Das Elektronik-Label Warp zieht demnächst von Sheffield nach London um. Schon jetzt versucht man, Horizonte und Käuferschichten zu erweitern. Die Pop-Band Broadcast gehört sicherlich zu den wichtigsten Repräsentanten des kommenden neuen Warp-Sounds.
Text: sven von thülen aus De:Bug 33

/elektronika /indiepop STEREOLAB-SHIRTS STATT BLEEPS Warps neuer Indieact Broadcast Letztes Jahr durften mit Reinforced und Warp zwei der wohl einflussreichsten und stilbildensten europäischen Labels der Post-Acid-House-Phase ihr zehnjähriges Bestehen feiern, was auch beide ausgiebig und mit besonderen Parties und Compilation Veröffentlichungen taten. Aber während Reinforced mit Deadly Chambers of Sound einmal mehr klarstellten, warum sie im Drum and Bass Business nach wie vor eines der einflussreichsten und innovativsten Labels sind, indem sie weiterhin kompromisslos Beats spalten und synkopische, den tanzwütigen Körper herausfordernde Rhythmen auf die Welt loslassen, hat man sich bei Warp scheinbar vorgenommen, auch jenseits des Undergrounds zu einem angesehenen Label zu werden. Bleeps und Clongs sind raus, melancholische Loops und Indiefrickeleien sind drin. Mit Tortoise und Godspeed You Black Emperor ist man dabei, sich zwei grosse Fische an Land zu ziehen, die neue Käuferschichten auf Warp aufmerksam machen dürften.Demnächst steht wohl auch der Umzug von Sheffield nach London an, was zumindest in England definitiv einen gewissen Credibility-Verlust für Warp bedeuten dürfte. Raus aus der Provinz, rein in die Metropole. In der Höhle des Löwen winkt das Geld. Ob Warp es schafft, auch im Post Rock- bzw. Indie-Sektor eine ähnliche Rolle zu spielen wie bei der Etablierung von Techno und dessen experimentelleren Forschungsaufträgen, bleibt abzuwarten. Warps Erbe wird derweil von einer neuen Generation von Laptop- und DSP-Tüftlern weiter verwaltet und in neue Sphären getrieben. Aber wir schweifen ab. Neben Tortoise und Godspeed You Black Emperor zählen Broadcast aus Birmingham zum Dreierverbund des neuen Warp Sounds. Dass es in Birmingham eine funktionierende Musikszene gibt, dürfte mitlerweile bekannt sein. Broadcasts Labelmates Plone haben dort genauso ihre Zelte aufgeschlagen wie Surgeon, Pram oder die Spassvögel Bentley Rhythm Ace. Wo es prinzipiell wenig Berauschendes zu tun gibt, läuft man Menschen mit ähnlichen Interessen schnell über den Weg. So auch Broadcast, die sich in einem Club namens Senseteria zwischen drogeninduziertem Spacemen 3-Psychedelic-Rock und upliftendem Garage House kennenlernten und sich entschlossen, eine Band zu gründen. Bevor Broadcast bei Warp unterschrieben, veröffentlichten sie ein paar 7-Inches auf dem Stereolab-Label, was definitiv keine schlechte Verhandlungsbasis gewesen ist. Demzufolge gab es auch Anfragen von grösseren Majorlabels, die Broadcast signen wollten. “Wir entschieden uns für Warp, weil es für uns wie ein Gang zum College ist. Warp ist ein Platz, an dem wir viel lernen und uns entwickeln können. Dort haben wir auch die Freiheiten, genau das zu tun. Als wir die Leute von Warp getroffen haben, hatten sie gerade entschieden, ein wenig zu expandieren und ein paar grössere und ihrer Meinung nach interessante Bands aus anderen musikalischen Feldern zu signen. Natürlich hatten wir Zweifel, da Warp bis jetzt eher für eine ganz andere Musikrichtung stand. Aber als wir vor zwei Jahren unterschrieben, gab es keine ernstzunehmenden Konkurrenten, die für uns dasselbe hätten tun können wie Warp”, erzählen mir die vier einmütig. Spätestens mit der Veröffentlichung von Broadcasts Debut Album “The Noise made by People”, dessen Indiepopsongs sich mal bedrohlich, mal melancholisch in das Emotionszentrum des Hörers vortasten, hat sich das musikalische Gesicht von Warp wieder ein wenig verändert. Schon ihre limitierte 7 Inch “Echoes Answer” wartete mit zwei wunderschönen cinematographischen Skizzen für den sich ankündigenden Herbst und den drohenden Winter auf. Warme, leicht psychedelische Streicher-und Rückkopplungsorgien, ein durch ein paar Effektgeräte gejagtes Piano und eine freundlich melancholische Stimme, die von zugefrorenen Seen und zugeschneiten Waldwegen erzählt. Mit knapp drei Minuten hatte “Echoes Answer” genau die richtige Länge, um in einer besseren Welt in den Radios rauf und runter gespielt zu werden. Das durchweg positive Feedback, das Broadcast auf der Warp Geburtstags-Mini-Tour mit Plone und Plaid Ende letzten Jahres bekommen haben, hat den vieren gezeigt, dass es nicht automatisch zu Irritationen im Publikun kommen muss, wenn sie mit anderen Warp-Acts auftreten. “Es hat bis jetzt immer sehr gut funktioniert. Nur die Show mit Aphex Twin war ziemlich eigenartig,” erzählen die vier grinsend. Das kann passieren, wenn man mit dem passionierten Panzerfahrer auf die Bühne steigt.

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Elektronische Lebensaspekte.