Bei Drew & Canning herrscht Basisdemokratie!
Text: Philipp Rhensius aus De:Bug 142

Broken Social Scene sind ein Phänomen. Ihr neues Album “Forgiveness Rock Record” zeigt, wie man in Zeiten eines ubiquitären Retrozwangs ganz unbefangen eine Vision von Rockmusik verfolgen kann, die den Sprung in die neue Dekade geschafft hat. Im Gespräch mit De:Bug sprechen Kevin Drew und Brendan Canning dann aber über Leonard Cohen als musikalischen Mentor.

“Der einzige Grund, warum wir hier sitzen, ist doch, weil die Leute unsere Musik mögen. Und wir sind echte people junkies”, erzählt Kevin Drew mit bodenständigem Pathos, nachdem er sich höflich dafür entschuldigt, während des Interviews zu essen. Er und Brendan Canning haben gute Gründe, so gut gelaunt zu sein, denn nach fünf Jahren, vielen Nebenprojekten und etlichen Welttourneen haben sie endlich ein neues Album unter ihrem Vorzeigeprojekt fertiggestellt. Der Titel ist Programm, sie bitten die Welt um Vergebung. Mit Hilfe von Rockmusik.

Natürlich nicht wirklich. “Es liegt selbstverständlich auch eine gewisse Ironie im Titel. Wie lustig es auch wäre, wenn wir diesen Namen völlig ernst meinen würden”, erklärt Brendan und bestätigt damit den anfänglichen Eindruck, eine Person zu sein, die immer zu Späßen aufgelegt ist. Die Philanthropie nimmt man ihnen trotzdem ab, ist doch Broken Social Scene eine Band, die es schafft, mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Indie, Rock, Folk und Elektronika, Musikliebhaber jeder Couleur zusammenzubringen. Der Gemeinschaftsaspekt ist dabei schon in der Existenz der Band selbst eingeschrieben, die innovative Stärke ihrer Musik lag schon immer im Konzept des offenen Kollektivs, bei dem jeder gleichberechtigt seine individuelle Kreativität einbringen kann.

Während jedoch beim letzten Album noch Musiker im zweistelligen Bereich beteiligt waren, so ist die Zahl der Mitglieder während der letzten Tour auf sechs Kernmitglieder exklusive etlicher Gastmusiker konzentriert worden. Und trotzdem klingen sie immer noch so, als hätte man zum Zweck einer psychologischen Studie 30 talentierte Musiker aus den unterschiedlichsten Genres in ein abgelegenes Landhaus eingeschlossen, nur um zu beobachten, ob der Zwang zur Kompromissbereitschaft kreative Ergebnisse liefern kann.

Es ist schwer vorstellbar, wie das alles ohne klassischen Bandleader funktioniert, der ab einem bestimmten Punkt die wilde Jamsession der Überkreativen in einigermaßen geordnete Bahnen lenkt. Doch genau das ist das Rezept. Dabei bleibt die Band ihrer musikalischen Identität treu, nur, dass sie diese noch mehr auf den Punkt bringen. Unerwartete Instrumentenklänge, Intros und epische Instrumentals schieben sich immer wieder zwischen klassische Songstrukturen und brechen diese auf.

Dirigenten im Kollektiv
“Wir haben hart daran gearbeitet, alle Mitglieder zu involvieren. Deshalb gibt es so viele verschiedene Melodien in einem einzigen Song. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seinen Beitrag zu leisten. Es geht vor allem darum, Geduld zu haben und zu schauen, was für den Song am Besten passt”, sagt Drew. Auf die Frage, ob es nicht doch die beiden Bandgründer sind, die die endgültigen Entscheidungen treffen, antworten sie vehement und beinahe routiniert synchron: “Nein, auf keinen Fall, alle sechs mussten mit entscheiden”. Die Strukturen konventioneller Gitarrenmusik werden dabei nach wie vor dekonstruiert, die Sounds und Instrumente bedienen sich einer nicht festgelegten Genre-Ästhetik und Synthesizer existieren gleichberechtigt neben Geige, Trompeten oder Country-Gitarren.

Auch wenn diese Beschreibung für jede Krautrockband gelten könnte, so besteht doch der Unterschied vor allem darin, dass die Musik auf musikalischer Ebene zwar akustisch, aber strukturell sehr elektronisch klingt: Auch die Instrumente, die in jedem Track auftauchen, klingen immer kategorisch anders. “Es liegt vor allem daran, dass wir alle sehr unterschiedliche Musik hören und niemand denselben musikalischen Hintergrund hat. Ich persönlich bin besessen von Popmusik, also habe ich versucht, das irgendwie einzubauen. Niemand von uns hätte sich je vorstellen können, einen dreieinhalbminütigen Popsong wie ‘Forced to love’ zu machen. Und selbst dabei wollten wir etwas weiter gehen und nicht ganz streng am Strophe-Refrain-Prinzip festhalten”.

Brendan ergänzt: “Wir stehen auch auf Ambient-Platten und glitchy Beats. Außerdem würde niemand von uns den Refrain einfach doppeln, nur weil er eine wichtige Message enthält. Das erinnert mich übrigens an etwas Interessantes, was Leonard Cohen mal zu mir beim Frühstück sagte: Du musst wirklich aufpassen, dass deine Lyrics nicht wie Slogans klingen. Damit hat er vollkommen Recht”. Dabei greifen sie immer wieder das Prinzip auf, mit dem sie schon mit den vergangenen Alben direkt in die Herzen verirrter Indiefans trafen: Das Prinzip der maximalen Instrumenten- und Ideendichte. Ob der hymnische Rocksong “World Sick”, das elegische “All to all” oder “Chase Scene”, bei dem im wahrsten Sinne des Wortes der elektronisch gefilterte Drumbeat, die atmosphärische Westerngitarre und die angezerrte Synthiemelodie um die akustische Vorherrschaft konkurrieren: Die neuen Songs vereinen auf den ersten Blick eine unmittelbare Einfachheit, doch dahinter verstecken sich oft komplexe Arrangements.

Es liegt auf der Hand, dass der legendäre Produzent John McEntire dafür mitverantwortlich ist. “Er war wirklich großartig. Er wirkt wie ein Wissenschaftler, wenn man ihm bei seiner Arbeit zuschaut. Und manchmal benötigte er einfach eine Ewigkeit, irgendeine kleine Spur aufzunehmen, die er dann durch all die ganzen Effekte, Kompressoren und Oszillatoren schickte”, schwärmt Kevin, während er den letzten Bissen seines Chop Sueys verschlingt.

Singen für den Erfolg
Neben der neuen, kompakten Bandsituation ist ein weiterer Aspekt neu. Der Gesang ist deutlich in den Vordergrund getreten. Während er früher aufgrund gewollter Unverständlichkeit eher als aussageloses Instrument funktionierte, ist es den Musikern immer wichtiger geworden, bestimmte Themen zu vermitteln. Fernab von jeglichen Slogans natürlich, möchte man augenzwinkernd hinzufügen. Selbst bezeichnen sie ihr neues Werk als eine Art Punkalbum. Plakativität wird dabei jedoch stets vermieden. “Alles ist politisch, alles ist persönlich und alles ist emotional”, gibt Kevin weise zu Protokoll und führt fort: “Kritik ist generell wichtig und wir haben schon immer das Bedürfnis gehabt, unsere Meinung über das, was in der Welt passiert, preiszugeben.”

“Da steckt aber auch viel Ironie drin, also alles nicht so ernst nehmen!”, unterbricht Brendan, der stets darum bemüht ist, die scheinbare Ernsthaftigkeit Drews zu relativieren. Dass manchmal aber auch die Beobachtung eines kleinen Mikrokosmos gehaltvolle Sozialkritik enthalten kann, beweisen BSS mit ihrem Song “Texico Bitches”, den Kevin sofort anstimmt: “Talking on my pho-phone, ist das der richtige Text? Ja klar, was denkst du? (Brendan stimmt mit ein): Tired of the old bones, the air he breathe is real, why do you like to steal, the guns beneath the youth, the story needs some truth”.
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“Forgiveness Rock Record” ist auf City Slang/Universal erschienen.

http://www.brokensocialscene.ca
http://www.cityslang.com

4 Responses

  1. muss

    Kein Wort zu Duisburg?

    Stattdessen begrüßt mich De-Bug mit den unpassenden Worten “Hallo Masse”. Ich weiß ja nicht…

    Warscheinlich grübelt ihr wie euer nächster iPad oder “Gefällt mir”-Beitrag ausfallen soll?