Eigentlich würde man von einem Juristen, klassischen Komponisten, humanistischen Weltmusiker britisch-indischer Herkunft, der mit Sting und Sir Paul McCartney gearbeitet hat, nur verstiegenste Konzeptfusion im Namen des Herzensguten, moralisch Überlegenen und Totkultivierten erwarten. Aber nichts da. Nitin Sawhney hat mit "Human" ein Songwriteralbum geschaffen, das jeglichen Skeptizismus daniederspielt.
Text: Baas Doehler aus De:Bug 73

Nitin Sawhney

Für viele Briten sind die indischen Einwanderer und ihre Familien noch immer die braven Nachbarn, die kleine Läden oder Imbissbuden betreiben, Arbeiten verrichten, die sonst niemand tun mag, und nur mit sehr viel Glück Arzt oder Anwalt werden. Kulturell trauen sie ihnen ebenso wenig zu: Entweder sie tragen Turban und Sari oder sie vergnügen sich in lustigen Kostümen auf Bhangra-Parties.
Doch zu Beginn der 90er-Jahre wandelte sich dieses Bild. Die dritte Generation der Kinder der ImmigrantInnen begann auf ihre Weise um soziale, politische und kulturelle Anerkennung zu kämpfen. Den Anstoß für viele lieferte der junge Schriftsteller und Filmemacher Hanif Kureishi mit seinem Buch “The Buddha of Suburbia”, das 1990 erschien und in dessen Mittelpunkt einer von ihnen steht: ein junger Halbinder im Spannungsfeld zwischen Post-Kolonialismus, Gender-Race-Diskurs, Punk, Pop und Elternhaus. Auch Gurinder Chadha, die Regisseurin von “Kick it like Beckham”, begann in dieser Zeit erste Kurzfilme über den Alltag der British Asiens zu drehen. Andere griffen die schon Ende der siebziger Jahre begonnene Verschmelzung von Bhangra und Pop auf.
Die Vorreiter des Nu Asia Sounds waren vor allem die indischstämmigen DJs, Producer und MCs Londons. Als Melting Pot der Kulturen bot ihnen die Stadt dafür das ideale Experimentierfeld. Beeinflusst von Acid House, Jungle, klassisch indischer Musik und den Soundtracks der Bollywood-Filme, Musikern wie dem Sitar-Spieler Ananda Shankar oder dem Filmmusiker A.R. Rahmann, begannen sie die traditionelle Musik des Punjab, indischen und jamaikanischen Ragga mit britischen Club Tunes zu fusionieren, aber nicht ohne dabei die politische Dimension aus den Augen zu verlieren. Niemand nahm so recht Notiz von ihnen, bis 1994 die britisch-indischen HipHopper von Hustlers HC “Big Trouble in Little Asia” verkündeten und die Asian Dub Foundation sich mit ihrer Musik deutlich gegen den Rassismus der kleinen und großen Dinge positionierte. Zur gleichen Zeit begann Talvin Singh mit indischen Instrumenten und westeuropäischen Urban Beats zu experimentieren und initiierte im Londoner “Blue Note” die legendären “Anokha”-Nächte, Badmarsh & Shri koppelten Punjab Traditionals an Breakbeats, Ragga und Drum and Bass, Panjabi MC kreierte Ende der 90er Bhangra-2Step und Cornershop fusionierten Pop, Alternative Noise und klassische indische Musik, spielten Sitah und Dholki-Trommel, sangen neben Englisch in der Sprache des Punjab.

Das Beste aus zwei Welten

Auch Nitin Sawhney ist einer von ihnen, Kind indischstämmiger Einwanderer, 1964 geboren und aufgewachsen im Südosten Englands: in Rochester, einer der damaligen Hochburgen der National Front, keine Autostunde von London entfernt. Man fuhr links und wählte rechts. Sawhney bekam den offenen wie subtilen Rassismus und die alltägliche Diskriminierung als einziges Kind asiatischer Herkunft an seiner Schule rasch am eigenen Leib zu spüren. Und so tauchte er ein in seine eigene kleine Welt, die Musik, um ein paar Jahre später als Künstler zwischen klassisch indischer Musik, Jazz und Urban Beats, als Produzent und Remixer das Aufeinanderzugehen der Kulturen zu fördern.
Und doch teilt er heute das Problem vieler Nu Asia Musiker: die reflexhafte Einordnung und den Hype um den Asian Underground, die Ghettoisierung in einem Medienkonstrukt, die erneute Reduzierung auf die Herkunft. Deshalb beobachtet Sawhney aufmerksamer denn je die kulturellen Veränderungen, die die Musik der British Asiens sowohl in Großbritannien als auch weltweit bewirkt. Den Vorwurf Tjinder Singhs, Sänger der Band Cornershop, er würde sich mit exakt den Klischees verkaufen, die britisch-asiatische Musiker eigentlich hätten zerstören wollen, entkräftet Sawhney mit seinem neuen und mittlerweile sechsten Album “Human” einmal mehr.
Ein “British Asian” zu sein bedeutet für ihn, in beiden Kulturen zu Hause zu sein und deren besondere Qualitäten vorurteilsfrei aufzunehmen und zu etwas Neuem zu verschmelzen, etwas, das man auch Heimat nennen kann, etwas, das Identität stiftet. Die Texte auf “Human” erzählen davon: von seiner Kindheit, seiner Jugend, vom Erwachsenwerden, seinem Leben als British Asian, vom Weg zu dem, was heute ist. Sawhney fusioniert fern der mit Worldmusic und Asian Underground verbundenen Klischees östliche und westliche, alte und neue Traditionen: indischen Raag, Urban Beats, Brazil Dance, Latin House, HipHop-Loops, trippige Elektronika, Flamenco-Gitarren, epische Streicherarrangements und klassische indische Instrumente wie Flöte oder Swalin. Etwas, das seine Musik weder eindeutig indisch noch westeuropäisch klingen lässt, womit er genau den Raum schafft, in dem beide Kulturen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Und so führt das Album so verschiedene Musiker wie die Sängerinnen Natasha Atlas und Tina Grace, Matt Hayles von Aqualung, Kevin Mark Trail von The Streets, den Flötenvirtuosen Ronu Majumdar oder das 150-köpfige “South Indian Full Harmonic Orchestra” zusammen. “Someday I’ll become what I am meant to becoming to.” Nitin Sawhney weiß, wovon er spricht.

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Elektronische Lebensaspekte.