Wer beim Rappen auf einem Traktor sitzt, soll sich nicht beklagen, wenn er für einen Novelty-Scherz gehalten wird. Dabei will die Redneck-Personifikation Bubba Sparxxx doch nur seinen Südstaatenalltag in Reime packen. Kann er doch nichts dafür, dass er nicht aus der Bronx kommt. Zum Glück nimmt ihn zumindest Timbaland ernst.
Text: Harald Peters aus De:Bug 81

Timbalands letzter Streich

Bubbas Welt
Country mit Bubba Sparxxx

Bubba Sparxxx ist ein nachdenklicher Mann. Der Erfolg seines ersten Albums “Dark Days Bright Nights” stürzte ihn in eine ordentliche Krise, die er nun mit seinem neuen Werk “Deliverance” bewältigt haben will. “Deliverance” heißt Befreiung und bezieht sich auf einen gleichnamigen Film von John Boorman (“Beim Sterben ist jeder der Erste”) aus dem Jahre 1972. Darin begeben sich vier gut situierte Vorstadtmänner zum Beweis ihrer urwüchsigen Männlichkeit zu einer Wildwasserfahrt in die Wälder von Georgia. Dummerweise werden sie dabei von zwei weitaus urwüchsigeren Hillbillies auf denkbar drastische Weise behelligt. Ihm sei es dabei aber nicht um den Skandalfaktor gegangen, sagt Sparxxx, sondern um die Lektion, die der Film den geneigten Zuschauer lehrt.
Welche Lektion das ist?
“Manchmal begibt man sich in eine Situation, in die man nicht gehört. Dann passiert etwas.” Bubba Sparxxx hat sich in so eine Situation begeben. Er hat ohne Erfahrung und den nennenswerten Rückhalt einer Szene versucht, ein Spiel zu spielen, für das er nicht bereit war. Er wirkte zu blass und zu naiv. Er war der Hinterwäldler, der in einem Video seine Kräfte mit Mastschweinen maß und beim Rappen Traktor fuhr. Die Klischees, die er gerufen hatte, blieben plötzlich an ihm hängen. Man hielt ihn für einen guten Witz, obwohl er doch eigentlich ein nachdenklicher Mann war.

Bling Bling
Gewiss, er hatte Timbaland, und Timbaland hatte für sein erstes Album exakt zwei Ideen, die er gleichmäßig auf die Hitsingles “Ugly” und “Lovely” verteilte. Doch für “Deliverance” wollte Sparxxx mehr als nur zwei Hits, denn er hatte eine Vision. Auf der Basis von HipHop sollte das Album den Südstaatenalltag so lebendig wie möglich zeichnen. Es sollte beweisen, dass sich eine urbane Kultur auf einen ländlichen Zusammenhang übertragen lässt. Es sollte letztlich zeigen, dass HipHop auch ohne Bling Bling und Knarren denkbar ist – nicht weil nach Sparxxx etwas gegen Bling Bling und Knarren spricht, sondern weil es in Bubbas Welt kein Bling Bling gibt und man statt Knarren eher auf Schrotflinten schwört.
Deshalb gab Sparxxx seinen Produzenten Timbaland und Organized Noize die Aufgabe, einen Sound zu entwickeln, der seinen Reiminhalten entspricht. Sechs Monate haben sich Sparxxx, Timbaland und Organized Noize daraufhin so gut es ging von der Außenwelt abgeschottet, um nach Klängen zu fahnden, die der Aufgabenstellung gerecht wurden. Sie fanden Country, Bluegrass und Blues, sie entdeckten die geheimen Freuden elektrischer Gitarren. Sie entdeckten also die Dinge, die auch der Ex-Rapper Kid Rock schon einmal entdeckt hatte, bevor er sich entschied, sein Schaffen komplett in die Tradition von Lynyrd Skynyrd zu stellen.
Bei Sparxxx klingt das im Ergebnis natürlich anders. Obwohl es heißt, Sparxxx, Timbaland und O. Noize hätten ein völlig neuartiges Genre namens CountryHop kreiert, handelt es sich nach formalen Aspekten um HipHop in seiner klassischen Form. “Deliverance” bietet Samples, Beats und Reime, wobei der etwas lahme Vortrag der Reime handwerklich der schwächste Teil der ansonsten gelungenen Arbeit ist. Das countryeske Gefiedel und Gejodel, die Mundharmonikas und die Gitarren, treten dadurch zwangsläufig in den Vordergrund, weshalb weniger aufmerksame Hörer dazu neigen, die Kombination aus Beats und Gefiedel – gleich der Traktorfahrt und dem Nutztierringen im “Ugly”-Video – als einen weiteren Bubba-Witz zu verstehen. Darüber scheint Bubba ein bisschen besorgt, doch wirklich beunruhigen kann es ihn nicht. Immerhin hat er die Krise gerade erst mit dem wunderbar schwermütigen “Deliverance” hinter sich gebracht, und verspricht für die Zukunft, zur Abwechslung auch mal etwas Heiteres einzuspielen.

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Elektronische Lebensaspekte.