Der lange Schatten von Garage-House. Für David Duriez und sein Label Brique Rouge kein Problem. Der klassische Garage-Ansatz und eine Liebe für explizite frühe Chicago-Tracks wird mit einem techigen Groove unterfüttert, bis das Alte mit dem Neuen gutgelaunt durchs Zimmer bouncen. "...and from this Groove came the Groove of all Grooves."
Text: jan joswig aus De:Bug 63

Haschziegel und Techgarage
Brique Rouge/David Duriez

Große Ereignisse werfen ihre teerschwarzen Schatten voraus? Es kribbelt und juckt in den feinsten Spürnasen? Nicht in diesem Fall. Vielleicht liegt es daran, dass das Neue so territorial verzweigt, unabgesprochen und unprogrammatisch seine Kraftlinien erst einmal sichtbar kreuzen musste, um als so etwas wie ein definierbarer Stil erkennbar zu werden. Das Neue? Der dritte Weg in der House-Musik. Kein Minimalfunk, keine Maximaldisco, sondern die Rückbesinnung auf die radikal verschütteten Garage-Tugenden der Prä-Guiliani-Ära in New York. Als fett nicht prollig meinte und Funk kein Micro-Präfix brauchte. Wo kreuzen sich die Linien? In Frankreich, ausgerechnet, dem Filterpfuhl, beim Label von Llorca und David Duriez, Brique Rouge. Der Labelkatalog, mittlerweile bei Nummer 22 inklusive dreier CD-Sampler angelangt, umspannt ein internationales Künstlerpaket, das vor allem durch ein Schnürbenzel zusammengehalten wird: Wir überlassen Garage nicht Mousse T, Kings of Tomorrow, Cassius et al, und selbst Blaze könnten sich mal wieder zusammenreißen. Garage ist nicht Discobass plus zwangseuphorisierter Gesang, Garage is a Way of Life. Ein Way of Life, der einen knallhart entpatriisiert, statt einem das gemachte (Ästhetik-)Bett zu präsentieren, der einem die Haare vom Kopf frisst (Duriez) oder einen zwingt, den Rasierer zu verpfänden (Llorca). Ein besessenes Festhalten an alten Paradise Garage-, Loft- und Warehouse-Mythen, deren Sounds nicht in der 25-sten Modernisierung – geschuldet der heiligen Kuh Innovation – bis zur Unkenntlichkeit verjüngt werden müssen, die viel eher für Nostalgiker – die zukunftsausgerichtete Variante, versteht sich – slightly tech-getuned werden. Der Effekt ist, äh, killing. Ein Sprung statt eines Mäuseschritts. Ein Sprung, zu dem sich rund um die (vernetze) Welt geschubst wird, freundschaftlich, klar. Aus Kanada, USA, Skandinavien, England, Frankreich wird von Mazi, Dan Balis, Ralph Lawson, Yann Fontaine, Martin Venetjoki, Jori Hulkonnen etc. an etwas gearbeitet, das wir, ja wie nur nennen? Ein Terminus, ein Königreich für einen Terminus. Schmeißen wir mal “Techgarage” in die Runde. Alles, wovor Minimalhouse immer den Schwanz eingezogen hat: voluminöse Bässe, voluminöse Stimmen, voluminöse Sentiments, damit wedelt diese Techgarage wuchtig umher. Und erweckt dabei einen ermüdeten Nerv, der sich schon damit abgefunden hatte, dass durch das Nadelör zwischen slickem Hedonistengrinsen und erst um die dritte Ecke entsteifter Experimentalseriosität kein House-Kamel (jenseits von Einzelphänomenen wie Akufen) mehr passen würde. Pustekuchen, juchei.

David Duriez ist Franzose. Er ist aber auch Houseproduzent und DJ. Als Houseproduzent fällt es nicht gerade leicht, Franzose zu sein. House, das wird unter Gentlemen als selbstveständlich vorausgesetzt, hat nichts mit dem Filter-Pop-Crap von Modjo, David Guetta, Demon, Galleon etc. zu tun. Frankreich sieht das ganz ungentlemenlike anders und sperrt sich lange, Duriez als einen seiner Söhne wahrzunehmen. Der Weg von gezielt favorisierter Radiomuzak mit 13 über John Carpenter-Soundtracks bis zum aktiven Houseliebhaber führt Duriez also direkt in die Isolation, ins Ghetto. Und zu dem Zwang, ein eigenes Label zu gründen, Brique Rouge. Der französische House-Kuchen teilt sich auf – völlig unparitätisch – in traditionellen Deephouse um Straight Up, Playin’ 4 the City, DJ Deep, Jazz- und Fusiontüftler um Versatile, Chateau Flight, eine neu wachsende Techhouseszene mit Didier Sinclair, Dj Fex, Fire Music und das Weltkulturerbe Filterhouse. Für Brique Rouge, das befreundete Robsoul von Phil Weeks und die Minimalrocker Cabanne und Ark bleibt da nur ein Zipfelchen.

He, nun mal nicht so schwarz gemalt. Brique Rouge ist ein internationales Label mit Sitz in Frankreich. Kein französisches Label. Duriez hat vor Ort seine Buddies Phil Weeks, Dan Ghenacia, Djulz und Llorca. Und die Gewissheit, international mit seinen Solo-Produktionen und DJ-Sets, im Team mit Llorca als Maçons de la Musique und mit dem Label in immer besser ausgeleuchteter Sichtbarkeit an etwas zu arbeiten, das Filterhouse lange überleben wird.

Debug:
Du veröffentlichst seit acht Jahren für verschiedenste Label Platten. Jetzt ist dein erstes Album auf Carl Finlows 20:20 Vision angekündigt?

Duriez:
Angekündigt und dementiert, verschoben auf unabsehbare Zeit … Verfluchter Kampf mit diesen Alben. Zeit vergeht, mein Geschmack sich dreht. Komme ich zum Ende, überprüfe ich den Anfang, und? Der erste Track ist zuverlässig unbefriedigend. Also von vorne. Sysiphus ist ein Waisenknabe gegen mich.

Debug:
Der Künstlerstamm auf Brique Rouge ist programmatisch international. Aber du scheust dich nicht, an einigen der “French House Compilations” teilzuhaben. Ist es kein Problem für dich, in eine Szene gesogen zu werden, die sich national zu definieren versucht?

Duriez:
Seit Frankreich wahrgenommen hat, dass ich Franzose bin, nein! Ich habe meine Musik nie als Franzosenhouse deklariert. Aber wenn ich zum Beispiel von Distance zu ihrem Paris calling-Sampler eingeladen werde, sage ich zu. So kann ich beweisen, dass französischer House mehr ist als ein Klischee. Da ich nun mal Franzose bin, habe ich ein Anrecht auf ein Eckchen auf diesen CDs.

Debug:
Deine eigenen Produktionen arbeiten gern mit sehr verdichteten Drum- und Perkussionparts. Hast du eine Sampledatei mit New Yorker Tribalhouse von 92?

Duriez:
Mir ist Chicago 87 bis 93 viel wichtiger. Ich bin zwar DJ Pierre nach New York gefolgt mit seinem Wild Pitch-Stil. An einer New Yorker Tribalhousedatei bin ich aber immer vorbeigekommen. Ich sample viel, puzzle meine Tracks zusammen, aber ich benutze nie Loops, nur einzelne Zufallsschnipsel. Die setze ich an meinem PC mit einem Tracker zusammen. Herje, selbst was mein Equipment betrifft, stecke ich im Ghetto.

Debug:
Und mit der Coverästhetik der Brique Rouge-Sampler erst mal. Dieser fliegende Surrealistenbackstein sieht aus, als wärest du größter Fan von 70er-Pogrock, Pink Floyd, Genesis?

Duriez:
Der dritte Sampler wird noch viel schlimmer! Jep, ich bin großer Parteigänger von Pink Floyd, Cover-Kunst und Musik, aber beabsichtigt ist der Verweis nicht. Da hat mir unser Designer wohl was untergeschmuggelt …Ich habe den Backstein selbst fotografiert, er ist unser Labelmaskottchen. Manche denken allerdings, es wäre ein Brocken Haschisch.

http://www.briquerouge.com

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Elektronische Lebensaspekte.