Kabuki bewegt sich zwischen seinen diversen musikalischen Vorlieben genauso unangestrengt hin und her wie zwischen seinen beiden Wohnorten Tokio und Frankfurt. Auf einer CD vereint, kann man sein Wandeln zwischen Drum and Bass, Reggae und Broken Beats jetzt nachzeichnen.Das Debütalbum als Compilation. Und ab!
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 81

Lost in Programming – Neee! – Iiineee!!
Kabuki

Jan Hennig aka Kabuki schleudert seine Tracks zwischen Peaktimebrett und Rhythm/Sound-Reggae-Variation haarscharf am musikalischen Glückstrauma vorbei, mittendrin in Drum and Bass und Broken Beats. Und das trotz oder gerade weil echte Kabuki-Tracks stets so aufgeräumt klingen. In ihrer gewienerten Klarheit und vornehm erfrischenden Eleganz könnte so manches Stück sogar als Unterrichtsmaterial für angehende Produzenten dienen. Jetzt kommt das alles kompakt als “Signal to noise”: eine illustre Runde von Tracks und Songs, die man kennt und schätzt.

Die fünf Meilenstein-Alben, die Kabuki zu dem machten, der er ist – mit seinen Kommentaren:
Ja Rule – Sunrising History (”die Art des Samplings”), Steve Reich – Music for 18 Musicians (”Orchestrierung”), Goldie – Timeless (”in einer spannenden Zeit mit den besten Leuten gearbeitet”), Rhythm/Sound – Showcase (”einzigartiger Ansatz, Musik atmen zu lassen, neben Kraftwerk die einzigen, die einen eigenen deutschen Sound kreiert haben”), Miles Davis – Kind of Blue (”damals eine Abkehr von den Standards, die oft nicht mehr spielbar waren, ein echtes Zeitdokument”).

Kabuki:
”Signal to noise“ ist für mich eine musikalische Bestandsaufnahme. Es ist kein Künstleralbum. Die Stücke sind meist schon mal auf Vinyl oder Samplern erschienen. Jetzt als CD kann man das auch einem anderen Publikum vorstellen. Bei allen Stücken habe ich das Essentielle herausgefiltert und den Rest neu produziert. Darum war die Arbeit am Album auch eine andere als an einem ganz normalen Künstleralbum. Ich will Brücken zwischen den Genres schlagen, meinen Sound definieren.

“Signal to noise” erzählt aber noch mehr. Jan Hennig gehört zu den wenigen Produzenten, die ihr Fach studiert haben. Einer seiner Lehrmeister in Wien war Les Wise, Bebop-Gitarrist, selbst ein Wes-Montgomery-Schüler. Daraus resultiert teilweise auch seine Arbeitsweise.

Kabuki:
Ich arbeite sehr strukturiert. Zuerst kommt die Idee, dann gehe ich an die Umsetzung. Das Wichtigste ist aber der Kern des Stückes, den ich herausarbeite. Erst wenn die Substanz stimmt, gehe ich ans Dekorieren. Daraus ergibt sich aber auch seine stilistische Eigenart.
Für mich sind Sound und Stimmungen relevant. Ich mag einfach verschiedene Musikstile, also auch ein Spektrum von Stimmungen den ganzen Tag hindurch. Nur Peaktimehits zu produzieren, lastet mich nicht aus. Klar ist da bei manchen Leuten die Schere im Kopf. Drum and Bass ist mein Baby, das ich am allermeisten liebe.

Das ist auch das Fesselnde am Album: Neben Nummern wie ”Speed of Sound” steht ”After the fire” in Geschwindigkeit, aber auch in Atmosphäre als Antipol im Reggae/Dub-Fast-Rhythm/Sound-Outfit. Das passt blendend ins Kabukigewand, denn der Mann weiß einerseits die Tunes für den Plattenkoffer zu basteln, hat sich aber auch von der Drum-and-Bass-Sozialisation gelöst, um als facettenreicher Produzent wahrgenommen zu werden. Überdies ein feiner Trackablauf, der mit Titeln wie ”Ghosttrack” den Dreiecksspagat experimentell rekapituliert. Ein Track, der sich so eingefressen hat, auf den er so oft angesprochen wird, wie Kabuki betont. Der aber auch so etwas wie die Schnittmenge zwischen Drum and Bass und Rhythm and Sound einfängt. So ähnlich also auch wie sein Remix für die Folky-Compilation, der dunkle Detroitwelten mit gebrochenen Beatstrukturen verwob.

Kabuki:
Den Jetlag merke ich in Japan nicht mehr. So drei Jahre habe ich insgesamt bis jetzt dort gewohnt. Insofern bin ich nicht Lost in Programming, nicht auf verlorenem Posten. Japan und die Ecke, in der ich in Tokio oft wohne – Shibuya (der Teenager-Hip-Bezirk Tokios) – das Umfeld, frühmorgens um vier einen Imbiss zu nehmen oder ein Magazin zu kaufen. Das ist gut für die Arbeit. Da gibt es auch viele Plattenläden. Die Abende sind so bunt gemischt. Nach einem Reggae-Abend gibt es Freejazz und am dritten Abend geht man zu einer Party, auf der jemand 60s-Kram auflegt.

Hört sich paradiesisch an. Oder wie der Japaner sagt: Iiineee! (je länger I und E gesprochen werden, um so besser). Mit “Signal to noise” beendet Kabuki einen Teil seiner Laufbahn: Die 12Inch-Stücke gibt es jetzt auf CD. Auf die Fortsetzung können wir uns schon jetzt freuen. Es soll ein Reggae-Album mit Detroitästhetiken geben. Also “After the fire” in seinen Nach- und Nebenwirkungen.

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Elektronische Lebensaspekte.