Text: Hans Christian Dany aus De:Bug 16

Future Light – Lounge Proposal, Musik zum Sehen Brian Eno, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn Hans Christian Dany hcdany@compuserve.com Auf der Anzeige für die Ausstellung blickt Brian Eno glücklich durch eine Digcam. Das Objektiv ist auf den Betrachter gerichtet und scheint sich für die Welt zu interessieren. Vom New-Age-Nebel, durch den Eno die letzten Jahren im Kreis irrte, ist außer dem grauen Hintergrund nichts zu bemerken. Da Menschen, die sich gern bewegen, schon mal ein paar Jahre auf fragwürdigen Wolken abtreiben, schienen Enos Esoterik-lastige-Parfüm als Treppe zum Selbst-Ausflüge nicht ausweglos. Bei der Vorfreude auf seine erste Museumsausstellung in Deutschland hätte mir auffallen könne, daß sie an einem Ort stattfand, der ungefähr so hässlich ist, wie sein Name: der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Das Gebäude sieht so aus, als habe der Architekt beim ‘Fang den Hut’-Spielen etwas schreckliches erlebte und versucht, diesen Traum durch einen gigantischen Nachbau des Spielbretts zu bewältigen. Ob Eno was schlimmes als Kind erlebt hat, weiß ich nicht, aber letztlich läuft ja immer was schief. Ende der 60er Jahre formulierte der in diesem Jahr 50 gewordene, “ein Weg, Dinge zu erreichen, ist, den Verstand des Hörers auszulösen, indem man lieber eine Landschaft macht, als Leute zu leiten”. Das von dem Vorsatz in dieser Architektur wenig übrig bleiben würde schien klar, doch hatte das kaum was mit dem Ort zu tun. Vielleicht ist Eno als Kind auch so was passiert wie mir, als ich kostümiert in die Kindermusikschule ging, es aber gar keinen Fasching gab. Der als Realität genommene Wunsch wird zum Alptraum, wenn man drei Stunden geschminkt auf seinem Zylophon herumklopfen muß. Eno verkleidete sich anfang der 70er Jahre auch gern, kam mit seiner Deplaziertheit aber besser zurecht und machte mit ‘Roxy Music’ interessantere Musik. Auch scheinen es weniger ökonomische Motive gewesen zu sein, aus denen er ständig seinen Beruf wechselte. Außer als Sänger, Songwriter, Produzent, Theoretiker, Tagebuchschreiber, Professor, Kurator, tauchte Eno seit Ende der Siebziger Jahre regelmäßig als Künstler in Galerien und Museen auf. Für nicht Industrie-gängige Produktionen gründete er sein eigenes Label ‘Obscure’, hatte aber auch keine Probleme ‘U2’ zu produzieren. Die groß angekündigte Ausstellung in Bonn entpuppt sich als kleine Installation in einem Kellerraum gegenüber den Toiletten. Hinter der Tür tapst man in einen stockdunklen Raum. Ein sicherheitshalber eingestellter Aufseher nimmt einen an die Hand und führt einen um die Ecke, wo es etwas schummriger ist. Die Silhoutten von Menschen auf Stuhlreihen sind zu erkennen. Mit ausgestreckten Händen ertaste ich mir auch einem Stuhl. Man, wie im Kino. Anstelle einer Leinwand gibt es eine Art Bühne, auf der ein Stück gegeben wird, indem die Darsteller, sowas wie dekonstruktive Lichtarchitektur-Elemente, einem das Gegenteil der Situation vorführen wollen. Um einen Stein ist sowas wie Katzenstreu verteilt. Knallbunte Dias mit in Fotomaterial gekratzten Mustern aus Strichmänchen und anderen Archiaismen werden auf new-wave-mäßig angeschrägte und auf die Seite gekippte Quadrate projeziert. Das sieht ein wenig wie gerahmtes und illuminiertes Geschenkpapier aus. Enos Stimme raunt zu einer mit Bedeutung aus allen Löchern brummenden Orgel was von “Mum” und erzeugt im Raum mit seinem Lounge-Vorschlag erfurchtsvoll bis peinlich berührte Stille. In den Geschichtsfetzen gehen Menschen im Kreis und begegnen sich selbst. Eine an Picasso erinnernde Vase wechselt als Computergraphik ihre Farbe. Um keinen der Standarte auszulassen, variiert ein Fadenkreuz seine Form. Während das Lichtspiel pittoresk auf den dahingewürfelten Teilen und verschiedenen sich nicht miteinander verbindenen Ebenen sinndampfend vor sich hinblubbert, fällt mir auf, wie unbequem der Stuhl ist. Ich überlege, ob die Menschen irgendwann auf Theater und Kino verzichten werden, weil es so ungesund ist, in eine Richtung zu starren. Ich stelle mir ein Kino vor, in dem man auf Gymnastikbällen vor einer kreisrunden Leinwand sitzt. Das zukünftige Licht könnte viele Formen haben, aber wohl kaum das einer Bühne, der man gegenüber sitzt. 28.8. bis 8.11.1998 Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn ZITAT: Enos Stimme raunt was von “Mum” und erzeugt im Raum mit seinem Lounge-Vorschlag erfurchtsvoll bis peinlich berührte Stille.

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Elektronische Lebensaspekte.