Österreichischer Düster-Hip Hop mit Dialekt: "Brotlose Kunst" aus Linz reagieren in ihren Raps auf Stahl, Chemie und Schornsteine in ihrer Hood. Ihr Lieblingsclub heißt "Kaputt". Es gibt nicht nur eine Bronx.
Text: Jan Kage aus De:Bug 43

Sklaven der Zeit
Brotlose Kunst

Rechtzeitig zur kalten Jahreszeit hat Plattenmeister ein düsteres Album aus Österreich veröffentlicht. Brotlose Kunst, das sind fünf MCs, Produzenten und ein Beleuchter aus Linz. “Brotlose Kunst entführt euch von der Realität in die Illusion oder Zukunft, wie sie sich jeder selbst ausdenken und auch verändern kann. Also: sucht nach neuen Ideen, findet neue Geschichten, Styles und …”, so eröffnen sie die Reise.
Zuerst sticht einem der österreichische Akzent entgegen. Dieser breite Dialekt, der sich über die düsteren Beats legt und in assoziativen Texten eine einfache Philosophie des Alltags ausbreitet. “Wir schreiben über Themen, die unser Leben beeinflussen, was uns am Herzen liegt. Wir fahren unsere eigene Schiene. Unsere Texte drücken aus, wie wir fühlen und wie wir denken.”
Das ist gut. Fordern doch immer mehr Stimmen Inhalt im Deutschrap ein. Brotlose Kunst nehmen den Rap auf einen Level, auf dem er noch nicht war. Surreale Ebenensprünge, unwirkliche Traumwelten und konkrete Zeitkritik verweben sich zu einem Netz, das die Sinne fängt. Machen es solche Texte nicht schwer, eine HipHop-Crowd zu rocken, die im Zweifel den straighten, animierenden Partyreim bevorzugt?
“Wir versuchen beides zusammenzubringen: Rocken und Nachdenken. Obwohl es recht schwer ist. Aber wir haben uns einiges für Live-Auftritte überlegt; zum Beispiel, dass wir die Bilder, die wir im Kopf erzeugen wollen, visuell anregen. Wir verstärken die Stimmung durch Projektionen, Dias und so. Wir provozieren weniger das Mitgeschrei.”
Es gibt Musik, die für den Tanzboden gemacht wurde, und Musik, die sich eher im Sessel erschließt. Auf “Sklaven der Zeit” nutzen Brotlose Kunst die Möglichkeit des Rap, eigene Welten zu malen, für deren Erschließung der Hörer Zeit braucht.
“Unsere Absicht war es, soviel Information in die Platte zu packen, dass die Leute sie öfters hören müssen.”
In welcher Umgebung entwickelt man solcherart Musik? In urbaner Szene oder völliger Abgeschiedenheit. Oder scheidet dieser Style, den ich sonst in seiner philosophierenden Fragerei höchstens von dem großen Unbekannten des Deutschrap, “Schlockmaster”, kenne, den Interpret vom Rest der Rap-Nation? Welche Motivation hat euch getrieben?
“Wir haben unseren Style sehr langsam entwickelt. Es gibt uns ja nun seit sieben Jahren. Wir wollten nicht auf der Schiene von anderen fahren. Linz ist eine Industriestadt. 200.000 Leit, rundherum Wohnblocks, Schornsteine, Stahl, Chemiewerk, und im Stadtzentrum sammelt sich die Szene. Im “Kaputt” spielen auch viele deutsche Bands.”
Wie ist das Verhältnis zwischen östereichischem HipHop und deutschem?
“Einen eigenen österreichischen HipHop-Boom hat es noch nicht gegeben. Da ist eher euer Boom auf uns umgeschlagen. Dass heißt, die Kids hören den deutschen HipHop und kennen auch alle die Stars. Es braucht natürlich Zeit, bis sie die eigenen Sachen kennenlernen. Es ist hier nicht so vernetzt wie bei euch.”
Ein deutscher MC, Holunder vom Blumentopf, featured auf dem Track “Süßlicher Weihrauch”. Wie kam es zu dem Kontakt? Immerhin scheinen Österreich und Bayern ja traditionell ganz gut vernetzt zu sein. So wohnen etwa die österreichischen Total Chaos in München.
“Wir haben die Jungs vom Blumentopf auf Jams kennengelernt, und wir waren uns gleich sympathisch. Holunder war dann zufällig im Studio bei Texta und wir haben gefragt, ob es ihn interessiere. Er hat seinen Text aufgeschrieben und wir haben “Süßlicher Weihrauch” gleich aufgenommen.”
Gegen eine Differenzierung zwischen Österreicher- und Deutschenstyle, ganz nach dem Motto: Österreich ernst und deep und deutsch lustiger Metaphernwitz, verwahrt man sich im Hause Brotlose Kunst allerdings. Man will die beiden Szenen nicht zu unterschiedlich beurteilen. “Die bekannten Sachen sind halt witzig und die Düsteren nicht so bekannt. Es gibt in Österreich schon viele Leute, die auch was sagen wollen und nicht nur reimen in dem Sinn. Wir beeinflussen jetzt halt die nächste heranwachsende Generation. Und wenn man da einen verändern kann, ist das cool und eine Bestätigung dafür, dass man Musik macht. Es ist cool, wenn die Kleinen zu dir kommen und dir erzählen, sie hätten die ganze Nacht über deine Texte nachgedacht. Es gibt hier viel verschiedenes. Es gibt in Österreich auch Battle-Rap. Es gibt aber auch Leute, die versuchen, die HipHop-Welt woanders hin zu bringen, wo sie noch nicht war. Originalität ist immer das Stichwort.”
Wenn man halt schon kein Brot für seine Kunst kriegt und man sich als Lagerarbeiter, Maschinenschlosser, Regalbauer oder Student verdingen muss, soll der einzige Lohn die Beeinflussung der Nachwelt sein. Haben sich nicht schon antike Philosophen auf das Verderben der Jugend verstanden. Wir werden halt alle bezahlt, irgendwie. Hoffentlich bleibt den Linzern der Schirlingsbecher erspart.

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Elektronische Lebensaspekte.