären Visuals. BPitch ist überall, und dennoch stehen die einzelnen Acts immer auch für sich, während sie gleichzeitig das Label repräsentieren. Eine Zeitlang schien man nicht mehr ausgehen zu können, ohne diese abgeschnitten 80er T-Shirts aus der BPitch “Modelinie” zu sehen. Man dachte schon, die müssen irgendwo ein Nest haben. Haben sie. Eine Graphik oder Wortidee wird von Ellen vermutlich beim Kaffee (es herrscht strenger Starbucks-Boykott am Hackeschen Markt, selbstverständlich) an Honza übergeben, wandert zwei Stockwerke tiefer durch die Rechner und kommt wieder als noch zu entwickelnder und reduzierter gebrochener Ansatz einer tatsächlichen Modelinie, die die Cover reflektiert, aber nicht propagiert, und langsam beginnt man auch über die Stofflichkeit nachzudenken, über das T-Shirt hinaus, man wird erwachsen, über exklusivere Produktion, aber das ist nur ein Nebenfaden.

Früher stand BPitch in Berlin, aber vermutlich auch sonst wo, für Techno. Nicht die resolute Hardliner-Art, nicht die Scheuklappenvariante, denn Ellen war schon immer ein viel zu vielseitiger DJ, und ihre Acts, selbst am Anfang, definitiv nichts weniger als Schranz. ”Das Einzigartige an BPitch ist auch, das Ellen als Labelchef immer ein offenes Ohr hat“, sagt Sascha (nicht Apparat), der die technoidere Seite des Labels und der Demos durchscannt und mit Ellen überlegt und vorsiebt, was dort erscheinen könnte. Eine der vielen Dinge, die man für andere tut, die dazugehören, ohne definiert zu sein als Job, die aber dennoch die Struktur der Gemeinschaft, des Kollektivs (wie auch eine 12″ Serie auf BPitch heißt) ausmacht. Man beeinflusst sich, ohne gegenseitig eine vorgezeichnete Linie zu verfolgen, lässt Einflüsse kommen, verarbeitet sie ohne direkteres Ziel als die direkte Möglichkeit zum Ausdruck und den Spaß an der Musik und kann auch kurzentschlossen etwas vorantreiben. Immer mit dem soliden Fundament, dass das Ganze auch tragen kann, selbst wenn die Zeiten mal eher schwierig aussehen für Musik und alles andere, was Geld kostet.

Man zehrt auch ein wenig von diesem “Früher”. Und schafft es trotzdem sehr gut, die Idee von BPitch immer wieder selber umzudeuten. Denn seit einer ganzen Weile schon machen BPitch unter dem Banner Boogie Bytes immer breakigere Dinge, Platten, Abende, Reflektionen der Vektoren, Harddisk-Musik, DSP-Grunge, Elektro fern von aber auch mit einem Echo einer kurzen Retrophase, ohne dass das zu einem Graben führen würde, zur Sektion mit grader Bassdrum, die auch jetzt noch alles andere als typisch Techno ist. Sascha Funkes eigenwillig glückliche Melodiefunkwelt, die auch Kalkbrenners eher angetrancte Peaktimetechno-Sounds immer stärker beeinflusst (vermutlich gilt das auch andersrum), Trikes solide übernächtigte Eleganz, die discoide Eigenwilligkeit von Kiki oder Hausmeisters Extravaganzas. Dazwischen irgendwo Feadz mit Hiphop-Schulung und Silvie Marx Frankfurter Hal9000-Lofi-Beatboxmelodien, Keros Satantechno verbreakt knuddeliger Darkness, und schon ist man wieder auf der anderen Seite, ohne dass man den Übergang gemerkt hätte, bei der Supergroup Modeselektor, dem strangen Wahn von Alex Amoon, der Postrockwärme von TimTim oder eben den Retroslammern mit Charme und mehr von Eedio oder Smash TV. (Ich hab bestimmt jemand vergessen, sorry, ah, klar, Ellen z.B., verdammt). Und selbst wenn man eine Seite forcieren muss, die andere trägt sie nicht nur so gut sie kann mit, sondern verwischt die Grenzen, ohne die Zuständigkeiten aufzulösen oder den Blick für die immer stärkeren einzelnen Acts zu verlieren, die sich in diesem Umfeld selber auch ständig und gerne neu definieren. BPitch steht nicht für ein Genre, sondern für eine Haltung, für Freundschaften, lose und enge Zusammenhänge, räumliche Nähe und was man damit anstellen kann, aber auch wie man sie ausdehnt, sich vernetzt, ohne sich einfangen zu lassen, Gitter und Vektoren baut, in denen sich Dinge vorantreiben lassen, die gemeinsam Spaß machen und wichtig sind, und wie man sich gemeinsam verändern kann und trotzdem vorwärts kommt.

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Elektronische Lebensaspekte.