Text: mercedes bunz & mc looney tunes aus De:Bug 26

Mit “Breakbeat Era” schlägt Pop als Utopie zurück. Definitiv stellt das Drum and Bass-Album von Roni Size, DJ Die und Sängerin Leonie Laws die musikalischen Ordnungen, die man so gewohnt ist, auf den Kopf. Was zum Teufel, fragt man sich, ist das für ein eigenartiges Album, das man da vor sich hat? Klar, es ist Drum and Bass, es sind Stücke, die in die Clubs gehören. Aber es ist auch Pop, zumindest was den Gesang von Leonie Laws betrifft, deren soulige Stimme ganz klassisch Strophen und Refrains durch die Musik hindurchzieht. Ungewöhnlich also, denn in der grossen weiten Welt des Musikmarktes sieht man sich heutzutage zwei Spielwiesen gegenüber, die dieses wahnsinnige Album vollkommen neu gegeneinander ausspielt. Wir erklären das. Denn in der Musik ist es so: Eine knatschbunte Spielwiese ist gross und verkaufsstark, produziert die Hits und Images. Die andere trägt Kapuzenpullis und ist klein, in viele Felder unterteilt, hat Fans, die immer auch Kenner sind und immer auch mehr von der Musik wollen, als sich einfach nur berieseln zu lassen. Hits vs. Underground. Die Geschichte dieser zwei Felder wird normalerweise so erzählt: Underground produziert sugergute Musik, neues, hippes Hipsterzeug, allerdings gemeinhin schwierige Liebhabermusik, die deshalb auch in Nischen wohnt. Hitland dagegen ist gross und überall, easy, leicht und eingängig, man bekommt eine Menge Kohle, um sich coole Autos kaufen zu können, agiert dafür aber mit lauter Menschen, die nicht meinen, was sie sagen. Die Grenze zwischen diesen beiden Ländern kann als die aufmerksam beobachteste und bestbewachteste gelten. Das Übertreten der Grenzen von U nach H oder umgekehrt wird gemeinhin durch den Ruf: “Ausverkauf!” oder – umgekehrt – durch die Kündigung des lukrativen Majorlabelvertrags sanktioniert. Denn im Allgemeinen wird das Verhältnis von Hitland zu Underground und zurück so entworfen: Underground gilt als das Entwicklungszentrum neuer, progressiver Stile, die sorgsam von der Basis zum Leben erweckt und gepflegt werden. Sobald die Medien bemerken, dass sich im Underground was tut, posaunen sie es überall aus, davon leben sie, bis es schliesslich selbst Hitland zu Ohren kommt. Hitland macht sich sofort auf, solange das Eisen noch heiss ist, klaut den sorgsam entwickelten Musikstyle und schleppt ihn in grosse Studioburgen, wo er so lange verhört wird, bis er klein beigibt und in einer nice and easy eingängigen Version wieder ausgespuckt werden kann. Das ist Achse eins. COVERENDE Achse zwei besteht darin, dass beide Länder im Grunde genommen konstant auf die Besitztümer des anderen schielen. Das klassische Beobachtungsdilemma. So sieht sich Underground als die bessere, weil ehrlichere Musik mit dem sinnvolleren Weltentwurf. Der alleine verpflichtet schon dazu, ihn in die Welt hinaus zu treiben, um möglichst viele Hörer zu verzücken: Nämlich die vielen Hörer, die Hitland gehören und über dessen Vertriebsstrukturen erreicht werden können. Hitland dagegen kann sich andererseits auf keinen Fall darauf berufen, einfach nur tolle Hits produzieren zu können. Denn music is always to your heart, und die Hörer wollen schon eine Message, eine Geschichte, ein verwurzeltes Image, das ihnen irgendwas gibt. Identifikation am besten! Weshalb abgehalfterte, superreiche Hiphopstars immernoch darauf bestehen, Musik for the Ghetto zu produzieren. We are real, man! This is the Dawn of a New Era! Das muss allerdings nicht so sein. Nicht immer, wie Breakbeat Era zeigt. Ja, wir kehren endlich zum konkreten Fall zurück. Auch bei Drum and Bass, klarerweise aus der Sektion Underground kommend, sorgsam auf Raves und in kleinen Clubs gepflegt, verschrien, trotzdem geliebt und in kleinen Stückzahlen gehalten, konnte man von Anfang an die Angst vor dem Ausverkauf spüren. Die lebte vor allem in einem Wort: “Vocal-Drum and Bass”. Vocal-Drum and Bass stand bislang für das Gefügigmachen der guten undergroundigen Clubmusik mit Hilfe eines eingängigen Hookline-Gesangs. Hitlandgefügig sozusagen. Mit “Breakbeat Era” kommt nun jedoch alles anders. Denn diese Platte voller Hits, die man anderen Leuten unbedingt laut ins Ohr singen muss, pickt sich nicht einfach Sachen aus einem Genre heraus, um sie easy allgemeingültig zu machen, sondern treibt das Genre Drum and Bass soweit, dass es selbst von dem Letzten verstanden werden kann. Es ist kein Versuch des Hauses Reprazent, Hits zu landen, es ist der Versuch, mit Drum and Bass neue Grenzen zu erreichen, ohne dabei das Genre zu verlassen, zu verraten oder zu verkaufen. Als abstraktes Modell verstanden, ruft diese Platte eine neue Utopie aus. Die formuliert, wie es sein könnte, wenn man sich nicht von den Grossen einschüchtern lässt, sondern anständig und clever darauf beharrt, relevant zu sein. Denn, was oft vergessen wird: Nicht nur Hitland klaut sich neue Energien aus dem Underground, schon immer hat es auch eine Tradition gegeben, sich Hitland zurück und rückwärts anzueignen. Das Video zu “Breakbeat Era” kann also geradezu als Gleichnis verstanden werden. Denn darin findet sich Leonie Laws als Hologramm in einem bourgeoisen englischen Pub, der Hitland symbolisieren könnte. Sie singt vor lauter langweiligen Menschen, als plötzlich Roni Size mit seiner Bande wie ein mafiaartiges Überfallkomando auftaucht, Leonie klaut und mit ihr davonfährt. Dieses Video bildet im Grunde genommen ab, dass es anders kommen kann, als alle denken. Denn dieses Mal ist es nicht so, dass sich Hitland Drum and Bass geschnappt und mit ein paar easy Vocals versehen hat, sondern es ist Drum and Bass, der sich von Hitland die Vocals zurückgeklaut hat. Und dann ist da natürlich der Style von Leonie Laws; diese Art zu singen und dabei die Bedeutung in den Hintergrund zu schieben, ohne sie zu vergessen. Ein entscheidender Grund, warum es dieses eine Mal überhaupt so gut geklappt hat! Mit Leonie Laws traf sich MC Looney Tunes, eine Frau vom Fach also. Aus den Kriegstagebüchern Die einzigen Brocken deutscher Sprache, an die sich Engländer dank unzähliger Kriegsfilme erinnern können, sind militärische Befehle. Und weil sich Wehr-Rituale auch in meinen Körper eingeschrieben haben, stehe ich unwillkürlich stramm, als mich eine Frau mit unendlich langen Beinen, Entschuldigung – ich meinte: mit unendlich langen Haaren – zackig auf Deutsch mit britischem Akzent fragt “Wo gibt ess hierr was zu frrressen? Schnell, schnell!” “Jawoll!” entfährt es mir unwillkürlich, und ich will gerade losmarschieren, als mich dieselbe Person grinsend fragt: “Do you want something to drink?”. Ich starre zurück, ihr Blick sagt: “Antworte!” Ich entspanne mich. Wieso bin ich noch mal hier? Ach ja, ich soll ein Interview mit Leonie Laws, der Sängerin von Breakbeat Era, machen. “Yes, thank you!” antworte ich erleichtert. Nachdem sie ihren Manager ein Getränk für mich holen lässt, bringt sie ihn auch noch dazu, die Hälfte seiner Zigarettenpackung für mich abzudrücken. Ganz offensichtlich hat sie ihre Leute im Griff… Mich erst mal auch, bis sie mich auf eine Bank setzt. “Also was willst du mich fragen?”, beginnt sie offensiv. “Äh-äh-äh.” Angesichts solcher Präsenz muss ich mich erst einmal sammeln. Als sie mir später erzählt, wie sie aufgewachsen ist, wird mir einiges klar: ” Ich war ein ‘Militärkind’. Mein Vater war bei der Airforce, wir haben lange Zeit in Kenia gelebt und sind oft umgezogen. Mein Vater hat viel klassische Musik gehört, die ich immer ziemlich langweilig fand. Bis er mich eines Tages zu einem Konzert von ‘Tristan und Isolde’ mitgenommen hat. Das fand ich extrem beeindruckend. Meine Mutter war eine Opernsängerin.” Und nach einem kurzen Grinsen fügt sie hinzu: “Amateur-Opernsängerin!” Soviel zur Vergangeheit. Aber wie kam es zur Zusammenarbeit mit Roni Size? “Ich habe Musik in meinem Schlafzimmer gemacht, wie alle. Irgendwann habe ich einen eigenen Song mit Gitarrenbegleitung gemacht. Darauf habe ich, wie ich fand, sehr gut gesungen und ihn auf ein Demotape aufgenommen.Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder etwas so Gutes singen werde! Naja, das Tape habe ich dann einem Freund gegeben, der mich dann Roni Size vorgestellt hat. Wir sind dann Ronis Studio gegangen, haben eine Session gemacht und dabei den ‘Breakbeat Era’-Song aufgenommen.” So einfach geht das. Und woher kam der Text? “Den habe ich right there and then geschrieben, in einer halben Stunde. Wenn man inspiriert ist, fällt das leicht! Wir haben das Stück geschrieben und auf einem lokalen Label veröffentlicht. Obwohl es eigentlich nur ein kleiner Song war, waren total viele Leute daran interessiert. Und dann kamen die Plattenfirmen nach Bristol und haben an die Tür geklopft. Das kam natürlich durch Roni, aber es hat mir die Möglichkeit gegeben, meine Musik zu machen und eine Menge Props zu sammeln. Wir haben uns dann für das Label von The Prodigy, XL Records, entschieden. Da gab es zwar nicht so viel Geld, aber dafür konnten wir ein Album machen.” Pop, ein Virus aus der Innenwelt Bis es tatsächlich dazu kam, gingen aber ersteinmal einige Jahre ins Land. Nachdem “Breakbeat Era” 1996 auf der “Music Box”-Compilation von Full Cycle erschienen war, gab es eine Pause, während der Leonie ihr zweites Kind zur Welt brachte und mit unterschiedlichen Musikern zusammenarbeitete. Roni Size zog “Reprazent” aus der Zaubertüte und brachte das Album mit seiner “Reprazent”-Tour live auf die Bühne. Ein Schritt, der nicht nur “Breakbeat Era” den Weg ebnete und ein neues Publikum für Drum and Bass erschloss. Laws: “Nach den Konzerten sind Leute zu mir gekommen, die meinten, dass sie sonst keinen Drum and Bass mögen, aber unser Konzert total klasse fanden.” Eine Entwicklung, die vielen Drum and Bass-Puristen immer noch wie ein aufgeblasener Frosch im Hals stecken dürfte. Offen bleibt, ob “Reprazent” nur ein kurzes Räuspern der Clubkultur war und, so als sei nichts geschehen, auf unabsehbare Zeit mit abgespeckten Vocal-Sample- oder Instrumental-Versionen weitergemacht wird, oder ob das Prinzip “Pop” nun den Dancefloor auf heimtückische Weise infiziert hat. Nach dem Motto: “Now that you suffer from our desease, you understand me” (“Our Desease”). Leonie Laws bezieht sich in ihren Texten nicht, wie noch MC Dynamite bei “Brown Paper Bag”, auf die Musik, den Partykontext oder die mythische Macht des Rhythmus. “Jemand hat mir mal gesagt: Schreib über das, was du kennst. Ich schreibe Texte über ziemlich normale Dinge, um andere Menschen zu berühren.” Anders als die meisten MCs singt sie nicht über die Party, das Geschehen vor Ort und die geheimen Kräfte des Djs, sondern konfrontiert Drum and Bass mit dem Rest der Welt. Obwohl sie einräumt, dass sich einzelne Sätze bei der Sinngebung oftmals dem Flow unterordnen müssen und die Bedeutung dabei sekundär ist, bleiben ihre Texte trotz Burroughs’scher “Cut-up”-Methode durch die Einfachheit der Worte immer verständlich. Ihre Herangehensweise wird bei der Betrachtung ihres Backgrounds deutlich: “Ich habe alle möglichen Dinge gemacht. Ich tanze sehr gerne zu Dance-Music, habe früher, als ich noch Traveller war und von Party zu Party gezogen bin, auch selbst Parties organisiert. Aber Singen hatte damals noch nichts damit zu tun, war davon getrennt. Vielleicht lege ich mich wegen der verschiedenen musikalischen Einflüsse auch heute noch nicht fest. Ich bin wie Roni: Offen für alles! Ich habe als Teenie bei Pre-Punk angefangen, dann kam New Romantic, und ich mag nach wie vor Popmusik. Roni würde mich allerdings für diese Aussage umbringen! Aber für mich ist Popmusik etwas, das catchy ist, etwas, wo man mitgeht und singt. Manchmal denke ich, was wir machen ist 21st Century Pop. Denn aufgrund des Gesangs ist es nicht wirklich Drum and Bass in seiner klassischen Form, sondern in einem neuen Stil.” In diesem zukunftsweisenden Modell sieht Leonie Laws sich selbst weniger in der üblichen Rolle der catchy singenden Front-Frau, sondern in der eines MCs; also als Vermittlerin zwischen Musik und Publikum. Doch muss man wohl dazusagen, dass sie weit über übliches MCing hinausgeht: Ihre Stimme und ihre Präsenz haben die Drum and Bass-Floors mit dem Pop-Virus infiziert. Und der könnte in diesem Falle ausnahmsweise mal heilsam sein!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.