Wenn Zürich überregionales Technoprofil hat, dann wegen des Labels "Bruchstücke". Labelmacher Markus Unterfinger knüpft empirisch wie ästhetisch Fäden nach Köln, behält beim Groove aber immer die Spitzgrate des Mont Blanc im Blick.
Text: Katja Stier aus De:Bug 55

Bisquit, Brille, Puzzle
Bruchstücke Zürcher Clubsound Produktionen

Die Zürcher Plattenlabel sind noch jung und folgen einer eigenen Dynamik. Die Schweizer haben sich jede Menge Zeit gelassen, bis ihre Eigenproduktionen endlich Ende der 90er auch im Plattenladen auftauchten. Bruchstücke, das Label des Zürcher Aktivisten Markus Unterfinger, ist wahrscheinlich heute das bekannteste Clublabel aus der Stadt an der Limmat. Anfang ’99 kam mit der “Bisquit EP” von Styro2000 die erste einer Reihe von EPs im 12″ Format via Kompakt auf den internationalen Markt. “Brille” von Klettermax und “Rizla” von Bang Goes folgten. Allesamt repräsentieren sie Zürcher Produzenten, die seit vielen Jahren aktiv die dortige Musikszene als DJs und/oder Live-Acts mitprägen. Eine Labelstruktur aber, die ihr Schaffen auch nach außen trägt, hatte lange Zeit gefehlt. “Bruchstücke war für uns Zürcher ein wichtiger Schritt,” kommentiert Marcel Ackerknecht alias Styro2000 die Verbundenheit zu seinem Label. Gerade ist seine dritte Veröffentlichung “Puzzle” auf Bruchstücke erschienen. Darauf versammeln sich vier eigenwillige Tracks, die jeder für sich einen neuen Kosmos eröffnen. Setzt man die Puzzleteile aber zusammen, wird vieles sichtbar: Bruchstücke einer zackig-kantigen Produktion, die in keine Schublade will. Markus Unterfinger legt Wert darauf, dass die Produktionen seines Labels keinem festen Soundstyling folgen, sondern ihre Eigenarten bewahren. “Mir ist es wichtig, dass die Bruchstücke-Releases wirkliche EPs sind, keine Maxis, auf denen ein Thema dreimal variiert wird und es am Ende gleich ist, ob man diesen oder jenen Track spielt. Die einzelnen Stücke einer Bruchstücke Platte sind jeweils sehr unterschiedlich.” Jede 12″ ein Ausflug in den Mikrokosmos einer Produzentenküche.

Köln not Köln

Kurz nach Gründung des Labels zog es den Macher Markus Unterfinger weg aus Zürich. Ein Zweitstudium entsandte ihn an die Kunsthochschule für Medien in Köln, von wo aus er sein Engagement in Sachen tanzbare Elektronik fortsetzte. Die Labelarbeit hielt den Faden nach Zürich, seine Präsenz in Köln garantierte eine gewisse Wahrnehmung über die neutralen Grenzen seiner Heimat hinaus. Nach gut zwei Jahren in einer der deutschen Elektronikhochburgen gibt es dennoch keinen Köln-Release auf Bruchstücke. “Ich wollte nicht zu sehr in dieses Kölner Fahrwasser geraten,” erklärt Markus Unterfinger. “Die Kontakte hier sind mir lieb und wichtig, aber Bruchstücke hat ein eigenes Gesicht und soll seinen eigenen Weg gehen.” Neben den Bruchstücke ‘Homeboys’ sind derweil auch zwei Releases des Stuttgarters Robert Aberle unter dem Namen ‘Vermittelnde Elemente’ erschienen. Ein erster Beweis, dass Markus Unterfinger auch ein Auge auf guten Clubsound außerhalb Zürichs hat und Bruchstücke zwar ein Schweizer Label ist, aber eben nicht nur für die Schweiz. Dass dieser Sound auch andernorts funktioniert, haben die Gastspiele von Styro2000 und Bang Goes in Köln, Berlin und Mannheim eh längst bewiesen. Da kamen Halbtodgetanzte um fünf Uhr morgens zum Pult, um den Herren zu huldigen für einen Groove, der keinen am Rande der Tanzfläche hält. Dank Bruchstücke ist dieser Sound mittlerweile in diverse Plattenkoffer internationaler DJs geraten und erobert Stück für Stück und Bruch für Bruch auch die Clubs fernab von Zürich.

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Elektronische Lebensaspekte.