Der ehemalige Drummer aus Seattle ist von elektronischen Rhythmusprogrammierungen so begeistert, dass mindestens der Drum-Hocker bei Sonic Youth frei werden müsste, um ihn wieder hinter die Pötte zu kriegen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 93

Bruno Pronsato

Glaubt man James Camerons “Dark Angel”, und es gibt weitaus dümmere Dinge, an die man glauben kann als an Fernsehserien, dann ist Seattle die Geburtsstadt eines neuen Zusammenlebens von Menschen und Mutanten. Glaubt man den Platten auf Orac, dann ist Seattle vor allem ein unerwartetes Zentrum elektronischer Musik in Amerika, das seinen Nachbarn auf der anderen Seite des Kontinents, Montreal und Toronto, in nichts nachsteht und sich langsam immer mehr ausbreitet bis hin zu Akufens Musique Risquée, das die Verwandtschaft von Seattle und Montreal als erstes erkannt hat. Stephen Ford aka Bruno Pronsato gehört mit seinem Album “Silver Cities” und der “Ape Masquerade”-EP zu den herausragenden Acts auf Orac und das, obwohl er erst vor wenigen Jahren seine Drummer-Karriere – denn Seattle ist und bleibt eine Rockstadt – an den Nagel gehängt hat.

Was gab es eigentlich in Seattle vor Orac?

Bruno: Es gab immer eine kleine Szene von Musikern in Seattle, aber eben nie ein Label, das sie hätte repräsentieren können. Sie war einfach zu zerstreut. Randy (aka Caro) & Kon, die das Orac-Label machen, haben die Techno-Produzenten und -Fans mit einem Abend namens Robotrash zusammengebracht. Einfach jeder in dieser Stadt, der Techno produzierte, kam vorbei. Und man ging immer mit einer handvoll Emailadressen und CDs von allen möglichen Leuten raus. Die Woche drauf redete man dann über die Tracks und traf wieder mehr Leute. Das war groß, lief aber nicht sehr lang. In Seattle funktionieren wohl vor allem OneOffs.

Warst du mit Randy & Kon schon vorher befreundet?

Bruno: Nein. Sie hatten aber schon vier Releases auf dem Label. Ich kannte Randy von den Robotrash-Abenden, aber wir gingen nicht grade zusammen Tee trinken. Kon hab ich sogar erst ein Jahr später getroffen, weil er, als ich meine erste Bruno Pronsato 12″ gemacht habe, grade in Kalifornien lebte. Ich hatte sogar ein paar mal bei Robotrash gespielt, als die Parties noch von jemand anderem veranstaltet wurden. Irgendwann aber wollte Randy ein Demo und dann wurde ganz schnell Orac 05 draus. Seitdem sind wir gute Freunde.

Hat es immer noch einen Einfluss auf deine Tracks, dass du mal Drummer in einer Rockband warst?

Bruno: Ich denke schon. Als Rockdrummer sucht man immer nach einer erfinderischen Art, die gleiche Geschichte neu zu erzählen. Tanzmusik ist da nicht so anders. Nur dass der Fokus hier darauf liegt, wie gut die Rhythmen dann auch realisiert werden. Deshalb muss man einiges tiefer werden, um die gleiche Geschichte zu erzählen. Als Drummer geht es mir auch darum, Dinge zu ändern, ohne die Kids auf dem Dancefloor damit zu erschrecken. Robert Hood ist ein perfektes Beispiel. In meinem Kopf bin ich dazu noch nicht ganz fähig, aber es ist mir schon völlig klar. Man kann die Herkunft eines Producers, ob er Schlagzeug gespielt hat oder Piano, in den Tracks immer an der Gewichtung hören. Für Bruno Pronsato ist Rhythmus der Schlüssel.

Was müsste passieren, damit du wieder Drums spielst?

Bruno: Puh. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sonic Youth müssten Steve Shelley feuern, dann überleg ich’s mir. Ich plane zwar für ein paar meiner Tracks, eine Serie die auf Telegraph erscheinen wird, zu drummen, aber bislang gibt es nur einen Track mit Drums und die wurden von einem sehr guten Freund von mir gespielt. Ich bin einfach so aus der Übung, dass ich mich nicht mal mehr Drummer nennen würde.

Ist der Grund, warum du damals von Rock zu elektronischer Musik gewechselt hast, immer noch aktuell?

Bruno: Mit Rock ging es für mich nicht mehr weiter. Ich hatte alles gegeben. Das war für mich eine Entdeckung. Ich liebte die Musik, aber das Ganze war eine Sackgasse für mich. Also dachte ich schon, das war’s mit Musik für dich. Wenn du darüber nicht hinwegkommst, dir das alles keinen Spaß mehr macht, dann werf’ das Handtuch, oder denk wenigstens eine Weile drüber nach. Das alles ist nie passiert, weil ich mir zu der Zeit einen Computer gekauft habe, all die Musik-Software entdeckt habe und eines Tages war es mir dann klar. Ich saß auf einmal da, schrieb Musik und machte verrückte Sounds mit Software und wusste: Da geht es für mich lang. Dann ging es im Rückwärtsgang und ich kaufte mir Roland- und Korg-Instrumente und lernte den analogen Kram. Das alles war eine so gigantische Welt von Möglichkeiten, dass ich – endlich wieder zurück in der Musikwelt – den Drang zu produzieren wieder hatte. Der Grund, warum ich seitdem bei elektronischer Musik geblieben bin, ist, dass sie sich immer neu erfindet. Ich mag Rockmusik immer noch, aber, abgesehen von einer Handvoll Acts, klingt es doch sehr “gleich” und stagnierend. Besonders momentan. Ich weiß, um die Ecke lauert bestimmt eine kleine Revolution, und ich denke auch, dass viele darauf warten …

Gibt es für dich zur Zeit denn eine Richtung, in die du dich entwickelst?

Bruno: Ich versuche, den Sounds etwas mehr Luft in den Tracks zu geben. Vielleicht etwas musikalischer zu werden, anstatt einfach nur eine Millionen Sounds in die Tracks zu werfen wie bei “Silver Cities”. Die Idee ist für mich zur Zeit eine begrenzte Zahl an Sounds zu nehmen und damit den gleichen Effekt zu bekommen. Das ist natürlich nicht grade eine neue Idee, nicht mal für mich, aber streng genug war ich noch nie. Trotzdem gehe ich jetzt mit einem viel feineren Kamm durch die Stücke und versuche Unnötiges, Frivoles wieder rauszuwerfen. Ich wäre gerne an einem Punkt, an dem ich, wenn das Vinyl erscheint, 100% glücklich mit dem Track bin. Ist das möglich? Ich weiß es nicht. “Ape Masquerade” ist so ein Versuch. Ich hatte mit Marc Leclair darüber geredet, eine EP auf seinem Label zu machen, aber es ist noch nichts fertig. Es sollte das gleiche Sounddesign wie bei “Silver Cities” werden, aber anders sein. Es war ein Ziel für mich, mein Musikmachen anders zu sehen. Mich selber zu limitieren, ist für mich der nächste Schritt, wohin auch immer das führt.

Welchen Job hast du?

Bruno: Ich arbeite für MusicNet. Die stellt Backend-Services für Online-MP3-Shops wie AOL, Virgin und HMV her. Ich persönlich kümmere mich um Warner Brothers’ “digital deliveries”. Mein Job ist es sicherzustellen, dass die Kids ihre Britney-Spears- und Nelly-Releases pünktlich bekommen.

Hast du Dark Angel gesehen?

Bruno: Nein, aber ich hab’s mir fest vorgenommen.

Hast du irgendeine musikalische Vorliebe, die niemand aus deinen Tracks heraushört?

Bruno: Ich denke nicht, dass meine Slayer-Einflüsse gut zu hören sind, aber wer weiß, eines Tages …

Wenn du eine Crew ähnlich denkender Musiker hättest … wer wäre dabei?

Bruno: Hm, ich glaub zwar nicht, dass sie ähnlich denken, aber sie inspirieren mich. Meine Traumcrew: Theo Parrish am Rhodes, Arnold Schoenberg macht Strings, Charles Wuorinen die Vocals und Tony Williams spielt Drums. Ich dürfte dann wahrscheinlich ihre T-Shirts zum Waschsalon bringen.

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Elektronische Lebensaspekte.