Der Mann mit der Schiebermütze will es nach Talkin' Loud noch einmal wissen. Mit Broownswood gründet er ein Label, das auf einzelne Musiker statt auf Genre-Kategorisierung baut.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 108

Freestyle

Talkin’ Louder?
Gilles Peterson lanciert Brownswood Records

Man kann Gilles Peterson vieles vorwerfen. Sei es die Überstilisierung des DJ-Ichs oder der doch ein wenig konformistische Ansatz seiner BBC1 Worldwide Show. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass der Engländer schon immer Weitsicht bei der Entdeckung von Newcomern bewiesen hat. Exemplarisch dafür steht nicht zuletzt der ernorme Erfolg als A&R von Talkin’ Loud Ende der Neunziger: Roni Size, 4 Hero, MC Solar, schließlich die mehr oder minder erfolgreiche Unterstützung des Soul-Endes von 2Step. Petersons neueste Talentschmiede heißt “Brownswood Rec.“, und ja, den Namen gab es schon mal. Zum einen als Label der Tokioter Kollegen U.F.O. Außerdem trug die letztes Jahr auf Luv N’ Haight (Sublabel von Ubiquity) erschienene Compilation “Gilles Peterson diggs America“ eben jenes ominöse “Brownswood“ im Untertitel. Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um die Peterson’sche Casa irgendwo im Londoner Umland, in deren Keller die noch geheimnisvollere Plattensammlung versteckt ist, aus der der Meister für seine inzwischen zahlreichen Compilations schöpft.

Im Dezember erscheint mit “Brownswood Bubblers“ zunächst eine Übersicht des Labelrosters. Direkt dahinter folgt das erste Album des “Heritage Orchestras“, ein 43-köpfiges klassisches Ensemble. Nun kommt einem mit dem Nu-Jazz-Ansatz im Hintergrund gleich Porgy & Bess, Gil Evans oder gar Gershwin in den Sinn. Ist alles nicht falsch, aber trotzdem ist die Truppe mit eher symphonischem Ansatz näher an Henry Mancini oder John Williams dran. Ähnlich überraschend kommt auch der Rest der Label-Combo daher. Da wäre zum Beispiel Shawn J. Period, der mit seinen von Herbie Hancock co-produzierten Beats Ende der Neunziger dem Brooklyner Schöngeist Mos Def zum Durchbruch verhalf. Außerdem hört man Nicole Willis, die Stimme und Ehefrau von Jimi Tenor, oder den Japaner Yellowtail, der zuletzt auf Compost veröffentlichte. Dann erscheinen mit Ben Westbeech aber auch schwer überzeugende Newcomer.

Genre-technisch bewegt sich das zwischen Jazz, R&B und Latin, dabei aber, selbst wenn elektronisch angereichert, in der jeweils pursten Form. So kann es Peterson als Gründer nur um eine frische Alternative zum reichlich verkrusteten Jazz-, Soul- und/oder Klassik-Bereich gehen. Und das bedeutet den Fokus eben nicht aufs Genre, sondern auf die Musik, genauer gesagt, die Musiker zu legen. Verve oder gar Deutsche Grammophon sind natürlich im Plattenladen auch kein Weggucker. Aber in den meisten Fällen veröffentlichen Neulinge – ohne speziellen Fokus à la Jan Garbarek oder eben Jimi Tenor – bei viel zu kleinen Labels mit viel zu wenigen Kontakten.

Die andere Alternative ist eine notwendige Kategorisierung, um sich im Kontext von klassischem Jazz, US Conscious Rap/Soul oder dem übersexualisierten R&B zu verkaufen. Peterson gibt nun denen, die anspruchsvoll, sexy, hip und trotzdem independent sein wollen, eine neue Plattform. Im ersten Moment mag das belanglos erscheinen, könnte aber mit dem Image und Netzwerk im Hintergrund schnell zum Talentkatapult mutieren. Trotzdem wird sich, davon ausgehend, dass Peterson in London nicht dem neuen D’Angelo über den Weg läuft, erst mittelfristig zeigen, ob der Mann auch weiterhin ein Händchen für große Klasse hat.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.