West Londons Whizz-Kid Domu ist mit seinem Buddy Shifty mal kurz beim niederländischen Techno-Label Delsin vorbeigesprungen, um mit dem Album "Wet Ink" seinen erweiterten Techno-Begriff klarzustellen. Hoffentlich spüren's die Hörer auch im Herzen. Denn zu was anderem hätte Domu eh kein Talent.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 77

Techno-Origami
Yotoko

Das Produzentenleben nimmt manchmal schon im Sauseschritt gehörig Fahrt auf. Herr Vielbeschäftigt Domu kann davon ein Liedchen singen. Schön, sich dann aber ab und an den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen. Füller gezückt, Patrone geladen und auf die Plätze, fertig, losgekleckst!

Das Kreativitätspotenzial von Tinte vor dem Antrocknen ist unermesslich. Beispiel: Man nehme eine Tintenpatrone, entleere den Inhalt in der Mitte eines Blattes Papier, falze und presse dieses, bis das Nagelbett weiß wird. Dann aufklappen und das Ergebnis anschauen. Ganz wichtig: Es gibt keine Grenzen der Interpretation.

So ähnlich verhält es sich mit dem Westlondoner Dominic Stanton. Seine Musik folgt sicher einem Pfad, kann und wird von jedem Hörer aber irgendwie anders wahrgenommen. Überdies ist der Gute für Überraschungen gut. Die Stilklaviatur beherrscht er wie sonst nur wenige. Die gebrochenen Beats scheinen allein der Weg des Ziels zu sein. Nur das Grundmaterial ist für Dominic immer das gleiche: Nasse Tinte. “Es geht mir um eine Referenz zur Natur der Musik. Musik sollte niemals trocken werden, sich niederlassen. Für mich muss Musik immer frisch und gerade geschrieben sein. Ich glaube aber auch, dass Dave (Farlam) mit seinem künstlerischen Naturell das auch auf seinen Graffitistil bezieht.” Wie jetzt? Ups: Dominic (Domu, Rima, Kudu, Static Imprints und natürlich Sonar Circle) und Dave (Shifty) sind zu Yotoko geworden und haben mit “Wet Ink” gerade ihren Erstling auf Delsin veröffentlicht. Hoppla. Ein Album von einer Bombe. Shifty: “Wir haben das Album sehr schnell produziert. Wir wollten einen rohen, dreckigen Sound kreieren. Es sollte so authentisch wie möglich klingen, so wie die Musik, die wir hörten, als wir uns trafen. Mir ging es auch darum, auf Delsin ein Album zu veröffentlichen, das man so nicht erwarten würde. Als ob wir dort kurz vorbeischießen, unseren Stempel aufdrücken und wieder die Kurve kratzen.” Taggerstyle halt. Stilistisch geht die Reise diesmal quer wie immer, dennoch von einer roten Reißleine gezogen, auf zu einer Wildwasserabfahrt im Strom der Schreibflüssigkeit. Fast wäre diese Schussfahrt nie ins Ziel gelangt, so Domu: “Dave ist ein alter Freund und gleichzeitig ein konstanter musikalischer Referenz- und Bezugspunkt. Seit 1995, seit ich meinen ersten Amiga 1200 bekommen habe, arbeiten wir zusammen. Nur haben wir nie etwas beendet. Er hat mich immer unterstützt und Ratschläge erteilt. Ein großer Freund. Als wir schließlich gemerkt haben, wo sich unsere musikalischen Einflüsse treffen, haben wir all die Skizzen mal beendet. Eine wichtige Schnittmenge war etwa, wo sich Reinforced mit Detroit-Deepness verbinden.” Shifty: “Wir trafen uns vor mehr als zehn Jahren in einem Plattenladen in unserer Heimatstadt Bedford. Wir haben immer die gleichen Beats gekauft und haben uns immer zur deeperen Seite der Musik hingezogen gefühlt. Das erste, was wir gemeinsam taten, war Drum and Bass im Good-Looking-Stil.”

Die Yotoko-Richtschnur ähnelt meist einem Origami der verzwickteren Art. Nur der mitschwingende Vibe stimmt in allen Stilen. Neben den Drum and Bass-Leckereien verblüffen Yotoko mit ihrer offenen Herangehensweise an Techno. Shifty: “Bei Techno geht es für mich um Sounds und den Kontext, in dem sie genutzt werden. Die Musik braucht keinen 4/4 Beat, um Techno zu sein. Versatzstücke von Techno kann ich in fast allem hören. Vielleicht sind ein paar Leute überrascht, wenn sie auf dem Album HipHop, House, Breakbeat und Drum and Bass hören. Für mich trägt das alles aber sehr viele Prinzipien von Techno in sich.” Domu: “Techno können für mich Synthsounds mit Discobreaks sein oder Drummaschinen mit Gesang von Live-Musikern oder jede andere Kombination dessen. Was wir melodischen Techno nennen, ist originaler House mit Disco- und Acid-Einflüssen. Für viele hängt Techno vom Tempo ab. Für mich bedeutet Tempo aber nur, welche anderen Platten ich dazu mixen kann.” Leuchtet ein, sind wir nicht alle mindestens ein bisschen Techno? Klar!

Jetzt der Knackpunkt, bis die Füllerfeder schnalzt: Wie berührt eure Musik eure eigenen Herzen? Domu: “Das hängt davon ab, wie ich mich gefühlt habe, wenn ich die Musik gemacht habe. Das Album kann mich zu unseren Anfangstagen zurückbringen. Es kann mich aber auch so inspirieren, dass ich mich nie nochmal so fühle. Ich mag einfach die Rohheit. Einfach nur Samples und Samples und ein bisschen analoges Zeug … hmmm nice! Das Album repräsentiert, was in meinem Kopf so vorgeht, einfach zu tun, wonach ich mich fühle, wann immer ich möchte. Ich hoffe, die Leute, die das Album hören, spüren das auch. Außerdem ist es einfach schön, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man eine präzise Vision teilt.” Shifty: “Wenn du nach Musik im allgemeinen fragst, muss ich sagen, dass ich ohne Musik nicht sein kann. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ein paar Stunden mit Musikhören verbringe. Immer, wenn ich draußen bin, habe ich meinen Discman dabei. Ich brauche das einfach. Wenn du aber unsere Musik meinst, muss ich dir echt sagen, dass ich stolz darauf bin. Ich glaube die Platte repräsentiert einen wichtigen Teil unseres Lebens und Beats, die wir lieben. Ich hoffe, die Leute finden das heraus.”

Domu ist einer der Produzenten, die Musik machen, weil sie zu nichts anderem Talent haben: “I’m rubbish at everything else. Apart from maybe making sweet love.” Na hoffentlich pickt er nie Skills an der Handwerksfront. Lieber mit tintenblauen Fingerkuppen hausieren gehen und bei Shifty und seiner Frau an die Tür des kleinen niedlichen Home-Sweet-Home pochen.

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Elektronische Lebensaspekte.