11 Musiker suchen eine gemeinsame Tonart. Einen gemeinsamen Feind haben die Kanadier schon: Amerika.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 96

Was willst du tun?
Broken Social Scene

Broken Social Scene sind, sagen sie selber, eine moderat erfolgreiche Indieband. Das heißt, sie verkaufen mehr Platten als nahezu jeder Act, mit dem wir in der Debug sonst zu tun haben. 100.000 auf ihrem eigenen Label. Sie sind 11 Leute. Als ich sie live gesehen hab, Anfang des Jahres, dachte ich mir, hey, es gibt Bands, die sind so großartig, dass man das ganze Konzert über am liebsten lachen möchte. Die Hälfte sieht aus, als käme sie direkt aus einer Magnum-Folge, die andere Hälfte, als hätte sie zu viele Doors-Dokumentationen gesehen. Sie klingen ein wenig wie eine epische Version von Sonic Youth, die nichts weniger braucht als Style. Beinahe hätten sie ihr neues Album “Windsurfing Nation” genannt. Und sie wissen, dass sie nichts per se Neues machen. “Alles ist schon 1000 Mal gemacht worden, klar, aber wir sind da ehrlich. Wir sind keine Rockstars. Anfang der 90er ist Rockmusik gestorben.” Sie sind keine Rockband, sondern eine Plattform. Ein Kollektiv ohne Ideologie, aber mit einem gemeinsamen Feind.

Irgendwann mitten im Gespräch erzählt mir Drew, dass der Broken-Social-Scene-Produzent Stress mit Amerika hat und nicht mehr will und dass sie ihn brauchen und mit den Worten: “You rock the boat, you’re sitting on the computer” bewegen wollen weiterzumachen. Da spätestens fiel mir ein, ja, klar, eine Band mit 11 Leuten, die alle noch in endlosen anderen Bands sind (Stars, Feist, Apostle Of The Hustle, usw.), was soll deren gemeinsamer Nenner sein? Der Computer. Wir hatten vorher schon überlegt, warum Broken Social Scene in die Debug passen könnte, abgesehen davon, dass Drew ein Modeselektor-Fan ist und das Promotape von “Hello Mom” via Soulseek gezogen hatte und es großartig fand. “Wir sind ja auch elektronisch. Irgendwie. Psychedelic Electronic vielleicht.” Aber das war’s nicht. Auch nicht die Tatsache, dass viele der Tracks ihres neuen Albums produziert und aufgenommen wurden, ohne dass mehr als eine Handvoll der Band dabei waren. “Die Bläser, die hab ich nie vorher gehört.” Eher schon, dass sie tatsächlich am Computer entstehen, auch wenn das heutzutage für die meisten Bands zutrifft, aber sie versuchen weder zu verstecken noch zu simulieren, dass sie eine Band wären, genauso wie sie live nicht versuchen zu verstecken, dass vieles neu improvisiert werden muss. “Manchmal wissen wir auf der Bühne nicht mal genau, in welcher Tonart manche Tracks eigentlich sind.”

Der Feind Amerika
Denn Broken Social Scene kommen aus verschiedensten Teilen Kanadas und gäbe es Amerika nicht, sie wären nicht so erfolgreich. Und genau diesen Bruch, der quer durch ihre Existenz läuft, versuchen sie offen zu halten. “Die Welt wird nicht besser. Es wird nur schlimmer. Egal ob Natur oder anderes. Es ist schon schwer genug aufzustehen, wenn man drüber nachdenkt. Ich kann nicht auf die Bühne gehen und ‘Come On Everyone’ rufen. Das Gefühl ist eher, wooow, da ist was, das ist viel größer. Musik wird die verdammte Welt nicht retten. Was Musik kann, ist jemand das Gefühl geben sich menschlich zu fühlen. Nicht den Vorstadtgräbern die Art, wie man denkt, überlassen. Es wird keine Revolution geben und jeder, der etwas weiß, wird zum Schweigen gebracht, oder wird wahnsinnig, wie die Verschwörungs-Theoretiker. Es scheint so klar. Dieser Krieg im Irak. Und er passiert doch. Geschichte kann einem sagen, wohin man gehen soll, aber sie kann auch ein Pain In The Ass sein und wie ein Schatten auf einem liegen. Und, ja, das ist nicht besonders orginell, so etwas zu sagen, aber so lächerlich die Filmindustrie es darstellt, es ist 100% wahr. Und dabei hab ich ein großartiges Leben. Viele von uns hatten alle Möglichkeiten. Unsere Platte heißt nicht Broken Social Scene, weil sie sagt, das sind wir. Es geht für mich mit dieser Platte eher darum: Was willst du tun?”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.