Selbstinszenierung und Raumerforschung
Text: Jo Preußler aus De:Bug 118


Markus Mai und Thomas Wiczak (Hrsg.)
Das Gedächtnis der Stadt schreiben
(Dokument Verlag)

Die Stadt ist ein nicht rastendes Aufschreibesystem. Jede Oberfläche kann Teil des nicht lektorierbaren Skriptes werden, in dem sich Ideen und Geschehen niederschlagen. Nach der Logik von Beschleunigung, Aneignung und Stilbruch werden Spuren, Botschaften und Codes im wahrnehmbaren Stadtraum hinterlassen, gestört, umgewertet und gelöscht. Die Omnipräsenz von Schrift in der Stadt hat eine Situation geschaffen, in welcher jedes Zeichen vielfach symbolisch aufgeladen werden kann oder als sinnentleerte Matrix unsichtbar wird. Auch wenn Spielarten von Graffiti längst assimiliert sind, lassen sich in der Erfahrungswelt ihrer Autoren überraschende Ästhetiken und Konzepte finden.

Um Esprit und Strategien der Einschreibung in verborgene Schichten des versiegelten Metropolenleibes sichtbar zu machen, ist der Band “Das Gedächtnis der Stadt schreiben“ erschienen. In ihm finden sich fünfzehn künstlerische Arbeiten von einer Generation Berliner, die Spuren im Wunderblock der städtischen Oberflächen hinterlassen hat und nun die Disziplin der “Urban Calligraphy“ aufbrechen. Dass die versammelten Projekte, Zeichnungen und Konzepte vom Writing geprägt sind, zeigen die Techniken von individueller Schriftgestaltung, Selbstinszenierung und Raumerforschung.

In der Fixierung auf das Schreiben wurde leider zu viel Text angehäuft. Mehrere Autoren reflektieren ihre Vorgeschichte, mal spirituell, mal kritisch, fünf Essays öffnen, nicht immer erfrischend, den theoretischen Raum. Herausragend ist der Versuch eines wohl unaufführbaren Theatertextes, in welchem schizophrene Figuren wunderliche Styles verhandeln. Neben der Rückbesinnung auf die Hand als Seismographen, die vielleicht Schrift als Ziel hat, aber in Tanz oder Figur ausbricht, bestechen die dokumentierten Arbeiten im Stadtraum: “Deflower Hidden Places“ zeigt SPAIR bei Wanderungen durch unterirdische Kanäle und bei der Erkundung nichtfunktionaler Ritzen und Löcher in der Architektur. Statt Claims abzustecken, werden hier unwirtliche Räume wie Wohnungen eingeweiht. Auch Donwood Bricks versucht sich an einer Poetik der Stellen und Verstecke und kartographiert so die Orte und Freundschaften, die ihn begleiten oder heimsuchen.

Die Videostills und Fotos, die auf die Performances von Matthias Wermke verweisen, erzählen von der grotesken Aktualisierung historischer und alltäglicher Grenzziehungen. Komisch ist es, wenn er im laufenden Verkehr die Frontscheiben öffentlicher Verkehrsmittel putzt. Existentialistisch gibt sich dagegen Wilhelm Klotzek, der in die Rolle des römischen Clochards schlüpft und seine Träume an den Wänden des nächtlichen Obdachs hinterlässt. Um die Atmosphären zu erahnen, die die Autoren in gravierenden Momenten umhüllte, oder um die persönlichen Topographien begleiten zu können, kann man den 230 Seiten Schreibbewegung ruhig in Windungen folgen. Im Schatten des monumentalen Covers versammeln sich von hoher Aufmerksamkeit geschulte Arbeiten, die zu mehrdeutigen Lektüreabenteuern einladen und ebenso zu erneuten Verirrungen im urbanen Text anstiften.
http://www.dokument.org

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Elektronische Lebensaspekte.