von Jörg-Uwe Albig
Text: Dominikus Müller aus De:Bug 142

Und dann ist da der Ausländer. Er sieht ungesund aus, seine Haut ist weiß und seine Haare haben eine Farbe “wie Kot“. An der Kreuzung wirft er sich auf die Kühlerhaube der “Konkubine“ und haucht auf die Windschutzscheibe. “Dann zog er die Zunge durch den Staubfilm, der im scharfen Licht flirrte.“ In der Luxuskarosse sitzen kleiner Ai und Meister Zhao. So fängt alles an, in China, in einer nahen Zukunft, und im neuen Buch von Jörg-Uwe Albig.

“Berlin Palace“ heißt es und seine Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Meister Zhao und Li Ai sollen einen Werbefilm für ein Parfüm namens “Wald“ drehen. Li Ai denkt an Hänsel und Gretel, an Deutschland und Romantik. Und er denkt an seine unerreichte Liebe Olympia Liang, jenes blasse, fast identitätslose Mädchen, das er als Gretel besetzen möchte. E.T.A Hoffmann winkt mit beiden Armen. Hier geht es um unerfülltes Begehren und hilflose, manische Projektion – im kleinen Privaten, wie im großen Gesamtgesellschaftlichen. 

Denn – man ahnt es schon – draußen in der Realität von Albigs Zukunftsstadt, in der immer die Sonne scheint, weil man die Wolken vertrieben hat, wohnen die Deutschen in Vorstadtslums und putzen an Kreuzungen Autoscheiben. Oder sie verdingen sich wie der blond-blauäugige und von einem Schäferhund begleitete Gangsta-Rapper Sigi als lederbehoster Schunkelsänger vor einem authentizitätssüchtigen Publikum, das Suaheli-Koseworte bevorzugt, Yak-Ayran oder philippinischen Zinfandel goutiert und sich mit seinen Stäbchen ständig Kostbarkeiten in den Mund schiebt, auf den Lippen immer eine Weisheit des großen Vorsitzenden Mao. “Warten ist wie Schwimmen im Fluss, ohne die Arme zu bewegen …“, und so weiter. 

Die Deutschen dagegen essen fettige, obszöne Würste und lassen sich mit Bier volllaufen. Gegen den Unterschichten- und Migrantenfrust. Oder einfach, weil man das in Deutschland halt so macht. Auf jeden Fall finden die Chinesen das toll. Angst, ja, Vorurteil, ja, verstohlene Bewunderung aber auch. Viel mehr passiert nicht in Albigs Roman, der über weite Strecken fast nur von der prallen Beschreibung seiner scheinbar verdrehten Welt lebt. Literatur als irre Projektion.

Damit das wirklich funktioniert, muss man diese chinesisch-deutsche Umdrehung also nicht nur einmal um die eigene Achse drehen, sondern dabei auch von den Füßen auf den Kopf stellen: weniger kontrafaktisches “Was-wäre-wenn?“-Märchen, das den doofen Deutschen einen Spiegel vorhält, als fieses Einnisten in ganz realen Projektionsstrategien jedweder Art. Die Dummen werden am Ende nämlich weder die Chinesen noch die Deutschen sein. 

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