Was ist das Friedrichshain? DIY Techno Punk. Ellen Allien, verantwortlich für das Berliner Label und die Partyserie BPitch Control, erklärt, warum die Posse alles ist, nicht der Hype, und warum es immer noch der beste Weg ist, alles zusammen zu machen.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 43

BpitchControl / Ellen Allien

Ellen Allien hatte Glück. Gleich mehrmals, aber Glück verdient man sich ja auch. Und falls man es nicht gerade braucht, kann man es auch in die Tasche stecken und für später aufheben. Aber zurück. ’87/’88 wohnte sie in London und wurde vom S’Express überrollt. Die Acid-House Summer of Love-Bombe ging direkt vor ihren Füßen los, sie brauchte nur aufzuspringen und mit zu fliegen. Wie Münchhausen. Seitdem gehört sie der Glaubensgemeinschaft “Techno” an. Ellen sagt aber lieber “elektronische Tanzmusik”. Das beweist nur, wie vorsichtig und unverzagt idealistisch sie mit dem alten Bekennerbegriff weiterhin umgeht. Zurück in West-Berlin ’89 entdeckt sie die Unverbrauchtheit der anderen Stadtseite hinterm Fernsehturm. Mittendrin im technoiden Sturm und Drang kostet Ellen die unbegrenzten Möglichkeiten aus, die sich hinter Techno in Gesamt-Berlin verbergen. Und mittendrin meint bei Ellen auch inmitten dabei. Vom Deejayen in Berliner Clubs wie Fischlabor, Bunker, Elektro und Tresor über die eigene Radiosendung “Brain Candy” beim Jugendsender KissFM bis zur Gründung ihres eigenen Labels “BPitch Control” Anfang ’99 verfolgt sie seitdem Techno als einen autonomen Do-it-yourself-Mikrokosmos, der sich zudem als ganzheitliches Lebensmodell versteht. Ellen sagt, Techno ist Punk; allerdings ohne dessen Konfrontationsgestus zu brauchen. Der Kampf, der bei Punk nach außen geht, wird in der Lebenswelt von Techno autark. Bei BPitch Control konkret wird die Kontrolle über die materiellen Produktionsbedingungen in den eigenen Händen gehalten: Es wird versucht, möglichst alle Entfremdungen zwischen Artist, Label und Konsument niedrig zu halten. Die Orientierung am eigenen Lebensumfeld, hier Berlin, ist genau so wichtig wie die symbolische Politik der eigenen BPitch-Control-Parties.
Das Internet hat sich für Ellen bei ihrer Arbeit als Labelchefin und DJ zu einer Form von Basisdemokratie (“all Power to the People”) entwickelt. Beim Eingeben und Abrufen von Messages fallen die Mittler weg, unter dem Motto: “Ich bin da der Herr der Information.” – Ellen sagt gleichmütig “Herr” und meint sich. In der elektronischen Musik 2000 muss sie weder als Riot Grrl Front machen noch emphatisch “Techno” rufen. Frau kann als “Herr” “Abstract Fun-Listening” auflegen und sich über die Gewissheit freuen, dass der Geist von Techno sich so entspannt durchgesetzt hat wie nie, es hört sich nur anders an.
Sich vom alten Technocommunity-Geist nicht trennen zu wollen, bedeutet bei Ellen aber eben nicht, an den ursprünglichen musikalischen Formeln festzuhalten. Gerade mit BPitch Control wird das musikalische Spektrum auch um alles Andere um Techno herum erweitert. Wo man wieder beim Übergang zu “Elektronischer Musik” als Definition für BPitch Control wäre.
Differenz und Prägnanz für das eigene Label sind Ellen wichtig: Jeder einzelne Track sollte den ganzen Abend prägen können. Aber die Musik des eigenen Labels würde sie nie über andere stellen, da draußen sind genug Ohren, damit Westbam, Paul van Dyk und BPitch Control nebeneinander bestehen können. Ellen dazu: “Jeder Ton hat seine Berechtigung, denn jeder Ton macht was mit den Menschen, egal von wem er stammt.” Auf BPitch Control stammen die Töne hauptsächlich von Paul db+ Kalkbrenner, Tok Tok, Sascha Funke, Trike, Djoker Daan, White Dolemite und Ellen selbst. So sehr die BPitch-Protagonisten die Technogeschichte einer Stadt teilen, so unterschiedlich sind mittlerweile ihre Umsetzungen dieser Erfahrung. Aber genau um die Freiheit der einzelnen, aus deren Vorliebe für “Punching Line Housetech” bis Breakbeatbearbeitungen sich ein offenes Puzzle der elektronischen Musikwelt ergänzt, geht es BPitch Control. Individuelles Ausdifferenzieren, aber auf kontrolliertem Qualitätsniveau, dafür sorgt Ellen schon. “Ich will nicht, dass mein Label als Techno klassifiziert wird. Der Begriff ist mittlerweile zu eng. Bloß nicht immer den gleichen Style fahren, dazu mag ich selbst viel zu viele verschiedene Musikarten. BPitch ist ein Kanal für mich. Es ist gut, wenn jeder Künstler für sich steht. Das Label soll ein unabhängiges Sprachrohr für junge Künstler sein, aber mit strenger DJ-Qualitätskontrolle.” DJ-Kontrolle, denn auf BPitch weigert sich Ellen, auch nach zehn Jahren Techno bis zur Neige die Gleichung Techno = Party zu verabschieden. Für jeden Spaß außerhalb der Party hat sie gerade frisch das 7Inch-Label “Zimmer” gestartet. Vom Rave über den Club ins “Zimmer” und vor allem auch zurück. Ellen wird Techno nie verlassen, Techno erweitert sich nur unter ihrem sanften Druck. Straighter Weg. Und Ellen steht immer unter Strom. Demnächst erscheint im Ellens erstes Studioalbum ‘Stadtkind’. Wir warten.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.