Dass Form und Funktion so untrennbar sind wie Mensch und Objekt, macht Bruce Sterlings neues Buch deutlich. Ein Hoch auf die Technologie.
Text: Clara Völker aus De:Bug 98

“Shaping Things” von Bruce Sterling // Die Optimierung des Müllberges

Wer denkt, dass Designer im Grunde formversessene Faulpelze sind, die nichts Besseres zu tun haben, als unnütze Gegenstände schöner und schnittiger zu frisieren, wird von Bruce Sterling in seinem neuen Buch “Shaping Things” eines Besseren belehrt. Designer sind für ihn die Götter des Ideenreichtums, die Daniel Düsentriebe des Digitalen, kurzum: seine Helden. Klingt erst mal merkwürdig, zumal Bruce Sterling bisher ja eher als Science-Fiction-Autor denn als Design-Liebhaber in Erscheinung getreten ist. “Shaping Things” ist allerdings ein Buch nicht nur für Designer, sondern auch für Denker, Ingenieure und dergleichen – für alle, die sich für die Beschaffenheit von Objekten interessieren und diese zu formen gedenken. Hierzu gehört für Sterling nicht nur der Wille zur Spekulation und Vision, sondern auch eine realistische und verantwortungsbewusste Auseinandersetzung mit den momentanen und vergangenen Zuständen von Objekten, der Blick für die Struktur, das Gesamte. Designern kommt also eine ganz grundlegende Aufgabe zu, nämlich die der Weltoptimierung. Und diese ist dringend notwendig, da wir größtenteils von kopf- und zukunftslosen Technologien umgeben sind, die unsere Welt in einen ausgelaugten Müllberg verwandeln. “Shaping Things” dreht sich also um Dinge und ihre verschiedenen Formen, Kontexte und Wirkungsweisen. Um seine Idee zu erklären, führt Bruce Sterling eine recht eigene Terminologie ein. Zum einen gibt es für ihn bisher fünf Kategorien von Objekten, die chronologisch aufeinander folgen: Zunächst Artefakte, dann ab dem frühen 16. Jahrhundert Maschinen und seit 1918 Produkte. Seit 1989 gibt es Gizmos, die man z.B. an ihrem Barcode erkennen kann, und seit letztem Jahr gibt es Spimes, durchmessene, vernetzte und wahrlich intelligente Objekte, Verkörperungen eines immateriellen Systems, die den Menschen durch die Schaffung einer jeweils eigenen Metageschichte fundamental verändern werden. Nach den Spimes kommen die Biots und spätestens dann werden wir nicht mehr wirklich wissen, was Objekt und was Mensch ist. Um diese Objekte, die unsere Geschichte in Phasen einteilen, ranken sich eine ganze Reihe von Problemen, die “Shaping Things” mittels Grafiken und einer Hand voll Schlüsselbegriffen sehr plausibel zu erläutern versteht. Im Mittelpunkt bzw. im Dazwischen steht dabei natürlich die Technologie, die Bruce Sterling in drei Arten unterteilt: natürliche und damit recyclebare Technologie, monumentale und damit von der Zeit überholte Technologie und schließlich graziöse Technologie, die informiert, fortgeschritten und zerlegbar ist – das ist die Art Technologie, an der Designer heute im Dienste der Menschheit arbeiten sollen. “Shaping Things” ist ein so geistreiches wie lebhaft geschriebenes Buch, das, wie sollte es anders sein, durch das recht ungewöhnliche, grüne Design von Lorraine Wild versucht, den Inhalt zur Form werden zu lassen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Bruce Sterling ist der Punk im Cyberspace. Fast prototypisch, aber das ist auch kein Wunder, hat er doch mit Cyberspace-Erfinder William Gibson die Schreibmaschine geteilt. Mit seinen Romanen, Mailinglisten und seiner Ökobewegung fordert er das futuristische Design, mit dem Moral, Ökologie und Schönheit in Zukunft wieder zusammen finden.
Text: Martin Conrads | Ulrich Gutmair
aus De:Bug 45

Bruce Sterling
Die Faust im Cyberhandschuh

“Für De:Bug ist das Interview also? De-Doppelpunkt-Bug! Es hat tatsächlich einen Doppelpunkt im Namen. De-Doppelpunkt-Bug! Wieder eines von diesen Magazinen, das ein Satzzeichen mitten im Namen braucht: Irgendwas-Schrägstrich-Irgendwas, Irgendwas-Punkt Irgendwas, Irgendwas-Doppelpunkt-Irgendwas oder ein Großbuchstaben mitten im Wort…”

Bruce Sterling kennt seine Pappenheimer. In seinen journalistischen Reportagen, seinen Kurzgeschichten und SciFi-Romanen wie Heavy Weather (1994), Holy Fire (1996), Distraction (1998) und Zeitgeist (2000) widmete sich Bruce Sterling temporären autonomen Zonen, dem Treibhauseffekt, der europäischen Netzszene, der ewigen Jugend, der New World Order und Stuttgart. Seine beiden Netzprojekte, die Dead Media List und das Viridian Movement, pendeln zwischen den Polen von Archäologie und Prognostik und sind zum Anlaufpunkt für Medienhistoriker und die US-amerikanische Grüne Bewegung geworden. Als Mitbegründer des Cyberpunk-Genres analysiert er seit 25 Jahren die technologische, politische und nicht zuletzt ökologische Verfasstheit einer Gesellschaft, die sich kaum um so etwas wie Zukunftsdesign schert.

Als Texaner und Futurist kritisiert er dieses System bis zum diskursiven Ausstieg: “I dissent!” Ist Bruce Sterling nun der amerikanische Rudolf Bahro oder doch der Enkel R. Buckminster Fullers? Und was hat das alles mit George W. Bush zu tun? Mit dem Co-Texaner Bush hat die Old Economy der Ölindustrie eben die New Economy-freundliche Administration von Clinton/Gore beerbt. Laut Sterling interessieren sich die Strategen Bushs außenpolitisch vor allem für eins: Ressourcen. Noch während man die entsprechenden Interviewpassagen editiert, laufen über CNN auch schon die Nachrichten über den US-Luftangriff auf irakische Stellungen bei Bagdad ein. So verwirklicht sich die von Sterling eine Woche zuvor im Berliner Forum Hotel formulierte These drastisch von selbst: Obsolescence is the future in reverse…

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De:Bug: Sie leben in Texas und haben damit bereits einige Zeit unter einer Bush-Regierung gelebt. George W. Bush setzt ja bekanntlich auf den sogenannten Compassionate Conservatism, was man in Kürze wohl als Deregulierung unter verstärktem Einsatz der Kirchen bezeichnen könnte, die die Armen dann speisen. Welche Veränderungen wird George W. Bush den USA bringen?

Sterling: Es wird keine großen Veränderungen in den USA geben. Es handelt sich nur um eine Restauration der Bush-Dynastie der früheren Jahre. All die alten Figuren aus den Ford- und Bush-Administrationen sind wieder an der Macht. George W. Bush ist nichts als das junge, akzeptable Gesicht, das dieses Amt geerbt hat. Man kann sich die regierende Bush-Dynastie als Version der Hohenzollern, als eine imperiale Militärmacht denken. Unser neuer Außenminister und Weltpolizist war früher Stabschef der Armee, was im allgemeinen kein gutes Zeichen ist. Dies deutet darauf hin, dass sich die Cruise Missiles schon mal aufwärmen. Es wird dabei um den Irak gehen. Die Bush Dynastie ist davon überzeugt, dass die einzigen wirklichen Interessen Amerikas Ressourcen sind, insbesondere Öl. Insgesamt ist das eine Kehrtwende weg von der New Economy, wie sie Gore repräsentiert hat, zurück zur alten Ökonomie, wie sie von den Ölmogulen der Bushregierung repräsentiert wird. Für Europa hat dies alles keine Bedeutung.

De:Bug: Es sieht aber nicht so aus, als ob die neue Regierung eine grüne Politik vertritt, wie Gore sie im Sinn hatte. Im Hinblick auf den Treibhauseffekt, der sie und die Viridianische Bewegung interessiert, könnte die Bush-Regierung wohl auch für Europa interessant werden?

Sterling: Die Viridianische Bewegung ist sozusagen mein Hobbykreuzzug gegen den Treibhauseffekt. Ich bin Futurist und interessiere mich für Phänomene, die im Augenblick zwar nicht als wichtig erachtet werden, bald aber gravierende Folgen haben. Der Treibhauseffekt wird schon sehr bald das Klima verändern und wird damit zu einem zentralen Problem des 21. Jahrhunderts werden. Deswegen mache ich Lärm in der Sache. Tatsächlich leisten das Ölestablishment und verschiedene Unternehmen hier ganz gute Arbeit. Ich bin zum Beispiel von der Arbeit von BP beeindruckt. Wenn man die Struktur der Energieversorgung reformieren will, dann erreicht man mit Demonstrationen und Transparenten wenig. Man muss tatsächlich eine vollkommen neue Struktur aufbauen, im wahrsten Sinne des Wortes: Das ist harte Arbeit mit der Schaufel in der Hand, die man nicht erledigt, indem man kurz die F1-Taste drückt.

Einige der Unterstützer Bushs, wie etwa Bill Ford von Ford oder John Brown von BP sind rechte, kapitalistische Grüne. Es spricht ja auch nichts dagegen, mit grüner Energie eine Menge Geld zu verdienen. Dafür gibt es im Gegensatz zu den Dot.coms sogar ein Business-Modell. Nennen wir es Voltage.com, damit kann man Profite machen.

De:Bug: Ein grundlegendes Moment Ihrer Arbeit scheint darin zu liegen, Unsichtbares sichtbar zu machen, in Form von Popkultur erscheinen zu lassen.

Sterling: Dieses Thema zieht sich durch viele meiner Texte und findet sich auch auf der Viridian-Mailingliste als Aufforderung wieder: Versuchen wir die Paradigmen abzulegen, die unsere Realität verzerren. Konfrontieren wir uns mit den konkreten Problemen. Man stellt üblicherweise keine Verbindung mit Kohlendioxid und der Atmosphäre her, wenn man ein elektrisches Gerät einschaltet. Wenn man sich diese Lampe hier ansieht, fragt man sich nicht, woher der Strom für das Licht kommt. Diese reale Verbindung ist symbolisch zertrennt. Eine Steckdose ist so anonym und so unsichtbar wie man eine technische Apparatur nur machen kann. Es gibt nichts Banaleres als eine Steckdose, sie ist aber der Grund, warum wir uns rösten. Die Frage ist also, wie wir diese Struktur durchbrechen, damit wir uns über die Zusammenhänge klar werden, damit die Leute fordern: Ich will grünen Strom! Ich muss mehr dafür bezahlen? Kein Problem, gebt mir grünen Strom! Ich will den braunen nicht mehr!

De:Bug: In Heavy Weather beschreiben Sie das Szenario der Klimakatastrophe. Der Run auf Wetterdaten führt dort zu einer Form des rasenden Stillstands. Tatsächlich entwickeln sich derzeit Unternehmen gut, die dynamische Wetterdatenbanken und entsprechende Prognosen verkaufen, während große Teile der New Economy an den Börsen abstürzen. Gleichzeitig crasht auch das Klima.

Sterling: Wir werden noch eine Menge weiterer ökonomischer und klimatischer Crashs erleben. Auch wenn auf den Champs-Elysées die Bäume umgeblasen werden, die Gletscher schmelzen und so weiter, sind wir nach Standards des 21. Jahrhunderts noch in einer frühen Phase des Treibhauseffekts. Das ist zwar schlimm, aber das Schlimmste steht uns noch bevor. Wir sehen nur die frühen Warnsignale davon. Dass die New Economy crasht, ist als Phänomen dagegen nichts Neues. Die Leute wollen einfach kein Geld mehr in absurd überzeichnete Werte von Unternehmen investieren, die realistischer Weise niemals wirklich Umsätze machen werden. Vom Dot.com-Crash werden wir uns bald erholt haben, das Wetter hingegen wird nicht besser werden. Der Wirtschaft wird es bald besser gehen, wenn Kapazitäten aus imaginären Internetunternehmen abgezogen werden und in Unternehmen investiert werden, die tatsächlich die Produktions- und Distributionsweisen verändern. Es gibt ein großes Potential für einen wirklichen ökonomischen Wandel, für wirklich fundamentale Veränderungen in der Art und Weise wie Produkte hergestellt, verkauft, geliefert werden, also in der gesamten industriellen Ordnung. Niemand wird diese Entwicklung aufhalten können.

Aber wir werden dies nicht von einem Tag auf den anderen ändern können. Es ist einfach physisch unmöglich. Selbst mit dem größten politischen Willen und einer kriegsähnlichen Mobilisierung der Gesellschaft wäre es extrem schwierig, die bestehende, enorm große Energieinfrastruktur mit ihren Kraftwerken loszuwerden. Das sind die größten Maschinen, die die Menschheit je gebaut hat.

Wenn es um Konvergenzen geht, dann denke ich nicht an die Konvergenz zwischen Börsen- und Wettercrash, sondern an die Kombination von Stromnetzen und digitalen Netzen. In anderen Worten: wenn die Infrastruktur um einiges smarter wäre, dann wäre sie vermutlich um einiges effizienter. Das heißt, man müsste sie besser designen.

De:Bug: Die ganze Idee eines viridianischen Designs erinnert stark an R. Buckminster Fullers Design Revolution, die den selben Antrieb hatte: Eine generelle Idee des Entwerfens zu entwickeln, die ökologisch gesehen Sinn macht. Kann man den Vergleich anstellen?

Sterling: ich kann mich kaum mit Buckminster Fuller vergleichen. Er war tatsächlich Ingenieur, und ich bin jemand, der vor allem viel redet. Sagen wir so: Ich hege einen persönlichen Groll gegen den Treibhauseffekt. Ich bin selbst ein Kind der texanischen Ölindustrie. Ich habe das Gefühl, eine ganz persönliche Verantwortung für das zu tragen, was diese Industrie getan hat. Sie hat mich schließlich ernährt und in die Schule geschickt! Ich bin dank dieser Industrie privilegiert, und ich glaube nicht daran, dass die Leute, die in ihr arbeiten, böse sind. Ich werde nicht meinen Vater denunzieren – er ist immerhin mein Vater. Es gibt in Texas sowieso niemanden, der nicht irgendwie mit Öl zu tun hat. Texas ist ein Synonym für Öl.

Aber als es letztens eine Umweltkatastrophe in Mexiko gab und die Wälder in Chiapas brannten, war der Himmel in meiner Heimatstadt zwei Wochen lang grau. Die Rauchwolke wanderte bis nach Chicago, und das kann ich nicht ignorieren. Ich lege Widerspruch ein, ich bin ein Dissident in dieser Sache. Ich werde mit diesem System nicht mehr zusammenarbeiten! Ich werde das tun, was aus meiner Position heraus am Effektivsten ist. Ich hätte mit der Viridianischen Bewegung die grüne Partei mit einer Spendenkampagne unterstützen können, ich lebe in der Hauptstadt eines Bundesstaates und ich kenne Leute in der Politik. Ich verstehe, wie dieses System funktioniert, aber ich glaube nicht, dass das der richtige Ort für einen Sciencefiction-Autor ist, um seine Energien zu investieren.

Ich interessiere mich vielmehr für Industriedesign und technische Entwicklung. In einer Sache sind Sciencefiction-Autoren wirklich gut, nämlich darin, Technologie sexy aussehen zu lassen. Das ist unsere soziale Rolle. Als ich mit Heavy Weather 1994 eine Treibhauseffekt-Katastrophen-Story geschrieben habe, hat das nicht viel verändert. Es ist halt nur eine Geschichte, und ich finde, dass man langsam den Krieg auf das Territorium des Feindes tragen muss. Die Gruppe, die ich wirklich erreichen will, sind Dozenten, die im Bereich Industriedesign arbeiten. Obwohl auf der Viridian Mailingliste nur wenige Designer vertreten sind – Philippe Starck wird nicht damit aufhören, Zahnbürsten zu designen, um mal bei uns vorbeizuschauen – will ich vor allem Designlehrer für unsere Liste interessieren.

Wenn man Design studiert, dann kommt man nicht wirklich dazu, konkrete Dinge herzustellen. Man beschäftigt sich vielmehr damit, imaginäre Produkte herzustellen, Projekte auf dem Papier zu formulieren. Und auch wir sind wirklich gut darin! Du brauchst Projekte für deinen Unterricht? Auf der Viridian-Liste gibt es sie en masse! Wir haben uns auf Viridianische Design-Projekte spezialisiert: Dinge, die es nicht gibt, die wir aber gerne hätten. Dinge aus einer besseren Welt.

Ich denke, das ist unsere effektivste Taktik: Alltagsgegenstände zu beschreiben, die sehr attraktiv, aber nicht zu haben sind, weil unsere Gesellschaft zu schmutzig ist und zu schlecht organisiert, um solche Objekte herzustellen. Ich denke, das ist der bessere Weg, um das Denken der Leute zu verändern. Gib ihnen das Artefakt, keine Lektion über die Verfassung! Wenn man in einer Gesellschaft leben will, in der die Frauen befreit sind, dann nützt das Reden über Unterdrückung wenig. Dann muss man Frauen in der Öffentlichkeit sehen, die etwas machen, das ihre Freiheit zeigt!

De:Bug: Ist das das Gegenteil von toten Medien: Design für die Medien der Zukunft?

Sterling: Mein Dead Media-Projekt verhandelt tote Formen von Medien, und das Viridian Movement denkt darüber nach, wie die existierenden Energiesysteme überflüssig gemacht werden können. Wie ersetzen wir sie durch etwas Besseres? Ich interessiere mich sehr für die Idee des Obsolet-Werdens. Obsoleszenz ist die Zukunft im Rückwärtsgang. Wenn man wissen will, wie Neues entsteht, muss man nur begreifen, wie das Alte verschwindet. Erwachsenwerden, Senilität und Tod sind Teil des Lebens wie Sex, Geburt und Pubertät. Es gibt keinen Grund, dazwischen eine Grenze zu ziehen. Genauso wenig gibt es einen Grund, die Zukunft der Technologie von ihrer Vergangenheit zu trennen. Wenn man Technologie verstehen will, muss man sie als Ganzes verstehen, man kann sich nicht das Beste herauspicken.

Ulrich Gutmair ist Redakteur der Netzeitung.
Martin Conrads schreibt z.B. für Dedoppelpunktbug.

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