Brooks hat sich neu orientiert. Standen für sein erstes Album noch die Großen des Soul und Funk hinter ihm, holt er jetzt mit Fleetwood Mac, Matmos, David Byrne und Brian Eno zum wütenden Zweitschlag aus. Denn böse Erlebnisse im Nottingham Forest wollen verarbeitet werden.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 86

Der schwarze Prinz

Brooks ist erweckt. So was ist kein reines Zuckerschlecken. Plötzlich hast du lange Haare, Bart, sitzt in Nottingham und bist schwul. Logisch, dass er da nicht einfach so weitermachen kann, wo er mit seinem Album “You, me and us” für Mantis 2002 aufgehört hatte. Das war eine komplexe Easygoing-Maschine aus Funk- und Soul-Broken-Beats in frappierend fröhlicher Unbeschwertheit. Sommer im Jungsferienland. Sommer ist es weiterhin, immerhin durfte Brooks noch die legendäre Panorama-Bar im Berliner Ostgut live erleben (und bespielen), aber jetzt in dem Land, in dem Haare am Sack sprießen. Schatten werfen sich schwarz über Wiesen und deuten ins Dickicht, plötzlich greift beim Tanzen ein Nachtmar von hinten nach dir. Und wenn du mit deinem Freund Hand in Hand durch den Forest streifst, drängeln sich Hools zwischen dich und die Sonne, beleidigt, dass dein Glück ihre Weltordnung verletzt. Es gibt also was zu tun für Brooks als Künstler. Etwas, das weit weg liegt von “Me, you and us”. Etwas, für das man sich besser Unterstützung holt.

Brooks lässt von einem Kumpel Demoaufnahmen in Herberts Haus schmuggeln. Herbert hat nämlich Sinn für den kritischen Impetus in elektronischer Popmusik, für die Reibung, die eine steife Oberlippe und ein gehobener Taktstock im Popfeld hervorruft. Und Herbert hat “Soft Pink Truth”, die eine bekennend schwule Hälfte von “Matmos”, unter Vertrag. (Zu Matmos empfehle ich das lustig irritierende Borderline-Interview im “Butt”-Magazin.) Mit Soft Pink Truth will Brooks eine neue Schule ausrufen: “Wir sind die schwarzen Prinzen der schwulen Musik. Normalerweise ist schwule Musik glänzend und lustig, ‘I will survive’, schillernd, barock. Meine Musik postuliert den Realismus.” Wut und Schmirgelpapier Körnung 80 sind denn auch die wichtigsten Leitplanken für sein neues Album “Red Tape” auf Herberts Label “Accidental”. Red Tape dokumentiert, was es heißt, ein Zuhause gefunden zu haben und sich gleichzeitig der Welt so entfremdet zu fühlen wie nie zuvor.

Ken im Geisterbusch
Die perfekte musikalische Architektur für diese paradoxe Spannung hat er bei einer Platte gefunden, die einen programmatischen Titel trägt: “My life in the bush of ghosts”. David Byrne von Talking Heads und Brian Eno haben 1981 ein Weltmusik-Album konstruiert, das in einem zerschnipselten und zusammengeklebten Dickicht von musikalischen Quellen aus allen Winkeln des Globus vor allem ein Gefühl destilliert: Alienation. Eine Alienation allerdings, die in der New-Wave-Ästhetik ein neues Zuhause gefunden hat. Die Familienlosen fühlen sich familiär verbunden unter der Flagge der Alienation. New Wave machte Entfremdung schick. Genau das versucht Brooks mit seinem “Red Tape”. Er will Pop sein, aber ein Pop, der zu kalt schillert, wie tote Fischaugen, um sich in ihm wohl zu fühlen. Dieser coole Grat: stilisierte Unzufriedenheit, die nicht zu stilisiert ist, um nur wie Design-Kalkül zu wirken, und nicht zu unzufrieden, um nur wie ein egozentrischer Waschlappen dazustehen. Als Baumaterial für seine “My life in the bush of ghosts”-Architektur hat er sich deshalb als Korrektiv an Sound-Klinkern orientiert, die in ihrem Feinschliff das absolute Gegenteil zu seiner grobkörnigen Wut sind. Fleetwood Macs “Tusk” ist Brooks absolutes Lieblingsalbum. Was für eine Produktion. Du hörst jeden Cent von den Abermillionen, die das Studio gekostet haben muss. Das ist klinisch sauberer Bombastsound, die komplette Ausmerzung alles Menschlichen, Emotionalen, dabei aber die perfekte Emotions-Generierungsmaschine, so wie eine amerikanische Seifenoper, in der nur geliftete Ken- und Barbiepuppen auftreten. Ein Blues zweiter, abstrahierter Ordnung, voller schillernder Fischaugen aus Rubinen. Kate Bushs “Running up that hill” ist auch gut. Oder den Riss in seiner Engineered-Jeans am Arsch mit knallrotem Faden zu flicken, das ist erst recht cool. Vor allem, wenn der Freund das Flicken übernimmt. Rot, schillernd und wütend gegen alle toten Fischaugen anzuproduzieren, darein hat sich Brooks mit “Red Tape” gestürzt. Zuweilen klingt es dezent nach prätentiösem Flickwerk, nach konzeptioneller Spaßbremse, nach chirurgisch missglückter Zerrissenheit. Das liegt wohl daran, dass es mehr Hools in Forests gibt als selbst entworfene Kens im Lamettalicht der Panorama-Bar. Realismus eben. Wer sich daran abarbeitet, wächst.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Ein Pin-Up von einem DJ und Produzenten. Brooks sieht aus wie der junge Joe Dallesandro und wirft seine Tolle zu den oldschoolhousigsten Broken Beats aus der Stirn, die jeden Chicago-Nostalgiker wieder ganz jung aussehen lässt. Im Grundschulalter nicht auf Spiral Tribe-Parties gekommen zu sein, ist eben doch der beste künstlerische Antrieb.
Text: Felix Denk aus De:Bug 63

Frühreifer Klassiker

Überraschungen sind vor allem deshalb Überraschungen, weil man vorher nicht ahnen konnte, was nachher passiert. Klar, auch bei Brooks gab es Anzeichen, der aufmerksame Maxi-Käufer, Plattenladen-Besitzer und House-DJ war im Bilde – Brooks, der kann was, ist noch jung, da kommen sicher noch interessante Sachen. Aber mit einem Album wie “You, Me & Us” hat dann vermutlich doch niemand gerechnet. Denn da versöhnt Brooks Housemusik mit Songwritergestus, verbindet kleinteiligen Samplefunk mit Old School Synthie Sounds und verliert bei aller Detailverliebtheit nicht den Blick für die größeren Zusammenhänge. Diese merkwürdige Melange entspringt einem im heimischen Schlafzimmer zusammengebastelten musikalischen Universum, in dem die Talking Heads gleichberechtigt neben Ron Trent stehen und ein imaginierter Derrick May schon mal mit der Blechbläsersektion eines nordenglischen Orchesters ins Studio geht. Brooks ganz privater Retrofilm ist eine deutlich unkonventionellere und kreativere Auseinandersetzung mit den 80er-Jahren als es viele Zeitzeugen der Dekade hinbekommen. Scheinbar brauchte es einen 19-Jährigen aus einem nordenglischen Kaff, um die großen Themen der Housemusik zusammenzubringen und alle ins Boot zu holen, ohne dabei anbiedernd gefallsüchtig oder geschmäcklerisch zu werden. Brooks selbst sieht das alles gelassen und faltet die Hände auf der Kante des Bettes, in dem 15 Jahre Housegeschichte auf die Dornröschen-Erweckung durch “You, Me & Us” gewartet haben.
Denn gute Alben sind für ihn dann gut, wenn man dazu auch ruhig unterm Kopfhörer einschlummern kann.

Wundertüte Album

DeBug:
Nach vier Maxis erscheint jetzt ein Album von dir. War es eigentlich etwas anderes, ein Album zu produzieren?
Brooks:
Völlig anders. Als mich das Label um ein Album bat, war es eine ganz bewusste Entscheidung, nicht einfach so weiter zu produzieren. Es gibt so viele Dance-Alben, die eigentlich nur eine Sammlung von 12″s sind und gar nicht berücksichtigen, dass das Ganze eine Einheit bilden soll, die man auch zu Hause hören können soll. Außerdem wollte ich, weil es mein erstes Album ist, alles unterbringen, was mich beeinflusst hat. Das war ein langer Prozess, so 10 Monate, und am Ende war ich nur noch im Studio, habe da auch gegessen und geschlafen. Es ist also schon ganz anders, als eine Maxi zu produzieren, es kommt mehr dabei raus, im Nachhinein ist das sehr schön.

DeBug:
Stilistisch weicht “You, Me & Us” ja schon ein bisschen von deinen Maxis ab…
Brooks:
Ja, ich habe auch den Eindruck, dass ich nicht besonders gut darin bin, Platten für den Dancefloor zu produzieren, wofür 12″s natürlich sein sollen. Mir liegen auch eher die Sorte Alben am Herzen, die man über einen Kopfhörer anhört, bevor man einschläft. Das geht bei meinem Album glaube ich ganz gut, ich bin jedenfalls schon beim Hören eingeschlafen.”

DeBug:
Von deinen bisher produzierten Stücken ist nur “Clix” auf dem Album vertreten. Warum dieses Stück und warum keines der anderen?
Brooks:
Clix ist der Track, den die meisten Leute von mir kennen. Das ist merkwürdig, weil er gar nicht so repräsentativ für mich ist. Clix ist einfacher und minimaler als meine sonstigen Sachen. Charakteristischer ist z. B. “You See (Who She?)”, das mehr auf Samples basiert und merkwürdige Synthesizer Sounds hat, das ist eigentlich eher das, was mich interessiert. Ich liebe Clix nach wie vor, aber ein bisschen nervig ist das schon, wenn bei Remixanfragen die Leute gleich meinen, ob man es nicht so wie Clix machen könnte.

Misstrauensantrag gegen den Sommer of Love

DeBug:
Als ich Clix zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, Brooks wird um die 30 sein, kommt vermutlich aus Nordengland und fand mit der ersten Detroit Welle und deren Bleep Clonkigen Rezeption in Sheffield Gefallen an der elektronischen Musik. Später standen bei ihm Labels wie Clear und Phono hoch im Kurs und Platten von As One, Metamatics oder Morgan Geist. Vor kurzem wurden die alten Synthies entstaubt und Housetracks mit Old School Affinität und Sensibilitäten für digitales Sounddesign produziert. Was hältst du denn von diesem fiktiven Lebenslauf?
Brooks:
Eigentlich stimmt das ziemlich genau, außer dass ich nicht 30 bin. Mit elektronischer Musik bin ich mit 14 in Berührung gekommen. Ich erinnere mich noch, wie mein Bruder die Artificial Intelligence Sampler auf Warp aus dem Plattenladen anschleppte und mich der Sound total beeindruckt hat. Ich habe viel diesen Stil gehört und dann darüber erst die ganzen klassischen Detroit Sachen entdeckt. Außerdem habe ich viel John Peel im Radio gehört, der wahrscheinlich für jeden, der sich in England für Musik interessiert, wichtig ist. Da wurden oft Talking Heads oder Brian Eno gespielt, was mir sehr gefallen hat und was ja auch wieder die Leute aus Detroit neben Kraftwerk und George Clinton als Einflüsse nennen. Vielleicht auch daher der Detroit Einschlag in meiner Musik.

DeBug:
Dadurch dass du dich so früh mit elektronischer Musik beschäftigt hast, warst du in der paradoxen Situation, Club Musik zu hören, ohne den eigentlichen Rahmen, aus dem diese Musik stammt, erleben zu können. Wie war denn das?
Brooks:
Was Musik angeht, war ich wohl etwas frühreif. Es war natürlich deprimierend, wenn man sich für die Musik interessiert und nicht auf Parties gehen kann. Man liest dann in der Presse von den Free Party Geschichten wie Spiral Tribe und wünschte, man wäre da. Ich habe dann frustriert P. J. Harvey in meinem Schlafzimmer gehört. Sobald ich alt genug aussah, bin ich dann auf Parties gegangen, das ging so mit 14 los. Vielleicht war das keine so gute Idee, weil ich mich jetzt manchmal wie 40 fühle. Aber es war schon sonderbar, erst davon zu lesen und dann erst hinzugehen. Gerade die Acid House Phase war doch garantiert nicht halb so aufregend, wie es alle behaupten. Es ist auch nervig, wenn Leute sich dir überlegen fühlen, nur weil man selbst nicht dabei war. Als ich in Manchester gewohnt habe, war das beim Auflegen immer ein Albtraum. Ständig kam irgendwer und fragte nach Hacienda Klassikern. Wenn man dann sagt, dass man keine hat und auch nicht so genau weiß, was das sein soll, dann wird man blöd angeschaut so à la “Wie bitte, du warst nicht in der Hacienda?”

DeBug:
Das berüchtigte “Ich war früher Punk als du”-Syndrom?
Brooks:
Wahrscheinlich bin ich auch selbst daran schuld. Wenn man Musik macht, die offensichtlich eine referenzielle Ebene hat, bietet man eben eine Angriffsfläche. Viele Leute haben keinen Respekt vor den Originalen, zum Beispiel bei den ganzen Disko Sample Sachen, da denkt man doch oft: Eigentlich würde ich lieber das Original hören, weil dieser 4 Takt Loop nicht die Hälfte des Feelings des Originals einfängt. Manchmal bin ich da auch ein musikalischer Snob.

DeBug:
Wie produzierst du deine Tracks? Arbeitest du sehr samplebasiert oder spielst du viel selbst ein?
Brooks:
Wenn ich ins Studio gehe, habe ich den Kopf immer voller Ideen. Irgendwie gelingt es mir dann nie, diese auch umzusetzen. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Ich bin kein Musiker und außer etwas Keyboard kann ich nichts spielen. Aber wenn ich etwas aufnehme, zerschnipsel ich alles. Wenn ich mit Samples arbeite, dann eher mit abseitigen Geräuschen als mit einem kompletten Loop. Ich versuche, die Samples möglichst stark zu verändern, damit kann ich mich stundenlang beschäftigen. Eigentlich macht mir das Experimentieren mit Sounds auch am meisten Spaß.

DeBug:
Woher nimmst du eigentlich die Old School Synthie Sounds?
Brooks:
Von den originalen alten Geräten. Ich verwende oft das DX 21, viele Sounds, die Mr. Fingers verwendet hat, waren da einfach die Preset Einstellungen. Ich frage mich manchmal, ob es ok ist, so offensichtliche Sounds zu verwenden. Aber ich denke, wenn man sie in einen anderen Zusammenhang stellt, funktioniert das schon. Merkwürdige Akkorde mit einem Ron Trent Orgelsound oder eine Mr. Fingers Bassline und Dani Siciliano singt dazu.

DeBug:
Apropos Dani Siciliano. Auf deinem Album hat mich der Songwritergestus überrascht…
Brooks:
Ja, mich auch. Ich weiß auch gar nicht, wo der herkam. “Color Me Bad” war der erste Song, den ich jemals geschrieben habe. Die erste Hälfte des Albums ist der Popteil. Mir gefällt der Gedanke, Popsongs zu machen, Sachen, bei denen auch meine Eltern mit dem Kopf mitwippen. Einen guten Song entstellt auch nichts, egal wie er umgesetzt ist.

DeBug:
Mir ist aufgefallen, dass du dich, wenn du über deine Einflüsse sprichst, immer nur auf alte Sachen beziehst.
Brooks:
Das stimmt. Klar gibt es neue Sachen, die mich begeistern, aber irgendwie bin ich schon ein Retro Artist. Alte Stücke wirken oft aufrichtiger, auch ungeschliffener. Als das mit der Housemusik losging, war ja alles unverbraucht und hatte daher eine spezielle Ausstrahlung. Nach 15 Jahren wiederholen sich eben vielen Dinge. Deshalb ist es gut zurückzuschauen, wo die Sachen eigentlich herkommen, und darauf aufbauend sich in eine neue Richtung zu bewegen. Ich will niemanden kopieren, es gefällt mir irgendwie, original zu sein, auch wenn man manchmal Einflüsse erkennen kann.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Ein Pin-Up von einem DJ und Produzenten. Brooks sieht aus wie der junge Joe Dallesandro und wirft seine Tolle zu den oldschoolhousigsten Broken Beats aus der Stirn, die jeden Chicago-Nostalgiker wieder ganz jung aussehen lässt. Im Grundschulalter nicht auf Spiral Tribe-Parties gekommen zu sein, ist eben doch der beste künstlerische Antrieb.
Text: felix denk aus De:Bug 63

House

Frühreifer Klassiker
Brooks

Überraschungen sind vor allem deshalb Überraschungen, weil man vorher nicht ahnen konnte, was nachher passiert. Klar, auch bei Brooks gab es Anzeichen, der aufmerksame Maxi-Käufer, Plattenladen-Besitzer und House-DJ war im Bilde – Brooks, der kann was, ist noch jung, da kommen sicher noch interessante Sachen. Aber mit einem Album wie “You, Me & Us” hat dann vermutlich doch niemand gerechnet. Denn da versöhnt Brooks Housemusik mit Songwritergestus, verbindet kleinteiligen Samplefunk mit Old School Synthie Sounds und verliert bei aller Detailverliebtheit nicht den Blick für die größeren Zusammenhänge. Diese merkwürdige Melange entspringt einem im heimischen Schlafzimmer zusammengebastelten musikalischen Universum, in dem die Talking Heads gleichberechtigt neben Ron Trent stehen und ein imaginierter Derrick May schon mal mit der Blechbläsersektion eines nordenglischen Orchesters ins Studio geht. Brooks ganz privater Retrofilm ist eine deutlich unkonventionellere und kreativere Auseinandersetzung mit den 80er-Jahren als es viele Zeitzeugen der Dekade hinbekommen. Scheinbar brauchte es einen 19-Jährigen aus einem nordenglischen Kaff, um die großen Themen der Housemusik zusammenzubringen und alle ins Boot zu holen, ohne dabei anbiedernd gefallsüchtig oder geschmäcklerisch zu werden. Brooks selbst sieht das alles gelassen und faltet die Hände auf der Kante des Bettes, in dem 15 Jahre Housegeschichte auf die Dornröschen-Erweckung durch “You, Me & Us” gewartet haben.
Denn gute Alben sind für ihn dann gut, wenn man dazu auch ruhig unterm Kopfhörer einschlummern kann.

Wundertüte Album

DeBug:
Nach vier Maxis erscheint jetzt ein Album von dir. War es eigentlich etwas anderes, ein Album zu produzieren?
Brooks:
Völlig anders. Als mich das Label um ein Album bat, war es eine ganz bewusste Entscheidung, nicht einfach so weiter zu produzieren. Es gibt so viele Dance-Alben, die eigentlich nur eine Sammlung von 12″s sind und gar nicht berücksichtigen, dass das Ganze eine Einheit bilden soll, die man auch zu Hause hören können soll. Außerdem wollte ich, weil es mein erstes Album ist, alles unterbringen, was mich beeinflusst hat. Das war ein langer Prozess, so 10 Monate, und am Ende war ich nur noch im Studio, habe da auch gegessen und geschlafen. Es ist also schon ganz anders, als eine Maxi zu produzieren, es kommt mehr dabei raus, im Nachhinein ist das sehr schön.

DeBug:
Stilistisch weicht “You, Me & Us” ja schon ein bisschen von deinen Maxis ab…
Brooks:
Ja, ich habe auch den Eindruck, dass ich nicht besonders gut darin bin, Platten für den Dancefloor zu produzieren, wofür 12″s natürlich sein sollen. Mir liegen auch eher die Sorte Alben am Herzen, die man über einen Kopfhörer anhört, bevor man einschläft. Das geht bei meinem Album glaube ich ganz gut, ich bin jedenfalls schon beim Hören eingeschlafen.”

DeBug:
Von deinen bisher produzierten Stücken ist nur “Clix” auf dem Album vertreten. Warum dieses Stück und warum keines der anderen?
Brooks:
Clix ist der Track, den die meisten Leute von mir kennen. Das ist merkwürdig, weil er gar nicht so repräsentativ für mich ist. Clix ist einfacher und minimaler als meine sonstigen Sachen. Charakteristischer ist z. B. “You See (Who She?)”, das mehr auf Samples basiert und merkwürdige Synthesizer Sounds hat, das ist eigentlich eher das, was mich interessiert. Ich liebe Clix nach wie vor, aber ein bisschen nervig ist das schon, wenn bei Remixanfragen die Leute gleich meinen, ob man es nicht so wie Clix machen könnte.

Misstrauensantrag gegen den Sommer of Love

DeBug:
Als ich Clix zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, Brooks wird um die 30 sein, kommt vermutlich aus Nordengland und fand mit der ersten Detroit Welle und deren Bleep Clonkigen Rezeption in Sheffield Gefallen an der elektronischen Musik. Später standen bei ihm Labels wie Clear und Phono hoch im Kurs und Platten von As One, Metamatics oder Morgan Geist. Vor kurzem wurden die alten Synthies entstaubt und Housetracks mit Old School Affinität und Sensibilitäten für digitales Sounddesign produziert. Was hältst du denn von diesem fiktiven Lebenslauf?
Brooks:
Eigentlich stimmt das ziemlich genau, außer dass ich nicht 30 bin. Mit elektronischer Musik bin ich mit 14 in Berührung gekommen. Ich erinnere mich noch, wie mein Bruder die Artificial Intelligence Sampler auf Warp aus dem Plattenladen anschleppte und mich der Sound total beeindruckt hat. Ich habe viel diesen Stil gehört und dann darüber erst die ganzen klassischen Detroit Sachen entdeckt. Außerdem habe ich viel John Peel im Radio gehört, der wahrscheinlich für jeden, der sich in England für Musik interessiert, wichtig ist. Da wurden oft Talking Heads oder Brian Eno gespielt, was mir sehr gefallen hat und was ja auch wieder die Leute aus Detroit neben Kraftwerk und George Clinton als Einflüsse nennen. Vielleicht auch daher der Detroit Einschlag in meiner Musik.

DeBug:
Dadurch dass du dich so früh mit elektronischer Musik beschäftigt hast, warst du in der paradoxen Situation, Club Musik zu hören, ohne den eigentlichen Rahmen, aus dem diese Musik stammt, erleben zu können. Wie war denn das?
Brooks:
Was Musik angeht, war ich wohl etwas frühreif. Es war natürlich deprimierend, wenn man sich für die Musik interessiert und nicht auf Parties gehen kann. Man liest dann in der Presse von den Free Party Geschichten wie Spiral Tribe und wünschte, man wäre da. Ich habe dann frustriert P. J. Harvey in meinem Schlafzimmer gehört. Sobald ich alt genug aussah, bin ich dann auf Parties gegangen, das ging so mit 14 los. Vielleicht war das keine so gute Idee, weil ich mich jetzt manchmal wie 40 fühle. Aber es war schon sonderbar, erst davon zu lesen und dann erst hinzugehen. Gerade die Acid House Phase war doch garantiert nicht halb so aufregend, wie es alle behaupten. Es ist auch nervig, wenn Leute sich dir überlegen fühlen, nur weil man selbst nicht dabei war. Als ich in Manchester gewohnt habe, war das beim Auflegen immer ein Albtraum. Ständig kam irgendwer und fragte nach Hacienda Klassikern. Wenn man dann sagt, dass man keine hat und auch nicht so genau weiß, was das sein soll, dann wird man blöd angeschaut so à la “Wie bitte, du warst nicht in der Hacienda?”

DeBug:
Das berüchtigte “Ich war früher Punk als du”-Syndrom?
Brooks:
Wahrscheinlich bin ich auch selbst daran schuld. Wenn man Musik macht, die offensichtlich eine referenzielle Ebene hat, bietet man eben eine Angriffsfläche. Viele Leute haben keinen Respekt vor den Originalen, zum Beispiel bei den ganzen Disko Sample Sachen, da denkt man doch oft: Eigentlich würde ich lieber das Original hören, weil dieser 4 Takt Loop nicht die Hälfte des Feelings des Originals einfängt. Manchmal bin ich da auch ein musikalischer Snob.

DeBug:
Wie produzierst du deine Tracks? Arbeitest du sehr samplebasiert oder spielst du viel selbst ein?
Brooks:
Wenn ich ins Studio gehe, habe ich den Kopf immer voller Ideen. Irgendwie gelingt es mir dann nie, diese auch umzusetzen. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Ich bin kein Musiker und außer etwas Keyboard kann ich nichts spielen. Aber wenn ich etwas aufnehme, zerschnipsel ich alles. Wenn ich mit Samples arbeite, dann eher mit abseitigen Geräuschen als mit einem kompletten Loop. Ich versuche, die Samples möglichst stark zu verändern, damit kann ich mich stundenlang beschäftigen. Eigentlich macht mir das Experimentieren mit Sounds auch am meisten Spaß.

DeBug:
Woher nimmst du eigentlich die Old School Synthie Sounds?
Brooks:
Von den originalen alten Geräten. Ich verwende oft das DX 21, viele Sounds, die Mr. Fingers verwendet hat, waren da einfach die Preset Einstellungen. Ich frage mich manchmal, ob es ok ist, so offensichtliche Sounds zu verwenden. Aber ich denke, wenn man sie in einen anderen Zusammenhang stellt, funktioniert das schon. Merkwürdige Akkorde mit einem Ron Trent Orgelsound oder eine Mr. Fingers Bassline und Dani Siciliano singt dazu.

DeBug:
Apropos Dani Siciliano. Auf deinem Album hat mich der Songwritergestus überrascht…
Brooks:
Ja, mich auch. Ich weiß auch gar nicht, wo der herkam. “Color Me Bad” war der erste Song, den ich jemals geschrieben habe. Die erste Hälfte des Albums ist der Popteil. Mir gefällt der Gedanke, Popsongs zu machen, Sachen, bei denen auch meine Eltern mit dem Kopf mitwippen. Einen guten Song entstellt auch nichts, egal wie er umgesetzt ist.

DeBug:
Mir ist aufgefallen, dass du dich, wenn du über deine Einflüsse sprichst, immer nur auf alte Sachen beziehst.
Brooks:
Das stimmt. Klar gibt es neue Sachen, die mich begeistern, aber irgendwie bin ich schon ein Retro Artist. Alte Stücke wirken oft aufrichtiger, auch ungeschliffener. Als das mit der Housemusik losging, war ja alles unverbraucht und hatte daher eine spezielle Ausstrahlung. Nach 15 Jahren wiederholen sich eben vielen Dinge. Deshalb ist es gut zurückzuschauen, wo die Sachen eigentlich herkommen, und darauf aufbauend sich in eine neue Richtung zu bewegen. Ich will niemanden kopieren, es gefällt mir irgendwie, original zu sein, auch wenn man manchmal Einflüsse erkennen kann.

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Elektronische Lebensaspekte.