Stefan Heidenreich über architektonische Ikonen
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 130


Bombay Taj, 27.11.2008 / CCTV Fire 9.2.2009

Dass Häuser fürs Bild gebaut werden, dass sie zu Ikonen werden, nicht nur und unbedingt Architektur sind, sondern visuelle Monumente, ist eine offenbar zirkuläre Theorie. Zirkulär in dem Sinn: eine Theorie, die mal gilt und mal wieder geht, jeweils in die Rhetorik ihrer Zeit verpackt. Und es ist eine Theorie, die gebaut wird. Manche Häuser sehen wie unverwechselbare Bildhintergründe aus, andere sträuben sich gegen die Effekte der Wiedererkennbarkeit.

Die Theorie zeigt sich im Gewicht des Ornaments oder in dessen Ablehnung. Oder in der Ignoranz der Funktion gegenüber ihrer Dominanz. Touristen werden mit der gebauten Kulisse glücklich. Sie fahren an den verbauten Ort und lichten sich vor den bekannten Mauern, Säulen, Hallen oder Straßenzügen ab. Architektur als volkstümliches bildgebendes Verfahren. Aber mehr und mehr werden auch die populären Bilder beweglich. Und für die bewegliche Welt der medialen Bilder genügt das einfache Bauwerk nicht mehr.

An Stelle der beständigen Architektur werden Ereignisse nachgefragt. Man war nicht mehr einfach wo, sondern man war dort zu einem bestimmten Zeitpunkt, man hat einen Punkt in der Raumzeit besetzt. Ein Ereignis. Das stürzt das stillstehende Gebäude und damit die ikonische Architektur in eine visuelle Krise. Das Haus muss sich als Schauspiel oder Spektakel zeigen, um in der Welt der Videos wirklich ikonische Bedeutung zu behaupten.

Das gebaute Ereignis. Ein paar Jahre werden wir wohl noch warten müssen, bis Häuser großflächig mit Leuchtelementen verkleidet und damit selbst zum Video werden. Bis dahin bleibt das ultimative häusliche Ereignis das Aufgehen des Hauses in Flammen. In einem ganz steinzeitlichen Sinn als vom Feuer verzehrter Stein.

So wie Architektur zum Ikon der Fotografie geworden sind, wird das brennende Haus für eine Weile zum ultimativen Ikon des Videos. (Ich weiß nicht warum, aber beim Betrachten und Bedenken der brennenden Häuser ist’s mir auf einmal so recht Virilio’sch zumut geworden, um’s ein wenig romantisch auszudrücken.)

Und weiter: Das brennende Haus gibt es in verschiedenen Ausführungen. Und zwar recht unabhängig von seinem Aussehen. Das Feuer verschlingt die Architektur. Es inspiziert das Haus in seiner Funktion, in seinem Gebrauch, in seiner Situation oder in seinem Kontext. Daher haben wir auf der einen Seite reine Spektakel der Zerstörung und auf der anderen Menetekel eher politischer Art. Manche Flammen produzieren Bedeutung, andere nur Wärme. Manche Brände werden gestiftet – eigentlich ein schönes Wort für den Zusammenhang. Andere brechen aus.

Der Brand im Hotel neben dem CCTV-Tower ist ausgebrochen. Und zwar wegen eines illegalen Feuerwerks zum chinesischen neuen Jahr. Aber das Haus verglüht nicht ganz bedeutungslos. Es wirft sein Licht auf eine Ikone der Architektur. Aber die Ikone spricht nicht zu uns. Anders das Taj-Hotel in Bombay. Der Brand nach dem Anschlag ruft zur Vergeltung. Und er ruft uns in Erinnerung, das brennende Häuser schon zu mehr als einem unsinnigen Krieg geführt haben. Vorsicht vor der Architektur als Ereignis.

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Elektronische Lebensaspekte.