Pressefotos mit Gemüse
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 143

Brennan Green arbeitet an der Erweiterung von Disco in scheinbar unmögliche Gefilde und genauso eigensinnig betreibt der DJ und Produzent auch sein Label Chinatown. Außer dem Schriftzug gibt es kein Artwork, statt Pressebildern der Künstler serviert Green Menüfotos aus dem Chinarestaurant. Im Interview erklärt er, warum das alles trotzdem nicht als unkonventionell bezeichnet werden kann.

Brennan Green lässt sich nicht festlegen. Der New Yorker, der mit seinem Label Chinatown vor einigen Jahren sein eigenes Paralleluniversum eröffnet hat, in dem es von aus der Zeit gefallenen, eigenwilligen Disco- und House-Kleinoden nur so wimmelt, gehört zu der Gruppe von DJs und Produzenten, die von Disco kommend ihre Arme in so ziemlich alle Richtungen weit geöffnet haben. Und bei denen Musikalität und Funktionalismus auf dem Dancefloor sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Platten von Brennan Green sind keine DJ-Tools im heute gängigen Sinn. Als Produzenten scheint ihn die Peaktime nicht sonderlich zu interessieren, aber auch als DJ hat er eine Peaktime-Definition, mit der er hierzulande trotz House-Renaissance nicht unbedingt offene Clubtüren einrennt.

Dementsprechend kann man die jährlichen Deutschland-Gigs von Brennan Green, der seine ersten Platten Anfang der Nuller Jahre auf Daniel Wangs Liebhaber-Label Balihu veröffentlicht hat, leider an einer Hand abzählen. Trotzdem gehört er gemeinsam mit “Beats in Space”-Macher Tim Sweeney, der DFA-Records-Blase um James Murphy und LCD Soundsystem oder Labels wie Wurst Edits (auf dem er auch veröffentlicht) und Runaways On The Prowl zu den Aushängeschildern der international agierenden Disco-affinen New Yorker Szene. Wir haben mit ihm über die Verantwortung und Verpflichtungen, die das DJ- und Produzentendasein mit sich bringen, gesprochen.

Debug: Bevor du angefangen hast aufzulegen, warst du da eher Tänzer oder Trainspotter?

Brennan Green: Tänzer! Daran dürfte es doch eigentlich keine Zweifel geben.

Debug: Du hast einen sehr weit gefassten, eklektischen Musikgeschmack. Etwas, das sich sowohl in deinen DJ-Sets als auch in deinen Produktionen wiederfindet. Wo kommt diese Offenheit her? Gab es jemanden, der dich schon früh für Musik als Ganzes begeistert hat?

Brennan Green: Durch meine Mutter, aber auch meinen Vater und meine ältere Schwester habe ich in meiner Kindheit sehr viel unterschiedliches Zeug gehört. Ich habe immer gesagt, dass man, wenn man als Musikhörer reift und erwachsen wird, in jeder Art von Musik etwas finden kann, das einen berührt. Und wenn es nur eine Minute ist. Neben meiner Familie gab es nicht die eine Person, die mir Musik auf eine bestimmte Weise näher gebracht hat, aber ich sehe es als meine Verantwortung, als DJ genau diese Person für andere zu sein.

Debug: Vor ein paar Monaten habe ich ein Interview mit Mary Anne Hobbs geführt, in dem wir unsere ersten Hörerfahrungen mit David Bowie und The Sugarcubes ausgetauscht haben. Wir waren uns nicht sicher, ob wir nun mögen, was wir da hören, oder nicht. Weil es so anders klang, was gleichzeitig natürlich den Reiz an ihrer Musik ausgemacht hat. Hast du solche Erlebnisse noch? Dass du einen Song hörst, der seine Geheimnisse nicht sofort offenbart, den du nicht direkt einordnen und durchdringen kannst?

Brennan Green: Das passiert nur noch sehr selten. Wofür es zwei Gründe geben könnte. Entweder ich kenne fast alle musikalischen Tricks und Kniffe, was sehr unwahrscheinlich ist, oder aber es gibt nicht so viele Künstler, die ein solches Maß an künstlerischer Finesse mitbringen. Und lass mir dir eins sagen, dieses Geschäft verlangt genau das, ein gewisses Maß an Finesse.

Debug: Du hast Bands wie Stereolab oder Tortoise als Musik-Forscher bezeichnet. Was genau meinst du damit und siehst du dich auch als Forscher – für den Dancefloor vielleicht?

Brennan Green: Künstler wie Stereolab und Tortoise schaffen es, einem ohne viel Aufregung ziemlich faszinierende musikalische Details und Texturen unterzujubeln. Bei ihnen finde ich genau das, was du vorhin beschrieben hast. Es gibt in ihrer Musik Schichten, die man nicht sofort wahrnimmt oder die sich einem nicht sofort erschließen. Dafür muss man ihre Platten schon öfter hören. Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Tortoise und Stereolab verschieben die klanglichen, musikalischen und rhythmischen Grenzen so stark, das es einen eigentlich überfordern müsste, aber irgendwie schaffen sie es, dass es trotzdem angenehm klingt. Als Künstler ist es deine Verantwortung, für die Menschen, die sich die Zeit für deine Musik nehmen, etwas Neues, Frisches zu kreieren. Du produzierst ja nicht in einem Vakuum. Mit der Zeit habe ich gelernt, mir meine Erfahrungen, die ich in all den Jahren als DJ gemacht habe, zu Herzen zu nehmen. Ich habe gesehen, wie die unterschiedlichsten Kulturen auf die selbe Plattentasche reagieren. Anstatt gegen Dinge, die funktionieren anzukämpfen, nur um sich abzuheben und um anders zu sein, versuche ich einfach, diese Erfahrungen mit meiner eigenen Handschrift in meine Produktionen zu übertragen, Funktionalität hat viele Gesichter.

Debug: Aber Funktionalität scheint dich als Produzenten nicht wirklich zu interessieren, zumindest nicht die gängigen, konventionellen Formeln.

Brennan Green: Wen nennst du hier unkonventionell? Ich glaube nicht, dass ich jemals diese Eintscheidung getroffen habe. Ich hatte gar nicht genug Kontrolle über das, was ich mache, als dass ich zwei Mal dasselbe hätte machen können. Ich versuche schon lange, so etwas wie eine eigene Formel zu entwickeln, zumindest als Blaupause für etwas Neues. Aber wenn du konstant neue Dinge lernst, wie kannst du dann an einem Rezept hängen bleiben? Du brauchst nicht eine Formel, du brauchst viele davon. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich schnell langweile, wenn ich mich wiederhole.

Debug: Angesichts der Masse an sehr ähnlichen Platten, die Woche für Woche rauskommen: Ist es einfacher geworden, sich als Produzent abzuheben? Auch wenn der Preis im Zweifelsfall der ist, dass man seine Rechnungen nicht bezahlen kann.

Brennan Green: Ja, ich denke es ist dadurch einfacher. Aber Dinge entwickeln sich dann auch viel langsamer. Es ist wichtig, dass du dir selbst treu bleibst. Ich wohne in New York, hier kann man gut beobachten, wie Trends in schneller Abfolge kommen und gehen, von hier aus einmal um die Welt wandern und dann vergessen werden. Aber es macht gleichzeitig Spaß, den Zeiten zuzuhören. Es gibt immer etwas, das man dabei lernen kann.

Brennan Green, “My First House”, ist auf Wurst Edits/Groove Attack erschienen.
40 Thieves, “Turn It Off”, ist auf Chinatown Records erschienen.

http://www.myspace.com/chinatown

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.