Der Schwede Eric Wahlforss hat sich sein Powerbook auf den Rücken geschnallt und ist auf Reisen gegangen. Zurückgekommen ist er mit dem Donnerschlag schlechthin in einem informellen Feld, das zwischen den Labelsounds von Herberts Soundslike und Jazzanovas Sonar Kollektiv vermittelt.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 72

Wanderjahre sind Lehrjahre

Das Triptychon Uni – Arbeit – Kunst ist ein beliebtes Betätigungsfeld für Menschen mit Köpfen. Wenn dank Laptop die Mobilität steigt, übersteigt bei Forss Inspiration und Ideenreichtum das technische Fassungsvermögen des Tonträgers. Mit seinem Sabbatjahrergebnis “Soulhack” springt der Schwede Eric Wahlforss aka Forss einmalig mopsfidel im Sampledreieck der Informationsselektion und spielt im Sommer beim Montreaux-Jazzfestival seine Ode an das Powerbook:

“Ich hätte niemals Musik gemacht, wenn ich mein Powerbook nicht gekauft hätte. In meinem klaustrophobischen Studio bin ich verrückt geworden. Am Ende konnte ich kaum noch Musik produzieren. Inzwischen bin ich etwas gesetzter, was auch an der extremen Reise für mein Album liegt.”

Sample:
“2000 habe ich mein gesamtes Studio verkauft und davon ein Powerbook gekauft. Die Leute dachten, ich wäre verrückt. Am Anfang konnte ich damit gar nicht arbeiten. Ich war nie in der Laptopmusik, habe stattdessen eher traditionelle Produktionsweisen bevorzugt. Vor etwa sieben Jahren habe ich Samples für mich entdeckt. Jetzt verstehe ich, dass es einer bestimmten Mentalität bedarf, Samples zu nutzen. Es ist so etwas wie ein Instinkt, der die Dinge faken will. Synthesizer und komische Algorithmen passen oft besser zum Medium, aber ich konnte nie auf meinen Instinkt verzichten. Ich habe eine sehr große Samplebibliothek. Meistens höre ich mir die Samples nur an und lasse mich davon inspirieren. Manchmal schneide und bearbeite ich hunderte von Samples, ohne an einen Track zu denken. Manchmal mache ich das sogar absolut willkürlich, mit dem Lautstärkepegel auf Null. Später dann inspiriert mich das. Manchmal spiele ich auf dem Keyboard und bearbeite die Stücke dann immer zu Samples. Ich sample wirklich alles. Dabei erlege ich mir keine Regeln auf. Ich glaube, ich stehe von der Arbeitsweise her in der Mitte zwischen Herbert und DJ Shadow. Und mit dem Laptop ins Café zu gehen und nur zu hören und zu gucken, hilft auch sehr. Ständig habe ich Beats im Kopf. Das ist zu so etwas wie einem Problem geworden – vielleicht sogar eine physische Abhängigkeit. Darum mache ich jetzt eine Pause, eine Art Rehabilitation.”

Instinkt versus Komfort:
“Mit meinem Album versuche ich, meinen Instinkten zu folgen. Vor mehr als einem Jahr habe ich mich entschlossen, ein Album zu machen. Dann habe ich meinen Job gekündigt und bin zu einer ‘On the Road’-Reise durch Europa aufgebrochen. Im letzten Jahr bin ich etwa neun Monate gereist. Als ich im November zurückkam, waren 90 Prozent meines Albums fertig. Jetzt bin ich richtig froh darüber, mir Zeit genommen zu haben. Heutzutage ist es so leicht, vom Komfort vereinnahmt zu werden. Aber das führt zu Langeweile und Inspirationslosigkeit. Eigentlich habe ich versucht, daraus künstlerisch auszubrechen, indem ich mich in merkwürdige Situationen und an komische Plätze gebracht habe. Ich habe in Mailand auf der Straße geschlafen, mit dem Powerbook an meiner Brust. Als ich zum ersten Mal in Berlin war, bin ich meistens nachts unterwegs gewesen und habe gearbeitet. Es war so warm, dass man draußen sitzen konnte. Ich war in einigen Klubs unterwegs. Weil ich kein Geld hatte, habe ich nur Wasser mit Eiswürfeln getrunken.”

Indyfund:

“Im Jahr 2000 hat eine Gruppe von Künstlern, Aktivisten und Designern in Stockholm Indyfund gegründet. Das ist ein einzigartiges, internationales Fundraising-Projekt und Kontaktnetzwerk. Wir bedienen uns direkt demokratischer Prinzipien. Jedes Mitglied hat die gleichen Rechte. Indyfund wurde gegründet, um kontinuierlich und unbürokratisch kleine kulturelle Projekte zu fördern. 2001 wurde das Projekt von der schwedischen Zukunfts-Kultur-Stiftung gefördert. Meine Aufgabe und mein Anteil als einer der Co-Gründer des Projekts war es, das Webseitekonzept zu entwickeln. Jedes Mitglied zahlt eine Mitgliedgebühr von vier Euro im Monat. Die wird automatisch per Kreditkarte eingezogen. 95 Prozent des Erlöses landen im Projektfonds. Weitere Quellen wie Sponsorgelder ebenso. Die verbleibenden fünf Prozent werden benötigt, um die Verwaltung und Unterhaltung zu bezahlen. Als Indyfund-Mitglied kann man Projektbewerbungen veröffentlichen und realtime das Fondssystem beeinflussen, indem man für Projekte votiert. Auf der Grundlage der Voten werden die Gelder für die Projekte verteilt. Das zeitbasierte, demokratiegeleitete Fondssystem ist eine kritische Komponente von Indyfund. Es erlaubt Transparenz. Die Mitglieder können einen schnellen Überblick über die Entwicklung erhalten.”

Das Tryptichon:

“Ich arbeite an drei Dingen: akademischen, geschäftlichen und künstlerischen Aufgabenstellungen. Die Musik zähle ich zu meiner künstlerischen Arbeit. In akademischer Hinsicht arbeite ich gerade an einem Philosophie-Essay und an einer richtigen Ausbildung. Den Geschäftsfaktor bestreite ich mit Webprogrammierungen. Mein Album ist in diesem Kontext ein ‘One Shot’-Projekt. Viele Musiker – auch gute – bekommen heute ihre 15-Minuten-Berühmtheit und danach verschwinden sie in der Versenkung. Viele Popmusiker, die mich inspiriert haben, haben genau das erfahren: Sie haben etwas sehr Gutes zur richtigen Zeit getan, haben Anerkennung erhalten und sind dann aus der Mode gekommen. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn genau das mit mir passieren würde.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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