Ebay ist ein Schlachtfeld, eine Online-Auktion, die durch die Verbissenheit, die Eitelkeit und den Ehrgeiz der Bieter und Käufer getrieben wird. Live dabei auf der Jagd nach Oldskool Platten erleben wir den Standortvorteil Provinz, die geheimnisvolle Insidergeschäfte. Zuschlag erfolgt.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 54

Schallplatten auf Ebay jagen

Binäre Preishölle im Netz der Eitelkeitenp

Es ist die Zeit der neuen Feindbilder. Doch mein Feind sitzt nicht in einem Camp in den Bergen, sondern in einem Dorf in Schleswig Holstein. Es ist ein Duell griechisch-athletisch-maskulinen Charakters: Nerd gegen Nerd, Auge um Auge, Gebot um Gebot. Wir sind Kreuzritter und gehen mit Schwert und Glauben zum Ziel. Unsere Waffe ist die D-Mark, unser Schlachtfeld ist Category7778 des Online Handelsplatzes Ebay: “Musik > Schallplatten > Dance & Electronic > Drum ‘n’ Bass”. Wir kämpfen um die Ehre der Kaufoptionen von Oldskool-Platten. Jeden Tag, 24 Stunden. Und mein spezieller Gegener heißt Dee-Non.

Warum soviel Hass?

Ich surfe routinemäßig jeden Tag mein Schlachtfeld ab, um die Drum ‘n’ Bass-Neueinstellungen zu checken. Wie jeden Tag kann ich mir sicher sein, dass bei den interessantesten Oldskool Tunes schon ein uneinholbares Höchstgebot abgegeben wurde. Früher Vogel fängt den Wurm, denn Dee-Non schläft nie. Er erstickt den pathetischen Gedanken der jungen Pflanze “geniales Schnäppchen” grundsätzlich im Keim. Was bleibt, ist die tiefe Schmach des Zweitbieters mit der sich wiederholenden Erfahrung, dass seine schrittweisen Gebote, die bis an die Grenzen seiner finanziellen Würde und Logik gehen, das Eröffnungsgebot dennoch nicht überbieten werden können.

Ja, dieses Szenario ist wie ein Gesetz: Dee-Non war immer schon da oder wird bestimmt zwei Sekunden vor Ablauf der Auktionszeit da sein, um sein Höchstgebot in meinem Rücken zu platzieren, denn wo sollte er auch in seinem kleinen Kaff im Norden der Republik schon hingehen sollen. Dee-Non hat den Standortvorteil. Ich sollte zum Ausgleich in den Harz ziehen. Ich muss ihn schaffen. Irgendwann. Denn Dee-Non raubt mir meine Träume.

Geschäftsmodell der Eitelkeiten:

Das Ebay-Geschäftsmodell verdient Anerkennung: Sie verdienen ihr Geld durch prozentuale Beteiligung an der verkauften Ware – doch was das Ganze treibt, riecht nach berechnetem Kalkül: Erfolgreich wird Ebay erst durch die Verbissenheit, die Eitelkeit und den Ehrgeiz der Bieter und Verkäufer. Und dem Umstand, dass diese Eigenschaften den Menschen grundsätzlich sein finanzielles Limit gerne überschreiten lassen. Oft möchte man bestimmten Bietern geradezu zubrüllen, dass diese oder jede Platte gerade als Wiederveröffentlichung für DM 18.95 in den Läden steht. Aber warscheinlich geht es darum gar nicht. Es ist das Original. Als ginge es darum, seine in einer Steinzeithöhle halberfrorene Familie gerade mit der besonders durchwachsenen Keule von frischem Bärenfleisch zu versorgen, wird um Waren gerungen und geboten, gehauen und gestochen. Und so etwas geschieht in der Informationsgesellschaft? Klar muss man um Qualität und Preis wissen, doch lässt Ebay den Trieb des menschlichen Miteinanders in seinem eigentlichen Kern erkennen. Wir werden da gepackt, wo wir nicht anders können: Wir sind Jäger und Sammler, triebgesteuert wie eh und je. Erfolgreiche Schnäppchenjagd ist ein Statussymbol. Wer glaubt, irgendjemand würde Oldskoolplatten zum Auflegen kaufen, der lebt in der falschen Welt. Eitelkeit ist das, was die Menscheit treibt. Ja, Eitelkeit, Geld, Macht und mindestens eine Acen, “Trip to the moon” Production House PNT042RX als Beweis der merkantilen Schlagfertigkeit im Plattenschrank. Ebay ist kein Basar, kein Marktplatz. Ebay ist die binäre Preishölle, in der man für seine Eitelkeiten und Unvollkommenheit Ablass zahlt.

Vollkommenheit

Aber sind wir wirklich nur durch das Streben nach dem perfekten Schnäppchen geprägt? Suchen wir nicht durch unsere Eitelkeit nach Vollkommenheit? Nach dem vollkommennen Set, indem wirklich keine Platte fehlt? Geht das überhaupt? Nein. Das Leben in seiner steten Prozesshaftigkeit schafft kontinuierlich neue Herausforderungen. Schon morgen kann auf Ebay die Force Inc. 12″ FIM 25 / NRG – Feel the fury Remixes EP angeboten werden und das Leben ist ein anderes, die noch eben angenommene perfekte Vollkommenheit geht flöten und die Jagd nach dem schwarzen Diamanten startet unter Einsatz aller Mittel von Neuem. Dee-Non, be aware.

Alternativstrategien

Deshalb gilt es sich Alternativstrategien zu überlegen, um die Utopie der Vollkommenheit zu erlangen. Zentrale Teile dieser Strategie sind Menschen eigenartiger Couleur. Man findet sie meist im Zentrum althergebrachter Markplatzformen, einem analogen Blueprint menschlicher Handelsform, der Ebay zu Großem inspirierte: dem Flohmark. Der dort ansässige Secondhand-Plattenhändler ist die professionelle Elite der Jäger und Sammler. Natürlich haben besonders pfiffige Derivate dieser Spezies die Potentiale des Internet begriffen und legen dort ihre Seele offen: Sie haben tolle Platten, aber beschissene Webseiten, was man als Beweis für Introvertiertheit und Kommunikationsneurose deuten könnte. Wer diese Menschen kennt, weiß, dass dahinter immer der existenzbedrohende Zwiespalt steht, dass sie eigentlich ihre Platten am liebsten selber behalten würden, aber man sie leider nicht essen kann. Um zu überleben, müssen sie verkaufen. Allerdings immer nach dem Motto: Wenn ich schon muss, dann aber teuer.

Gerade in England, Heimat der Pleite gegangenen Großvertriebe, findet man eine Menge dieser Apotheken-teuren Backstock-Verwalter. Entscheidend ist hier jedoch nicht das finanzielle Potential eines Kunden, sondern sein Habitus. Der Kunde muss erst beweisen, dass er diese oder jene Platte überhaupt verdient. Dies kann man z.B. über in Emails geschickt platzierte Fragen nach Platten machen, die es hundertprozentig nicht mehr gibt, das gehört sowieso zum guten Ton. Auch gut: Nebenbei kommunizieren, dass man diese oder jene gestern zufällig auf dem Flohmarkt gefunden hat. Das macht einen quasi zum verbündeten Landsmann und Intimus und bringt einen der Vollkommenheit ein kleines Stückchen näher.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.